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Elisabeth Köstinger, Ministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus, mit Stephan Pernkopf, Präsident des Ökosozialen Forums

Bauerngipfel: Offenes Lob für Rewe, versteckte Kritik an Spar

31.01.2018

Rewe  Österreich-Chef Marcel Haraszti  gibt bei der Wintertagung 2018 des Ökosozialen Forums Österreich das Startsignal für flächendeckende Einführung des AMA Gütesiegels für Schweinefleisch und Rindfleisch bei Billa und Merkur.  

Markige Bauernregeln für den Umgang mit dem Lebensmittelhandel wurden vergangenen Montag bei der Auftaktveranstaltung zur Wintertagung des Ökosozialen Forums im Wiener Austria Center verkündet: Die wichtigste Forderung der türkisen Agrar-Politprominenz: Umfassende Kennzeichnung der Herkunft von verarbeiteten Lebensmitteln, insbesondere die klare Herkunftsdeklaration von im Ausland hergestellten Billighandelsmarken.

Elisabeth Köstinger, Bauerntochter aus Kärnten und in der neuen Bundesregierung Ministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus,  beanstandete „fehlende Transparenz bei den Eigenmarken des Lebensmitteleinzelhandels“, forderte angesichts der hohen Konzentration im heimischen LEH  Maßnahmen der  Bundeswettbewerbsbehörde gegen Marktmacht-Missbrauch (dazu zählen beispielsweise Listungsgebühren) und kündigte die Einrichtung einer Beschwerdestelle für Bauern an, die auch anonyme Hinweise für unfaire  Wettbewerbspraktiken der Händler entgegennehmen sollten. 

Hart fielen die Attacken aus, die Landwirtschaftskammerpräsident Hermann Schultes im Anschluss an die Rede der Ministerin gegen einzelne Handelsgruppen abfeuerte. „Die Zusammenarbeit mit dem Handel ist individuell  sehr unterschiedlich. Es gibt Einkäufer mit besserem und solche mit schlechterem Benehmen. Was uns Sorge bereitet ist,  wenn der Handel politische Themen spielt“, sagte Schultes bei der Podiumsdiskussion. Er nannte keine Namen, betonte aber, dass sich  diese Kritik nicht gegen den Marktführer, die Rewe richte, die auch heuer wieder die Wintertagung sponserte und deren Österreich-Chef, Marcel Haraszti  am Podium mitdiskutierte.  Für Insider war klar, dass nur die Spar gemeint sein konnte, deren Vorstandsvorsitzender Gerhard Drexel zuletzt mit seiner Forderung nach einem generellen Glyphosat-Verzicht bei der Lebensmittelproduktion die Zornesader des LK-Präsidenten hatte anschwellen lassen.  

Herkunftskennzeichnung: Jagd auf Handelsmarken, Schonzeit für Gastronomie

Bereits im Juli 2017 hat die Spar ihre Eigenmarken-Produzenten angewiesen, Glyphosat aus allen Spar-Eigenmarken-Produkten zu verbannen. Dem hält die Agrarierseite Panikmache  entgegen, denn zum Zeitpunkt der Ernte seien sämtliche von heimischen Bauern produzierten Lebensmittel –Grundprodukte zu 100% Glyphosat-frei.  Es könne nicht sein, dass 100% der heimischen Landwirtschaft sich dem Diktat eines Abnehmers von 10% der Produktion beugen müssten, polterte Schultes.

Glyphosat-Thema abgehakt, es folgte  das Hauptkapitel der Agrarier -Protestnote  in Richtung  Lebensmittelhandel: „Reden wir über die Herkunftstransparenz bei Billighandelsmarken, die aus dem Ausland kommen!“ Wenn der Konsument in den Supermarktregalen billiges Putenfleisch  angeboten bekommt, das von Tieren stammt, die im Ausland bei einer viel höheren, Tierunwohl-erzeugenden  Besatzdichte  mit Gen-verändertem Eiweißfutter geschnellmästet wurden, dann solle diese agrarindustriellen Praktiken durch eine entsprechende Herkunftsdeklaration auch transparent gemacht werden. Unisono mahnten Köstinger und Schultes diese Kennzeichnung bei Handelsmarken mit verarbeiteten landwirtschaftlichen Produkten  und beim Lebensmittel-Angebot für Kantinen und Großküchen (und in der Folge auf den Speisekarten) ein. Herkunftstransparenz  könne verhindern, dass ausländische Produzenten mit niedrigeren Standards über den Preis österreichische Hersteller mit ihren höheren Standards von Markt verdrängen.

Es mutet schon ein wenig seltsam an, dass die Vertreter der Landwirtschaft der Gastronomie, was die Ehrlichkeit bei Offenlegung der Lebensmittel-Herkunft betrifft, einen Vertrauensvorschuss gewähren, den Händlern aber bei ihren Eigenmarken Verschleierungstaktik unterstellen. Wird da mit zweierlei Maß gemessen? Und wie fair ist dieser Vorwurf angesichts der Tatsache, dass alle namhaften Handelsgruppen, einschließlich der Diskonter Hofer, Lidl und Penny in den letzten Jahren einen „Treue-Eid“ auf Lebensmittel rotweißroter Herkunft abgelegt haben. Verwunderung über den pauschal erhobenen Vorwurf, die Eigenmarken des Handels würden dem Import minderwertiger Lebensmittel aus dem Ausland Vorschub leisten, kommt auch in der Stellungnahme zum Ausdruck, die die Handelszeitung bei der Spar Hauptzentrale  eingeholt hat (siehe unten).

Paukenschlag: Billa und Merkur  starten mit AMA Gütesiegel bei Schweine- und Rindfleisch

Marcel Haraszti, seines Zeichens Bereichsvorstand Österreich der Rewe International AG,  nützte die Gunst der Stunde und  legte auf dem Agrarier-Gipfeltreffen ein  umfassendes Bekenntnis  der von ihm geführten  Formate Billa und Merkur  zu einer verstärkten Zusammenarbeit mit der heimischen Landwirtschaft ab. Top-aktuelles Highlight dieser pro- Austria-Charta:  Ab der kommenden Woche werden alle Billa- und Merkur-Filialen beim Schweinefleisch ausschließlich  AMA-Gütesiegel-Ware anbieten. Ab März wird auch das  gesamte Rindfleisch-Sortiment von Billa und Merkur das AMA Gütesiegel tragen.

Über die Details dieses  Kraftaktes, der die Rewe Gruppe endlich in die Lage versetzt, beim Angebot  von Frischfleisch in AMA-GS-Qualität mit der Spar gleichzuziehen, berichtet unser Schwester-Medium Fleischerzeitung in ihrer nächsten Ausgabe, die kommende Woche erscheint. Soviel aber sei schon vorweg verraten: Mastermind dieser großen Umstellung in der Rewe-Fleischstrategie  ist Michael Riegler, Geschäftsführer der Firma Rewe Fleischwaren. Als ehemaliger Landwirt hat er es verstanden, bei den langen Verhandlungen mit  der Bauernschaft, ihren Verbänden, den Schlachthöfen und der AMA ein gutes, Kooperationsklima herzustellen.  

In der Werbung kommt es zu einer  engen Verschränkung  zwischen der Rewe-Eigenmarke Hofstädter und der Auslobung des AMA Gütesiegels. Die Adeg, die derzeit im Fleisch-Branding noch auf die Marke efef setzt und das Diskontformat  Penny, im Fleischgeschäft unterwegs mit der Eigenmarke „Ich bin Österreich“ , dürften zu einem späteren Zeitpunkt auf den AMA-GS-Zug aufspringen. Die Gastro-Großhandelskette AGM ist schon seit längerer Zeit  AMA-Gütesiegel-Partner.

Ausgeblendet blieben bei diesem Hochamt für die AMA-amtliche Herkunftskennzeichnung in Rotweißrot, das symbolträchtig im Austria Center zelebriert wurde, viele Baustellen und Problemfelder: Dass eine Herkunftsdeklaration die Markenpflege nicht  ersetzen, sondern nur ergänzen kann. Dass die Österreich-Herkunft  von Lebensmitteln nicht „automatisch“ mit Premiumqualität gleichzusetzen  ist. Dass die Auslobung „Produkt aus der Region“ keine Zauberformel für den Markterfolg ist. Und dass die von der Politik versprochene bürokratische „Marscherleichterung“  für bäuerliche Direktvermarkter bei den Auflagen für die  Qualitätskontrolle für die gewerblichen Verarbeitungsprofis einen bitteren Beigeschmack haben mag.

Ein Diskussionsbeitrag aus dem Publikum lieferte Haraszti die Idealvorlage für eine Schlusspointe. Die Merkur Restaurants könnten doch ihren Gäste Auskunft über die regionale Herkunft der Menükomponenten geben, so lautete der Vorschlag. Mit der Ankündigung, diesen Vorschlag beherzigen zu wollen, erntete der Herr über Billa und Merkur lebhaften Applaus. Typisch österreichisch: Ein  publikumswirksame inszeniertes Händler-Bashing  klang, wie Beethovens Pastorale (letzter Satz: „Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm“) mit freundlich-heiterem Beisammensein beim „Ja! Natürlich“-Buffet aus.       

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger
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