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Christof Kastner, Geschäftsführender Gesellschafter der Kastner Gruppe

Christof Kastner (Kastner Gruppe): „Es braucht einheitliche Raumordnungsbestimmungen“

14.08.2017

Der Lebensmittelhandel nimmt als Arbeitgeber in der österreichischen  Wirtschaft einen herausragenden Rang ein. Unsere selbstständigen Großhändler und selbstständigen Kaufleute sind Säulen der mittelständischen  Wirtschaft, stehen  für hohe  Wertschöpfung und eine gesicherte Nahversorgung im  ländlichen Raum. In den Parteiprogrammen für die bevorstehende Nationalratswahl, werden diese Themen so gut  wie gar nicht angesprochen. Liegt hier ein Versäumnis der Wirtschaftskammer vor?  ​Die Handelszeitung sprach darüber mit Christof Kastner, Geschäftsführender Gesellschafter der Kastner Gruppe.

Handelszeitung: Kommen in der öffentlichen Diskussion und in den Medien  die falschen Handelsthemen zur Sprache (wie z.B. Herrn Lugners Forderung nach Sonntagsöffnung in Wien)? Welche  Anliegen Ihrer Branche sollten  in der wirtschaftspolitischen Diskussion der kommenden Monate aufs Tapet gebracht werden?

Christof Kastner: Der Lebensmittelhandel ist mit ca € 20 Mrd Umsatz die tragende Säule im österreichischen Handel! Die wichtigsten Themen aus meiner Sicht sind: Senkung der Lohnnebenkosten (ohne das es durch die Hintertüre zu anderen Steuererhöhungen kommt!), eine wirkliche Entlastung durch eine echte Verwaltungsreform (vielleicht ist das auch nur ein frommer Wunsch ans Christkind) und ein rascher Ausbau der Breitbandinfrastruktur (hier muss viel mehr Geld in die Hand genommen werden und es braucht einen nationalen Ausbauplan)! Diese Themen gehen natürlich weit über unsere Branche hinaus!

Eine gute Gelegenheit, die Aufmerksamkeit der Politiker auf die Leistungen und  Anliegen des mittelständischen Handels zu lenken; bietet  der "Masterplan für den ländlichen Raum", den Minister Rupprechter kürzlich vorstellte. Welche Zielvorstellungen zum Themenkreis "Regionale Lebensmittel, regionale Kulinarik im Gastronomie-GH und im  LEH" sollten Ihrer Ansicht nach in den Masterplan, der ein "work in progress" ist, eingebracht werden?

Christof Kastner: Grundsätzlich ist dieser Masterplan ein guter Wurf! Es dürfen aber nicht nur Überschriften produziert werden, sondern es braucht Umsetzung! Dazu ist ein klarer politischer Wille notwendig. In Österreich fallen leider viele gute Ideen dem politischen Kompromiss zum Opfer. Hier braucht es mehr Mut und Wille zur Durchsetzung! Die im Masterplan angedachten Vereinheitlichungen in der Raumordnung sind ein richtiger Ansatz, solange nicht wieder nur den Interessen von Banken, Investoren und Großkonzernen Rechnung getragen wird. Die Unterstützung der Nahversorgung durch selbstständige Einzelhändler fehlt mir aber!

Überkapazitäten im Einzelhandel, insbesondere, was Einkaufszentren, Großmärkte und Diskonter betrifft, zeigen, dass die aktuellen  Raumordnungsgesetze weitgehend wirkungslos geblieben sind. Wie sollte zwecks Sicherung (Rettung?) der Lebensmittel-Nahversorgung in Niederösterreich eine neue Raumordnung  aussehen, die diesen Namen verdient?

Christof Kastner: Grundsätzlich muss man festhalten das es notwendig wäre einheitliche Raumordnungsbestimmungen für ganz Österreich zu haben! Niederösterreich hat mit der Raumordnungsnovelle 2005 eine gute Basis geschaffen. Die Novellierung im letzten Jahr brachte in wichtigen Bereichen mehr Klarheit aber auch die eine oder andere Öffnung. Es liegt aus meiner Sicht nicht primär an der gesetzlichen Normierung sondern an der Genehmigungspraxis! Die Behörden und speziell viele Gemeinden handhaben oft die Regelungen sehr „kreativ“ bzw. werden diese in Einzelfällen sogar einfach ignoriert um ihre örtlichen Interessen durchzusetzen. Hier bräuchte es neue Ansätze um überregionale Effekte besser in den Griff zu bekommen. Vielleicht sollte ab einer bestimmten Größe oder bei bestimmten Nutzungsformen nicht mehr die Gemeinden sondern das Land das Sagen haben.

Ein multifunktionales Gemeinde-Nahversorgungs- und Begegnungszentrum, von Gemeinde und Kaufmann als public-private-Projekt betrieben, ist eine Option  zur  Sicherung  mittelständischer Familienunternehmen im LEH. Welche  Vorschläge hat Ihre Verbundgruppe Nah&Frisch zu diesem EH-Betriebsmodell und gibt es in der Kastner-Gruppe schon vorzeigbare  Erfolgsbeispiele?  

Christof Kastner: Seit fast 20 Jahren realisieren wir solche Projekte in unterschiedlicher Form. Derzeit werden 19 Nah&Frisch-Standorte, die von KASTNER beliefert werden, als Verein geführt! Dieses Konzept garantiert eine sehr hohe Identifikation der Kunden mit „ihrem Geschäft“ und führt zu guten Umsatzentwicklungen!

Sie unterrichten im kommenden Semester an der FH Wieselburg im Lehrgang E-Commerce. Welche Multi-Channel-Konzepte setzen Sie in Ihrem Großhandelshaus um, welche sind für kleinere Kaufleute eine realistische Option?

Christof Kastner: Wir sind als Kastner Gruppe bei den technologischen Entwicklungen immer schon ganz vorne mit dabei gewesen! Unsere erste Homepage startete 1997 und unser erster Online-Shop im Jahr 2004 (!!). Im Bereich Gastronomie werden ca. 30 % aller Bestellungen schon über unsere Online-Plattformen abgewickelt. Mit unserem Startup myProduct.at haben wir unsere Regionalsortimente um weitere 7000 Artikel erhöht und bieten über dessen B2B-Shop auch für unsere Kaufleute und Gastronomiekunden eine interessante Einkaufsplattform. Da myProduct.at ein Multi-Shop-Betreiber ist, haben wir auch das Know-How für neue innovative Projekte. Eines davon ist, ohne zu viel zu verraten, ein neuer Online-Marktplatz für unsere Nah&Frisch-Kunden. Es laufen auch im Bereich Gastronomie sehr spannende Projekte, wie z.B. intelligente Bildschirme für Einkaufswagen oder einzigartige Funktionalitäten im Online-Shop.

Alles begann 1828 mit einem Gemischtwarengeschäft der Familie Kastner im Waldviertel. Mittlerweile belegt die Kastner Gruppe Platz 58 im Ranking der 1000 umsatzstärksten Unternehmen in Niederösterreich und gehört laut Trend zu den Top 400 Unternehmen Österreichs. 2015 überschritt die Kastner Gruppe mit einem Jahresumsatz von 206 Mio. Euro deutlich den Umsatz-Meilenstein von 200 Mio. Euro. Dank innovativer Konzepte und einem hoch motivierten Team, von rund 830 Mitarbeitern, konnte Kastner auch 2016 kräftig wachsen und den Umsatz auf 212 Mio. Euro steigern.

Das Interview führte Hanspeter Madlberger

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger
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