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Mikroalgen - Ernährung der Zukunft

07.02.2017

In einem aus fünfhundert Kilometern Glasröhren bestehenden Photobioreaktorsystem produziert ein Unternehmen im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt Mikroalgen für den Lebensmittelmarkt, für die Futtermittel- und die kosmetische Industrie.

In einem 500 Kilometer langen Glasröhrensystem erzeugt das Unternehmen Roquette Klötze GmbH & Co. KG hochreine Mikroalgen-Produkte.

Algen zählen zu den ältesten Lebewesen auf der Erde. Schon vor etwa drei Milliarden Jahren „erfanden“ sie die Fotosynthese und sind auch heute noch dafür verantwortlich, dass jedes zweite Sauerstoffmolekül in unserer Atemluft von einer Alge stammt. Die Wissenschaft kennt bislang erst etwa 30.000 bis 40.000 verschiedene Algenarten. Die Zahl der noch unbekannten Algenarten schätzen Biologen um ein Zehnfaches höher. Nach der Studie „Wie isst Deutschland 2030?“ des Schweizer Lebensmittelkonzerns Nestle wird die Alge schon deshalb ein fester Nahrungsbestandteil sein, weil sie ressourcenschonend angebaut werden kann.

Mikroalgen (mikroskopisch kleine Algen), stehen als sogenanntes Phytoplankton am Anfang der Nahrungsketten. In der direkten Nutzung durch den Menschen führten sie bislang ein Schattendasein. Das änderte sich erst zur jüngsten Jahrtausendwende. „Und an diesen Veränderungen hat unser Produktionsstandort im Norden Sachsen-Anhalts einen großen Anteil“, sagt Diplom-Biologe Jörg Ullmann, Geschäftsführer von Roquette Klötze GmbH & Co. KG in Klötze, dem Produzenten der Algen.

Ein Projekt, das der Zeit voraus war  

Mikroalgen wachsen 10 bis 30mal schneller als Landpflanzen. Sie wandeln das Kohlendioxid effizienter in Sauerstoff um als die meisten Gräser und Bäume. Diesem Umstand machte sich der Merseburger Chemiker Professor Dr. Karl-Hermann Steinberg zunutze, um in den 1990er Jahren, als Forschungsdirektor des damaligen Chemieunternehmens  Preussag AG, eine technische Lösung für das Problem des vom Menschen verursachten Klimawandels durch steigende Kohlendioxidemissionen zu finden. Damals entstand das Konzept eines in sich geschlossenen, lichtdurchlässigen Röhrensystems, durch das Mikroalgen im Wasser strömen. Sonnenlicht und CO2 ermöglichen darin die Fotosynthese, den Aufbau von Biomasse und letztlich auch die Kohlendioxid-Speicherung.  Jedoch können solche Fotobioreaktoren nicht die großen Mengen von CO2-Emmission der Kohlenkraftwerke neutralisieren. Als die Preussag AG Ende der 1990er Jahre ihr Geschäftsfeld änderte, erwarb Professor Steinberg die Lizenzen an der Technologie. Seine Idee war es, die in den Fotobioreaktoren prächtig gedeihenden Mikroalgen anderweitig zu nutzen - insbesondere für die Herstellung von Hochwertprodukten.

Vom CO2-Speicher zum vitaminreichen Bioprodukt 

Vor 17 Jahren entstand mit Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt in der Altmark die bis dahin weltgrößte geschlossene Mikroalgen-Produktionsanlage.  In einem 500 Kilometer langen Glasröhrensystem auf einer Fläche von einem 1,2 Hektar können Mikroalgen geschützt vor Verunreinigungen aus der Umwelt gedeihen und jährlich zwischen 30 und 50 Tonnen Biomasse produzieren. Die daraus erzeugbaren Bioprodukte erschienen wirtschaftlich lukrativ. Gegenüber den bereits auf den internationalen Märkten etablierten Wettbewerbern aus Asien und Amerika, die Algenprodukte bislang in offenen Anlagen – zum Beispiel Teichen – produzieren, hat die Mikroalgenkultivierung in einem geschlossenen Röhrensystem zwei wesentliche Vorteile: Einerseits können damit biologische und chemische Verunreinigungen von außen – zum Beispiel durch Insekten, Luftschadstoffe oder toxinbildende Blaualgen – ausgeschlossen werden. Andererseits können die Algen viel besser gedeihen, weil alle rundum optimal mit Sonnenlicht versorgt werden. Es gibt keine dunklen Orte, wie beispielsweise am Teichgrund. 

Dennoch  erfüllten sich die hohen Erwartungen der damaligen Betreiberfirma Ökologische Produkte Altmark GmbH zunächst nicht. Die Gründe: Auf den traditionellen Märkten für Erzeugnisse aus Mikroalgen  – in Asien und in den USA – war der „Neuling aus Sachsen-Anhalt“ noch zu wenig bekannt und in Deutschland war die Zurückhaltung beim Kauf von Produkten aus Mikroalgen anfangs recht groß. „In gewisser Weise war das gesamte Konzept in vielen Dingen seiner Zeit voraus und der damalige Businessplan war einfach zu ambitioniert“, gibt Ullmann zu bedenken.

Neuanfang im Jahr 2004 mit neuen Investoren 

Doch gute Ideen setzen sich langfristig durch. Es gelang Professor  Steinberg, nach der Insolvenz der Betreiberfirma neue Investoren zu finden und die Anlage 2004 wieder in Betrieb zu nehmen. Seit Februar 2008 ist der Mikroalgen-Produzent aus Klötze eine hundertprozentige Tochter des französischen Familienunternehmens Roquette Fréres. Das Produktportfolio wurden deutlich erweitert, neue Prozesse und Technologien entwickelt sowie neue Firmenkooperationen und Kunden in Europa, Amerika und Asien gesucht. „Heute produzieren wir nicht mehr nur Erzeugnisse aus Chlorella vulgaris, sondern aus bis zu 14 verschiedenen Mikroalgenarten“, sagt Geschäftsführer Ullmann. 

Vielfältiger Nutzen von Mikroalgen

Erzeugnisse aus Mikroalgen sind auf vielen Märkten von Interesse. „Dazu zählen neben den Nahrungsmittelergänzungen, die wir in der Eigenmarke „Algomed“ vermarkten, auch Produkte für Kunden, die dafür ihr eigenes Label verwenden“, so Ullmann. Zu den neueren, mit Mikroalgen aus Sachsen-Anhalt produzierten Life-Style-Erzeugnissen, zählt beispielsweise das Erfrischungsgetränk Helga. Im Jahr  2015 erhielt es auf der Anuga in Köln den „Taste 15 Award“.

Autor:
Redaktion.Handelszeitung
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