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BWB Fairnesskatalog: Gut gebrüllt, Löwe!

23.10.2018

Unter österreichischem Vorsitz sollen diese Woche in Brüssel die ab 2019 gültigen Richtlinien über das Verbot unfairer Handelspraktiken in den Geschäftsbeziehungen zwischen der Landwirtschaft und dem Lebensmittelhandel beschlossen werden. Unsere Regierung leistet dazu einen konstruktiven Beitrag.

von Hanspeter Madlberger

Der diese Woche von BWB-Generaldirektor Theo Thanner vorgelegte „Fairnesskatalog für Unternehmen, Standpunkt für unternehmerisches Wohlverhalten“ ist ein Meisterwerk österreichischer EU-Diplomatie. Der Katalog zeigt die Wettbewerbsbehörde von einer neuen Seite. Diesmal geht’s nicht um die Ahndung von Preistreiberei nach oben zulasten der Konsumenten, sondern, ganz im Gegenteil um das Vorgehen gegen Preisdrückerei nach unten, zulasten der Bauern. Mit dem Etikett „Fairness“ versehen, lässt sich diese 180 Grad-Wendung als wettbewerbsfördernde Maßnahme zugunsten der Landwirtschaft tadellos verkaufen. 

Der BWB Fairnesskatalog versteht sich als ein, wie Thanner betont, Papier ohne Rechtskraft, anwendbar für alle Wirtschaftssparten und -stufen, das sich aber als Blaupause für die von Agrarkommissar Phil Hogan auf die Agenda gesetzte EU-Verordnung  gegen Unfair Trading Practices (UTP) anbietet. Die Liste der Behinderungs- und Ausbeutungspraktiken, die laut BWB den Tatbestand der Unfairness festschreiben, findet den Beifall der Agrarier: “Der Fairnesskatalog soll es Unternehmen ermöglichen, unfaires Handeln zu erkennen und angemessene Compliance Maßnahmen in die Unternehmenskultur zu integrieren“, heißt  es im Statement der Landwirtschaftsministerin.

Landwirtschaftskammer: Der Handel verdient zu viel

Kryptisch fällt die Stellungnahme des neuen Landwirtschaftskammer Präsidenten Josef Moosbrugger aus. Der Milchbauer aus dem Ländle bezeichnet den Fairnesskatalog  der BWB als „einen weiteren wesentlichen Schritt  in Richtung einer besseren Verteilung in der Wertschöpfungskette“. Im Klartext heißt das: Die Umsetzung der Fairness-Richtlinien soll bewirken, dass die Spannen des Lebensmittelhandels spürbar gekürzt werden, damit entsprechend höhere Abgabepreise in die Kassen der Bauern fließen. Eine Milchmädchenrechnung? Zur Untermauerung dieses Ansinnens zitiert die LK eine EU-Studie. Ihr zufolge bleiben EU-weit nur 21% vom Wert eines Agrarproduktes bei den landwirtschaftlichen Betrieben, 28% landen in der Verarbeitung (z.B. Molkereien, Schlachthöfe und Fleischwirtschaft) und 51% beim Handel. COOP-Schweiz-Verwaltungsratspräsident Hansueli Loosli hielt im vergangenen Frühjahr in einem Gespräch mit der Handelszeitung die Annahme eines 51%igen Wertschöpfungsanteils des Lebensmittelhandels für krass überhöht. Er wies aber auch darauf hin, dass sich mit steigendem Anteil der Handelsmarken im Frischwarenbereich der Wertschöpfungsanteil der Lebensmittel-Produzenten zugunsten der Wertschöpfung in den Distributionsbetrieben verringert. Im übrigen lässt sich die Aussage, betreffend 51% Handelswertschöpfung leicht überprüfen. Man braucht nur einen Blick auf  Bruttomargen der einstufigen LEH-Filialisten (unter 30%) und der Discounter (unter 20%)  werfen. Selbst der zweistufige LH liegt weit unter dieser 51%-Marke.

Thanner-Standpunkt: Keine Standpauke für den Handel

Bemerkenswert am Thanner-Papier: Es ist nicht nur Wasser auf die Mühlen der Bauern, es mobilisiert zugleich die Unschuldsmienen bei den Einkäufern von Rewe, Spar, Hofer und Lidl. Der Katalog listet nämlich Garstigkeiten wie Vernichtungswettbewerb, Marktverstopfung, Forderung nach Meistbegünstigungsklausel, Anzapfen, Kosten- und Risikoüberwälzung an den Lieferanten, Vertragsbruch,  Aufdrängung einer nicht bestellten Leistung etc. auf, die in jedem halbwegs professionell formulierten Compliance-Handbuch eines Händlers ohnehin als „no Go“ ausgewiesen wird. Ein Forderungskatalog, der die freiwillige Selbstkontrolle CSR-bewußter Handelsunternehmen praktisch 1:1 abbildet. Thanner lobte die konstruktive Mitarbeit der heimischen Händler an seinem Katalog und verlieh den einstigen Kartellsündern den Status von „Stakeholdern“. So gesehen, ist Thanners Standpunkt keine Standpauke. Gut gebrüllt, Löwe BWB!

Freundlich gelassen reagierten denn auch Standesvertreter des Handels auf die Fair Trade Initiative, made in Austria. Vor allem deshalb, weil Köstinger in Ausübung der Ratspräsidentschaft dem Verordnungsentwurf die drei Giftzähne  gezogen hat, die noch auf der  Forderungsliste bayerischer EU-Abgeordneter standen: Wie schon im letzten Memo berichtete, wurden die Passagen über ein Verbot von Einkaufskooperation zwischen Lebensmittel-Groß- und Einzelhandel in Form von Genossenschaften oder Verbundgruppen, über ein Verbot von Qualitäts-Standards bei Handelsmarken, die über gesetzliche Standards hinausgehen sowie über die Erweiterung  des Kreises der unter UTP-Schutz zu stellenden Lebensmittelmittel-Lieferanten auf Multis der Food-Markenartikelindustrie auf Köstingers Betreiben aus dem Entwurf gestrichen. Sie stehen somit nicht mehr auf der Agenda der dieswöchigen Verhandlungen in Brüssel.

Einmütig wie selten haben Handelsorganisationen wie Rewe, Spar und Markant sowie WKO und Handelsverband hinter den Kulissen  erfolgreiche Lobbyingarbeit zur „Entsorgung“ dieser drei  schlicht aberwitzigen Forderungen übereifriger EU-Abgeordneter geleistet. So intervenierte Markant Großhändler Christof Kastner in dieser Angelegenheit bei Otmar Karas, Österreichs einflussreichem EU-Parlamentarier. Schon beim Handelstag signalisierte die Ministerin im Talk mit Frank Hensel Verständnis für die diesbezüglichen Anliegen des Handels.

Verzicht auf polemisches Framing ist jetzt gefragt

Ende gut, alles gut? Auf politischer Ebene wurde, vorerst in Österreich und hoffentlich bald auch in der EU ein Kompromiss gefunden, der nicht den Konflikt zwischen Landwirtschaft und Lebensmittelhandel, sondern die wertschöpferische Kooperation zwischen den beiden so wichtigen Wirtschaftssparten im Fokus hat. Der Dialog zwischen Bauern und Kaufleuten mit dem  Ziel einer höheren Wertschöpfung bei heimischen Lebensmitteln unter marktwirtschaftlichen Bedingungen aber steht erst am Anfang. Fortschritte sind dann zu erzielen, wenn die Agrar-Funktionäre bei ihren Wortmeldungen auf polemisches Framing verzichten. Indem sie nicht reflexartig Marktmacht-Missbrauch seitens des Handel als Hauptursache unbefriedigender Preise für bäuerliche Produkte unterstellen. Sondern Versäumnisse im eigenen Agrarmarketing und Fehlentwicklungen in der heimischen Agrarindustrie, vor allem, was das Branding betrifft, nüchtern analysieren und daraus die Learnings ziehen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Das Direktgeschäft zwischen Bauern und Lebensmittelhändlern bezieht sich hauptsächlich auf Obst und Frischgemüse und macht nur  roundabout zehn Prozent des Absatzes bäuerlicher Produkte aus.

Der Bandltanz von Bauern und Händlern  kann erst dann  beginnen, wenn der Watschentanz des Händler-Bashings die Bühne verlässt. Die Bauern mahnen einen Herkunftsbonus bei heimischen Verbrauchern ein und der Handel unterstützt sie darin auf vielfache Weise. Die Kunden fordern aber auch bei vielen Lebensmitteln einen höheren Conveniencegrad und eine Möglichst-Nah-Versorgung. Wenn Handelsformate mit ihren Eigenmarke dieses Plus an Wertschöpfung erbringen, sollten die Bauern die Leistungssteigerung in der nachgelagerten Stufe nicht schlecht reden und ihren „vertikalen Futterneid“, der sich an Prozentanteile klammert, in Zaum halten.

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