Staunen und handeln am Souk
29.03.2006
Marokko
Orientalische Märkte (Souks) haben einen herben Charme. Im Ehrgeiz um Geschäfte kommen auch unorthodoxe Methoden zum Einsatz. Der Erlebniseinkauf in Marokko hält jedenfalls mehr, als er verspricht. Dass in den Maghreb-Staaten die Uhren anders gehen, muss auch die EU bei ihren Bemühungen um Wirtschaftsbeziehungen zur Kenntnis nehmen. Bericht über die Studienreise im Jahr 2001 nach Marokko von Max Pohl.
1422 - Der Mond war Ende März über dem ganzen Land sichtbar, also konnte das neue Jahr nach islamischer Zeitrechnung beginnen. Für Marokkaner traditionell mit einem Festmahl: Couscous, Mechoui oder Kefta, und alles reichlich gewürzt. Nichts für Touristen mit Magenbeschwerden. Aber mit dem bewährten Naturheilmittel Kreuzkümmel war auch dieses Problem bald aus der Welt geschafft und die österreichische Reisegruppe konnte sich ihrem eigentlichen Vorhaben widmen: Einer über 2.000 km langen Tour durch das märchenhafte Marokko. Die Städte Casablanca, Rabat, Meknes, Fes, Beni Mellal, Marrakech, Agadir, Essaouira und Safi markierten die Stationen der Reise.
Um den Neuankömmlingen bei 33°C in Casablanca den Einstieg zu erleichtern bzw. einen Anknüpfungspunkt zu schaffen, führte Mohammed, der marokkanische Reiseleiter, die Gruppe zunächst ins vollklimatisierte Hyat Regency. Die Hotelbar ist dem legendären Rick´s Cafe aus dem Filmklassiker "Casablanca" nachempfunden. 1942 auf dem Gelände der Warner Bros. Studios in den USA gedreht, kann heute niemand mehr sagen, ob Humphrey Bogart und Ingrid Bergman jemals marokkanischen Boden betreten haben - aber die Legende lebt. Und sie passt gut in das Bild von 1000 und einer Nacht, das Ausländer von Marokko erwarten - und auch bekommen.
Schon deswegen, weil vieles im Verborgenen bleibt, nur von der Fantasie ausgemalt werden kann. Königspaläste und Moscheen sind für Touristen tabu, können also nur von außen besichtigt werden. Eintauchen kann man hingegen in das Leben in den Altstädten (Kashbas) und deren Märkte (Souks). In den engen Gassen wähnt man sich in längst vergangene Zeiten zurückversetzt. Schreiende Händler bieten ihre Waren an: Obst, Gemüse, Gewürze. Der Begriff "Frische" gewinnt eine neue Dimension, Hühnern wird vor den Augen der Kunden der Kragen abgedreht. Nebenan der "unnormale" Metzger, der Fleisch und Fett zu einer undefinierbaren Masse verarbeitet. Der Markt ist gleichzeitig Produktionsstätte, in den Handwerksvierteln wird gegerbt, getöpfert, gezimmert. Mit bloßen Händen werden Stoffe gefärbt, den Arbeitern sieht man an, welche Farbe heute an der Reihe ist. Je nach Tagesproduktion sind ihre Arme bis zu den Schultern klatschmohnrot, indigoblau, safrangelb …
Das Gedränge wird immer bedrohlicher, je weiter man in dieses Labyrinth vordringt. Esel, vollbepackt mit Waren, werden durch die Menschenmenge getrieben. Schnell ausweichen, ein Torbogen bietet vermeintlich Schutz. Und schon ist man in eine Teppichhandlung gezerrt, hat ein Glas Pfefferminztee in der Hand und muss eine Präsentation von Kelims (Berberteppiche) über sich ergehen lassen. Unverschämt hoch werden die Preise angesetzt, handeln gehört schließlich zum Geschäft und wenn man geschickt ist, bekommt man das gute Stück um einen Bruchteil der geforderten Summe. Aber nicht immer sind die Marokkaner kompromissbereit.
Fischereiabkommen gescheitert
Gescheitert sind etwa die Verhandlungen über ein neues Fischerei-Abkommen zwischen der Europäischen Union und Marokko. Dies teilte EU-Agrarkommissar Franz Fischler nach einem Gespräch mit dem marokkanischen Fischereiminister Said Chbaatu Ende März 2001 in Brüssel mit.
Bis 2010 will die Europäische Union im Rahmen des EU-Mittelmeer-Programms MEDA eine Freihandelszone geschaffen haben. Die Partnerschaft zwischen der EU und südlichen Mittelmeer-Anrainerstaaten war 1995 auf der Barcelona-Konferenz mit dem Ziel, eine Zone des Friedens und der Prosperität zu schaffen, beschlossen worden. Mit MEDA II ist im November des Vorjahres in Marseille die Intensivierung der Kooperation für den Zeitraum von 2000 bis 2006 eingeleitet worden.
Mit Marokko, Tunesien und Ägypten bestehen bereits solche Abkommen. Ziel ist eine höhere Auslandsinvestition durch eine Verbesserung der rechtlichen Grundlagen in den EU-Anrainerstaaten. Die Umsetzung solcher Programme mutet zuweilen befremdlich an. Just zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts hält der Mischkonzern Masterfoods in Marrakech einen Sales Congress ab. Während Manager im Palais de Congress neue Business-Pläne erarbeiten, promoten junge Mädchen und Burschen in den Souks "Mars" und "Cesar". Skuriler könnte der Kontrast zu den Ständen mit Datteln und Kuttelfleck kaum sein. Märchenerzähler und Feuerschlucker stehen den modernen "Gauklern" des Westens gegenüber. Und deren Einfluss auf Marokko nimmt zu. So altertümlich die Altstädte wirken - begibt man sich auf den nächstbesten Hügel, blickt man auf ein Meer aus Satellitenschüsseln. Big Brother als Alternative zur Koranlehre im staatlichen Fernsehen.
Die Handelsstatistik zwischen Österreich und Marokko fällt derzeit noch eher bescheiden aus. Laut Abteilung für Statistik der Wirtschaftskammer Österreich stehen Einfuhren im Wert von 800 Mio. S Exporten in der Höhe von 360 Mio. S gegenüber. Den größten Brocken bei den Importen machen marokkanische Textilien (469 Mio. S) aus, Nahrungsmittel (Obst und Gemüse) spielen wider Erwarten eine untergeordnete Rolle (54 Mio. S). Kurioserweise haben Textilien auch den größten Anteil (102 Mio. S) an den Ausfuhren nach Marokko. Die österreichische Reisegruppe absolvierte neben dem kulturellem Programm auch einige Fachbesuche: Besichtigt wurden eine Gewürz- und Medikamentenhandlung, Rosenzucht, Orangenplantage, Fischmarkt, Bauernhof und Weinerzeugung.

DIE HANDELSZEITUNG
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