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BSE Tagebuch Mai 2001

17.07.2002

3.5.2001
Donnerstag ist Fleischpreistag. Im Haushaltspostwurf von Adeg und Magnet wird der 1. Geburtstag dieser Unternehmenskonstellation (Magnet war vorher bekanntlich die Verbrauchermarktschiene von Tengelmann in Österreich) unter anderem mit folgenden Fleischangeboten gefeiert: 1kg Schweinsschnitzel im Ganzen 64,90 S, 1kg Beiried oder Rostbraten sowie 1 kg Kalbsbraten gerollt je 129,90 S. Bei Wurst präsentieren sich eine Berger Extra mit 22,90 S im 500g-Kranz und der efef-Toastblock um 9,90 S per 10 dkg ganz tief. Billa liefert seine Rindsschnitzel im Ganzen per Kilo für 99,90 S, die 500g-Kranz-Extra in der Truthahnvariante ist um 19,90 S zu haben. Spar thematisiert hingegen seine Bio-Weidenrind-Linie. Das Trading-up des Markenkonzepts schlägt sich auch in höheren Preisen nieder. Rindschnitzel geschnitten kostet per kg 179 S, mageres Gulaschfleisch 109 S. Taxi Orange verbindet mit dem Lebensmittelhandel mittlerweile nicht mehr nur die lange Liste von Markenartiklern, die da wie dort gelistet sind. Billa hat sich ganz massiv in das Reality-TV-Vehikel gesetzt und bietet eine exklusive Produktpalette: Schlapphut, Wasserball, Duschtuch, Haargel, Haarklemme und T-Shirt sind da im Taxi-Orange Outfit zu haben. Weiters stehen Shower-Mousse und Deospray, ein sogenannter Support-Drink „Cool Orange“ und ein Frizzante zu Auswahl. „So macht das Mitfiebern mit seinen Idolen noch mehr Spaß“, meint man bei Billa.

8.5.2001
„Fürchtet Euch nicht, ich bin es!“ Diese oder ähnliche Worte finden sich in der Bibel recht häufig. Sie kommen dann zur Anwendung, wenn der Herrgott persönlich in Erscheinung tritt – als brennender Feuerbusch oder ähnliches Naturwunder. Das Zitat lässt sich auch auf das ähnlich mächtige Medium Nummer 1 in Österreich, die Kronenzeitung und ihren Big Boss Hans Dichand umlegen. Man erinnere sich nur an die Countdown-Berichterstattung der Krone rund um BSE. In den täglichen Schlagzeilen hat die das Boulevardblatt das Land mit BSE immer enger eingekreist. „Morgen hat´s das erste Rind und übermorgen kostet´s wohl das erste Menschleben“, so das Rumpelstilzchen-artige Szenario, das die Krone in den Raum stellte. Jetzt aber wurde alles anders. Krone-Chef Dichand, Auhirsch und Krone-Autor Günther Nenning und der Öko-Lobbyist Gerhard Heilingbrunner haben sich zusammengetan, um das Bauernmanifest zu proklamieren. „Fürchtet Euch nicht, wir sind es!“ tönt es aus einem mit dem Gemälde „Das Mittagessen“ von Albin Egger-Lienz (freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Sammlung Dichand) dekorierten Grundsatzstatement mit der Headline „Gesundes Essen kommt vom Bauern“. Und der brennende Dornbusch spricht gewichtig zu uns: „Die schwarzen Rauchsäulen der Tierscheiterhaufen steigen zum Himmel. Wecken die Feuerbrände endlich das schlafende Gewissen einer Welt die sich zivilisiert nennt?... Billig, aber schädlich – ist das die Richtung, in die unsere Lebensmittel rutschen, bis sie schließlich Sterbensmittel geworden sind? Nein, wir müssen umkehren – mit aller Kraft unseres Optimismus. Wir wollen eine Zukunft, in der eine glücklichere Generation die Rauchsäulen der Vernichtung nur noch vom Hörensagen kennen wird.Profit und nichts als Profit, unter Verachtung von Natur und Gesundheit, unter gotteslästerlicher Verletzung der Würde von Mensch, Tier und Pflanze – das ist nicht die Marktwirtschaft, für die wir eintreten, sondern ein Rückfall in Barbarei. Die Verhöhnung von Gottes Schöpfung hat sich schrecklich gerächt. Ungehemmte Brutalität, falsche Globalisierung, Vernichtung des Bauernstandes – dazu sagen wir leidenschaftlich Nein. Wir müssen neu beginnen“. Das Manifest geht an dieser Stelle noch weiter, anstelle der göttlichen Strafblitze folgt jetzt allerdings ein rosigeres Zukunftsszenario. Am wichtigsten dabei ist: „Wir wollen dafür sorgen, dass dieses Manifest an allen Stalltüren seine Platz findet. Und weil es dort vielleicht nicht alle Geschöpfe Gottes lesen können, möge es auch sonst jedermann an seine Wand pinnen, „in allen einschlägigen Instanzen in Staat, Gesellschaft und Kirche“. Womit sich der Kreis geschlossen hätte – wie schon gesagt: „Fürchtet Euch nicht, ich bin es!“

9.5.2001
Mit der Macht der Medien ist es schon eine ganz besondere Sache. Das hat diese Woche zum Beispiel der österreichische Justizminister Böhmdorfer sehr nachdrücklich zu spüren bekommen. Da hat er zunächst einen Entwurf zur Strafrechtsnovelle vorgelegt, wonach Journalisten bei einer ganz bestimmten Form von Vergehen (Veröffentlichung geheimer Dokumente zum Schaden Dritter) mit bis zu sechs Monaten Haft bedroht werden. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Die Medienwelt sieht in diesem Ansatz geschlossen eine Einschränkung der Medienfreiheit. „Die Novelle bleibt!“, wies Böhmdorfer die Kritik zunächst zurück. Gestern hatte er sich´s dann anders überlegt. Wenn alle für die Novelle verantwortlichen Stellen dagegen seien, dann komme die Novelle halt nicht, wissen wir nun. Ganz anders und beeindruckend unmittelbar kommt die Macht der Medien beim Bürger zum Tragen. Mein Lieblingsanschauungsunterricht dafür ist – wie in diesem Tagebuch schon einmal ausgeführt – der Ö3-Mikromann. Heute Früh hat er jenen Ferrari in den Mittelpunkt seiner Fragen gerückt, den Ö3 gemeinsam mit powerwinning.com (übrigens auch ein Kooperationspartner von LK-Handelszeitung) am kommenden Wochenende verlost. Die Befragten wurden mit dem Gewinnspiel und dem Auto konfrontiert und darauf hingewiesen, dass der Ferrari 400 PS unter der Haube hätte. Dann die Fangfrage: „Wie viel Pferdestärken sind das eigentlich?“ Der tolle Folgedialog: Befragter: „500“, Mikromann: „Woher wissen Sie das?!“. Befragter: „Geschätzt“. Beim nächsten Interviewpartner wagt sich der Mikromann noch weiter vor. Erste Antwort auf die Fangfrage: „300 ungefähr.“ Folgefrage: „Was heißt eigentlich PS?“. Antwort: „Pferdestärken“. Dritte Frage: „Also wie viel Pferdstärken sind das dann?“ Abschließende Antwort: „Keine Ahnung“. Womit wunderbar veranschaulicht wird, welchen Effekt die Medienmacht auf den einzelnen Bürger hat: Wird er mit ihr von Angesicht zu Angesicht konfrontiert, so verblödet er binnen Sekunden. Und womit sich auch ein Kreis zum Tagebuchthema BSE schließen ließe. Unter solchen Umständen braucht sich nämlich niemand fürchten, irgendwann einmal nach langer Inkubationszeit vom Wahnsinn befallen zu werden. Er hat das schon lange hinter sich.

15.5.2001
Mit dem Bauernmanifest ist der Kronen Zeitung wieder einmal ein großer Wurf gelungen. Gesellschaftspolitisch setzt Österreichs großes Kleinformat ein unübersehbares Signal von Erdverbundenheit. Und Günther Nenning darf endlich so schreiben wie es ihm offenbar im Blut liegt. In seiner Kolumne „Anders gesehen“ von heute setzt er sich mit Vandana Shiva, einer Vertreterin der indischen Bauernbewegung, auseinander. „Zu allem, was Frau Vandana Shiva sagt..., fällt mir gleich das Bauernmanifest ein“, hält Nenning beeindruckend und in geradezu Staberlscher Schreibtechnik seine Eindrücke von der Begegnung mit der Dame fest. Und: „Es ist, also ob die indische Bauernführerin unser rot-weiß-rotes Bauernmanifest ans Scheunen- bzw. Parlamentstor (Frau Shiva war im Parlament zu Gast) nageln würde. Genagelt werden auf den folgenden Zeilen die Attacken gegen Genmanipulierer und brutale Globalisierer. Zum Schluss nimmt der Nenningsche Kommentar allerdings eine interessante Wendung. „Frau Vandana Shiva“, sage ich, „über Sie steht wenig in den Medien“. Sie lacht. „Aber das macht doch nichts. Über anderes steht sehr viel in den Medien, und es hat doch keine Bedeutung...“ Das beeindruckt. Frau Shiva ist offenbar eine Medienexpertin, Spezialgebiet: Die Kronen Zeitung aus Österreich.

21.5.2001
Vergangenes Wochenende ziehe ich ein außergewöhnlich dickes Werbeprospekt von Billa aus dem Briefkasten, ein Katalog geradezu. Neugierig schlage ich die ersten Seiten auf, will wissen, welche Angebotsflut hier ein so gewichtiges Nachschlagewerk nötig macht. Auf Seite 5 stoße ich dann überraschenderweise auf den Flugzettel von Interspar, zweimal Umschlagen später auf den von Hofer und ganz hinten liegt dem Prospekt noch die allgemeine Spar-Botschaft bei. Ich bin vom logischen Denken des Flugzettelverteilers beeindruckt. Lebensmittelhandel ist schließlich Lebensmittelhandel. Vielleicht sollten die Handelsorganisationen diese Vorgangsweise aufgreifen und sich zu gemeinsamen Postwurfaktivitäten zusammenschließen. Wenn man bedenkt, welche Summen sich da einsparen ließen. Natürlich, jeder Verfechter der Marke wird sich mit Grausen winden und wenden. Wo käme man dahin, wenn man Preisbotschaften in einem Einheitsbrei von Spar-Hofer-Billa-rio auf die geschätzte Kundenschar losließe? Wo bleibt da die USP?! fragt der Experte, aber nicht nur er, augenscheinlich auch der Postwurfverteiler. Und vielleicht ist er nicht der einzige.

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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