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Das Cacao-Programm von Fairtrade ermöglicht den Kleinbauern in Côte d’Ivoire aufgrund fairer Preise ein besseres Leben

Bauer sucht Fairtrade

14.12.2015

Durch das von Fairtrade initiierte Cacao Programme ist nicht nur den Produzenten vor Ort geholfen, sondern auch den Herstellern in den Industrieländern.

Es könnte wohl keinen besseren Zeitpunkt geben als jetzt, eine Reise in ein Dritte-Welt-Land in Afrika zu organisieren. Gerade in dieser Zeit, wo tausende Flüchtlinge auch aus wirtschaftlichen Gründen ihr Land verlassen, ist es an der Zeit, die ökonomische und gesellschaftliche Situation vor Ort in den krisengebeutelten Ländern zu stärken.  Denn die Bewohner eines armen Landes wollen in ihrer Heimat  und bei ihrer Familie bleiben, sie wollen einfach nur genug Geld zum Überleben verdienen können. Genau hier setzt Fairtrade an. Die  92 % aller Österreicher bekannte internationale Organisation hat eine Reise an die Elfenbeinküste, Côte d’Ivoire, organisiert, um zu zeigen, welchen Meilenstein die Implementierung des Fairtrade „Cacao Programs“ im Jahr 2013 mit sich brachte. Die Handelszeitung konnte sich ebenfalls an Ort und Stelle überzeugen.

Kakao unter fairen Bedingungen

Wenn man in der gesellschaftspolitischen Entwicklung ein positives Beispiel sucht, so kann man getrost auf das Fairtrade-Programm für Zucker und Kakao zurückgreifen. Es bezieht sich jeweils auf eine fair angebaute und gehandelte Einzelzutat. Im Fall der Schokolade muss etwa nur der Kakao im jeweiligen Mischprodukt Fairtrade-zertifiziert sein. Mit einem Schlag erhielt der zertifizierte Kakao eine höhere Abnahme und Akzeptanz bei der Industrie. Andreas Heindl, Geschäftsführer des gleichnamigen österreichischen Schokoladeproduktions-Unternehmens, sieht die Sache ganz pragmatisch: „In einem Land wie Österreich, wo Regionalität mehr denn je propagiert und gelebt wird, wäre es nicht förderlich, Zucker aus dem Ausland zu beziehen. Aber Kakao gibt es bei uns nicht, deshalb bin ich froh, dass wir nun auf Kakao und Schokolade mit Fairtrade-Siegel zurückgreifen können.“  Confiserie Heindl hat mit Oktober 2104 die gesamte Produktion und damit das gesamte selbst erzeugte Sortiment umgestellt und ist somit Vorreiter des Fairtrade Kakao-Programms in Österreich. „Das Programm ermöglicht den Kleinbauern mehr Kakao unter fairen Bedingungen zu verkaufen und somit besser zu leben“, beschreibt Andreas Heindl die verbesserte Lebenssituation der  afrikanischen Landwirte. Als Industriepartner fair zu produzieren kostet mehr, es zahlt sich aber aus, denn nicht nur die Region des Anbaugebierts wird gestärkt, auch der Einsatz von Pestiziden ist durch  einen gut entwickelten Anbau wesentlich geringer. Die Confiserie Heindl verarbeitet im Jahr 450.000 kg Schokolade und somit 6000 kg Kakao. „Wir bezahlen für die Kakaobohnen in der Schokolade eine Lizenzgebühr 0,33 € pro Kilo und für die 450.000 Kilo Schokolade von Barry Callebaut um 108.000 € mehr als üblich“, so Heindl.

Ziel: 200.000 Fairtrade-Bauern

Barry Callebaut ist einer der großen direkten Abnehmer von Fairtrade-zertifizierten Kakaobohnen. Cargill ist der andere wichtige Großhändler für die Region und auch der Hauptpartner der Kooperative CANN in N’Douci, im Norden der Hauptstadt Abidjan. Beide Unternehmen versorgen Konzerne wie Nestlé und Mondelēz mit dem zertifizierten Kakao. Mondelēz International, der größte Schokoladenkonzern der Welt, erweiterte jüngst sein Cocoa-Life-Programm an der Elfenbeinküste. Partner ist so wie bei Heindl Barry Callebaut, der weltweite Marktführer in der Erzeugung von Schokolade und Kakaoprodukten, und Solidaridad, eine internationale Entwicklungs-NGO. Gemeinsam haben sie sich das Ziel gesetzt, die Kapazitäten und die Reichweite des Cocoa-Life-Programms erheblich auszudehnen und mehr als 200.000 Bauern an der Elfenbeinküste in fünf Kakaoregionen bis zum Jahr 2022 zu unterstützen. In dieses Projekt investiert Mondelēz International 400 Millionen US-Dollar. Cathy Pieters, Director von Cocoa Life bei Mondelēz International: „Die neuen Partnerschaften ermöglichen uns, innerhalb von nur zwei Jahren die Zahl der Bauern im Cocoa-Life-Programm zu verdoppeln. Ihr zusätzliches Fachwissen wird uns helfen, florierende Kakaoregionen zu schaffen und die nachhaltige Kakaoproduktion zu fördern.“ Alle Teilnehmer der Fairtrade-Initiative können auf die laufende und lückenlose Überprüfung durch FLOCERT vor Ort vertrauen. Die unabhängige Zertifizierungsstelle kontrolliert den Weg der Kakaobohne vom Baum bis ins Geschäft.

Je mehr, desto besser

Bei dieser Kontrolle wird auch der Mengenausgleich kontrolliert, um dessen Existenz alle Unternehmen wissen: Aufgrund der derzeit noch geringen Mengen an Fairtrade-Kakaobohnen können diese nicht getrennt von konventioneller Ware verarbeitet werden. Es gibt also keine physische Rückverfolgbarkeit. Der Nutzen für die Bauern und somit ihr Zusatzeinkommen/Prämie ist aber sichergestellt und wäre anders nur dann möglich, wenn sich die Fairtrade-Menge in solchem Maße erhöht, dass die Verarbeitung getrennt passieren kann. „Das ist uns allen in Wahrheit ein großes Anliegen“, so Fortin Bley, Generalsekretär der Kakaokooperative CANN an der Elfenbeinküste. Die Massenbilanz kann nur durch den Einstieg der Industrie-Partner in das Kakao-Programm gesteigert werden. Ein Vergleich mit dem Prinzip der Einspeisung von Ökostrom wird von den Fairtrade-Verantwortlichen oftmals angeführt: Auch aus der Steckdose der Ökostromkunden kommt nicht reiner Ökostrom, sondern ein Energiemix. Die reine Trennung würde ein eigenes Verteilernetz erfordern, das kostentechnisch nicht machbar ist. Aber alleine durch die Einspeisung ins allgemeine Stromnetz kann erneuerbare Energie ausgebaut werden. So stellt das Kakao-Programm sicher, dass für alle Fairtrade-Bauern stabile Mindestpreise und die Fairtrade-Prämie ausbezahlt werden.

Arbeitsintensiver Anbau

Der Absatz von Schokolade ist in Europa mit 47 % Weltanteil am höchsten. So süß die aus Kakaobohnen und -butter gewonnene Nascherei schmeckt, so hart und arbeitsintensiv ist der Anbau der Kakaobohnen. Die Elfenbeinküste liegt mit 37,1 % an der Spitze der Anbauländer, gefolgt vom Nachbarstaat Ghana (21,9 %), schließlich folgen Indonesien mit 11,2 % und Nigeria, Brasilien, Kamerun und Ecuador im einstelligen Prozentbereich. Kakao wächst in tropischen Ländern, womit bereits die erste Erschwernis erwähnt ist. Bei einer durchschnittlichen Lufttemperatur von 35° C ist Arbeiten auf einer Plantage kein Honiglecken. Kommt dann auch noch die Regenzeit dazu, so steht das Wasser wie Perlen auf der Haut – ohne dass die Menschen körperlich arbeiten. Schwitzen lockt naturgemäß Mücken an, die an der Côte d’Ivoire stark malariaverseucht sind. Um bei den Tieren zu bleiben: In den Kakaobäumen und den benachbarten Bananenpalmen fühlt sich die Giftschlange „Grüne Mamba“ sehr wohl. Ein einziger Biss ist ohne Gegengift tödlich. Abseits der naturgegebenen, oftmals lebensgefährlichen Bedingungen ist auch der Anbau der Kakaobohnen eine mühsame Sache: Die großen Kakaoschoten reifen nicht alle zur gleichen Zeit, deshalb ist eine kontinuierliche Pflege und Ernte notwendig. Darüber hinaus sind die Schoten sehr anfällig für Krankheiten und Schädlinge, die Ernteausfälle möglich machen. Es gibt zwei große Erntezeiten im Jahr.

Staat gibt Preise vor

Ist die gelbe oder rote Schote reif, so wird sie mit der Hand und einer Machete geerntet, mit Stöcken aufgeschlagen, um die weichen weißen und feuchten Bohnen freizulegen. Diese bettet man in großen Mengen in Bananenblätter, um die Fermentierung zu starten und wickelt sie gut ein, um den Prozess zu beschleunigen. Erst nach sieben Tagen ist der Gärungsprozess abgeschlossen, und die Kakaobohnen werden zum Trocknen durch die Sonne in das Dorf transportiert. Man lässt sie nicht einfach nur liegen, sondern muss sie in sehr kurzen regelmäßigen Abständen durchmischen und die schlechten Bohnen aussortieren – eine Arbeit, die an jene von Aschenputtel erinnert. Nach etwa zwei Wochen füllen die Bauern die getrockneten braun-schwarzen Bohnen in Jutesäcke, die die Kooperative mit einem Lkw aus dem Dorf abholt. Bevor sie an die Großhändler verkauft werden, müssen sie noch einen Feuchtigkeitstest bestehen, der sie bei Nicht-Erfüllung wieder ins Dorf zurückgehen lässt. Gehört man nun als Bauer keiner Fairtrade-Kooperative an, so bekommt man für das Kilo die 1000 CFA-Francs (1,5 Euro), die vom Staat (Conseil du Café-Cacao) für die erste Ernte im Jahr festgesetzt worden sind. Um zu erkennen, wie politisch auch die Agrarwirtschaft im Land tickt, muss man sagen, dass der diesjährige Preis kurz vor den Wahlen im Oktober 2015 um 150 CFA-Franc hinaufgesetzt wurde, um die Stimmung unter der ländlichen Bevölkerung zu verbessern. Wie erwähnt: den staatlich festgesetzten Verkaufspreis bekommt jeder Bauer für sein Kilogramm Kakaobohnen.

Zusätzliche Prämie bei Fairtrade

Ist man nun Fairtrade-Bauer, so bekommt man von der Kooperative auch noch 35 CFA-Franc pro Kilo, die Kooperative bekommt pro Kilo zusätzlich noch 88 CFA-Francs (etwa 13 Cent) Prämie vom Großhändler. Auch eine Fairtrade-Prämie gibt es. Sie beträgt 200 US-Dollar pro Tonne. Dazu ein Vergleich: Ein Universitätsdozent aus Abidjan verdient 800 Euro pro Monat und gehört somit zu den Spitzenverdienern.  Unter den Fairtrade-Umständen ist das Leben für viele Bauern lebenswerter geworden. Die Zusammenarbeit mit der Kooperative ist eine gute. Viele Non-Fairtrade-Bauern streben danach, eine Zertifizierung zu bekommen, auch wenn das höhere Kosten und einen höheren Aufwand bei den Audits bedeutet. Fünf Kooperative gibt es an der Elfenbeinküste, wobei CANN in N’Douci eine der größten ist. Sie wurde 2005 gegründet und erhielt 2010 die Fairtrade-Zertifizierung. Rund 700 Bauern aus der weiteren Umgebung gehören dazu, sie haben eine Produktionsfläche von etwa 3000 ha und produzieren 750.000 Tonnen Kakao, davon  sind 29 % Fairtrade. UTZ und Rainforest Alliance Siegel sind auch bei einigen Mengen ein Thema.

Bessere Ernährung und medizinische Hilfe

Nun profitieren zunächst die einzelnen Bauern von dem höheren Preis: sie können ihre Großfamilie besser ernähren und im Notfall auch medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Eine grundsätzliche Sozialversicherung gibt es nicht. Was aber im Überlebenskampf wirklich zählt, ist die Fairtrade-Prämie. Sie stärkt die ganze Organisation und wurde in diesem Ort bereits in zwei Schulen, eine Kantine und sanitäre Anlagen investiert. Bildung ist ein Faktor, der die Kinder in Zukunft besser leben lässt. Weiters werden die Bauern mit Stiefeln und langen Macheten (um auch Schlangen auf Distanz halten zu können) ausgestattet. In eigenen Baumschulen werden Setzlinge der Sorte CRNA, dem „Mercedes“ unter den Kakaopflanzen, herangezogen und den Bauern kostenlos zur Verfügung gestellt. Dazu gibt es auch eine umfassende Beratung im Anbau, der Pflege und der Ernte, um die Arbeit zu erleichtern. Arbeitssicherheit und Qualitätsanalysen sind dabei ein wesentliches Thema. Und auch um Spritzmittel in vertretbaren Mengen kümmert sich die Kooperative. Nicht zuletzt wird aus dem Geld auch der Transport vom Dorf zur Kooperative finanziert, der sich in Regenzeiten aufgrund überschwemmter Erdstraßen sehr schwierig gestalten kann.  Hartwig Kirner, der Österreich-Geschäftsführer von Fairtrade: „Durch die Aufnahme von Nachhaltigkeitsprogrammen in die Unternehmensziele der Schokoladenkonzerne wird sich auch in Zukunft noch einiges Positives tun. Das Kakaoprogramm war ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung.“

Gabriele Jiresch

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