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SHOPPING-CENTER LJUBLJANA-ŠIŠKA

City gegen Peripherie

03.10.2018

Der Wettlauf zwischen den Immobilien-Investoren, die Invasion internationaler Fachmarktketten in den kleinen österreichischen Markt und der Verdrängungsfight zwischen  Diskontern und Verbrauchermärkten hat zu Einzelhandels-Überkapazitäten an der Peripherie geführt. Und zum Verlust der Geschäftsvielfalt in zahlreichen Innenstadt-Lagen.

von Hanspeter Madlberger

Diese Fehlentwicklung, die vielerorts einst grüne Wiesen in Betonwüsten verwandelte und die Umweltschützer auf den Plan ruft, gewinnt durch den rasanten Vormarsch des Online-Fachhandels zusätzliche Brisanz. Handelswissenschaft und Standortforschung sind eingeladen, die Treiber dieser Veränderung empirisch zu untersuchen und zu quantifizieren. Und damit eine Faktengrundlage zu schaffen, die allen Beteiligten, den Investoren, den Händlern und dem Gesetzgeber Auswege aus der Standortkrise aufzeigen.   

Der Tag des Handels, vom Handelsverband in der Albert Hall, dem neobarocken Prunkpalais in der Wiener Josefstadt veranstaltet, nahm sich des komplexen Themas an und präsentierte dazu zwei Studien, die für viel Aufsehen sorgten.

Friedrich Schneider und Michael Mayrhofer, Professoren der Johannes Kepler Universität Linz erforschten „die unsichtbaren Kosten der Raumordnung im LEH“. Der Ausflug der beiden Nationalökonomen in die mikroökonomischen Niederungen des LEH-Verdrängungswettbewerbs beruht auf der recht einseitigen  Hypothese, dass die gegenwärtige Raumordnung, weil sie den „Schutz des „Kaufmanns ums Eck“ vor den großen Einkaufszentren auf der grünen Wiese“ zum Ziel habe, die Errichtung „idealtypischer“ LEH-Standorte verhindere. Konkret ist gemeint: Die Raumordnung, von Bundesland zu Bundesland verschieden, lege für den Lebensmittelhandel außerhalb der Ortszentren zu niedrige Flächenlimits fest, die keine kostenoptimale Führung der Supermärkte erlauben. Diese Verkaufsflächen-Obergrenze führe zu höheren Kosten im LEH, die sich in höheren Verbraucherpreisen niederschlagen würden. Würde die Raumordnung in allen Bundesländern solche „idealtypische“ Standorte zulassen, dann könnte aufgrund gesunkener Lebensmittelpreise und infolge höheren Konsums

o die Wertschöpfung um bis zu 490 Mio Euro pro Jahr

o die Beschäftigung um bis zu 6.800 Vollzeitarbeitsplätze pro Jahr und

o die Lohnsumme um bis zu 250 Mio. Euro pro Jahr steigen.

KR Julius Kiennast, Obmann des Lebensmittelhandels-Gremiums in der Wirtschaftskammer, übte in seiner Wortmeldung heftige Kritik an dieser, seiner Ansicht nach einseitig-tendenziösen und unwissenschaftlichen Studie. Man muss dem Nah&Frisch Großhändler aus Gars insofern Recht geben, als eine gelockerte Raumordnung, die mit der Floskel von „idealtypischen Standorten“ die Errichtung weiterer größerer Discount- und Verbrauchermärkte im Umland erlaubt, sicher keinen Beitrag zur Revitalisierung des Einzelhandels in den Stadt- und Ortszentren liefert. Und schon gar nicht der Verbesserung der Nahversorgung im ländlichen Raum förderlich ist. 

S+M über Auswirkungen des E-Commerce auf City-Handel

Ein glücklicheres Händchen bewies der Handelsverband mit dem Auftrag an das Consultingunternehmen Standort + Markt, eine Studie über die strukturellen Auswirkungen des E-Commerce  auf  den stationären innerstädtischen Handel zu erstellen. E-Commerce ist auf der Straße angekommen“ übertitelte  S+M Geschäftsführer Hannes Lindner die  Untersuchung, die die Entwicklung der Shopflächen (Einzelhandel, Gastronomie, Dienstleistungsbetriebe) in einem 15-Städte-Sample (von Bregenz bis Eisenstadt, von Linz bis Klagenfurt) im Laufe der letzten Jahre (von 2013 bis 2018) analysiert. Repräsentativ für Wien wurden der erste Bezirk und die Mariahilferstraße unter die Lupe genommen.

Die Key-Learnings der S+M-Studie: In den letzten vier Jahren ist in den Städten

o der Modehandel (Bekleidung und Schuhe) stark unter Druck geraten,

o blieb die Lebensmittelnahversorgung auf konstantem Niveau,

o erhöhten sich die Leerstandsraten,

o konnte die Gastronomie ihren Flächenanteil wider Erwarten nur geringfügig steigern,

o verzeichneten Fitnesscenters, Wettbüros und  Geschäfte für  Wohnaccessoires leichte Zuwächse,

o während der Elektrohandel, auf niedrigem Niveau  angelangt, weiter schwächelt.

Dem S+M-Befund, wonach E-Commerce  in den städtischen Einkaufsstraßen „angekommen“ sei, haftet eine sphinxhafte Zweideutigkeit an. Natürlich bekommt der urbane stationäre Handel  in den Online-affinen Warengruppen die Auswirkungen der Offensive von Amazon, Zalando & Co zu spüren. Aber wird nicht schon seit Jahren der Multi-Channel-Verkauf als  ultimative Abwehrstrategie des Ladenhandels gegen Online Pure gepredigt? Hätte diese Strategie tatsächlich gegriffen, dann wäre  „E-Commerce ist auf der Straße angekommen“, keine Droh- sondern eine Frohbotschaft für die stationären Händler.

So liefern beide Handelsverbands-Studien der Branche viel Stoff zum Nachdenken, zum kritischen Branchendiskurs. Und dieser ist in diesen ebenso schwierigen wie spannenden Zeiten äußerst erwünscht, weil die PR-durchtränkten Jubelmeldungen einzelner Händler, Zentrenbetreiber und Zentren-Developer aus der Immobilienszene nur ein sehr einseitiges Bild der Realität zeichnen.    

Fehlentwicklungen im urbanen und ruralen Handel haben viele Ursachen

Onlinehandel und Raumordnungs-Versäumnisse sind  nur zwei  aus einem Bündel von Ursachen, die zu Mängeln in der urbanen Handelslandschaft und zu exzessivem Flächenwachstum im Umland geführt haben. Der Kahlschlag im Wiener Textilhandel setzte lang vor Zalando ein, als einst renommierte  Namen wie Fürnkranz, Johann Strauß oder Teller von der  Bildfläche verschwanden. Store Brands wie  Gerngross, Palmers oder Kleiderbauer sind nur mehr ein Schatten von einst.  Im Gegensatz zu den Metropolen vieler europäischer Länder verfügt Österreichs Bundeshauptstadt seit Jahrzehnten über kein Warenhaus von internationalem Format. Graz ist da mit Kastner & Öhler noch ungleich besser dran. So entstand ein Vakuum, das die Verticals aus  aller Welt, von H&M bis Inditex, von Primark bis  Dressmann animierte, in Wien, in den Landeshauptstädten und in größeren und kleineren Einkaufszentren Läden aufzumachen.  Dass in den meisten Shopping Centers die mittelständischen Kaufleute von Anfang an so gut wie nicht vertreten sind, ist auch ein Versäumnis der Handelsketten, die das Feld kampflos den Filialisten überlassen haben.

Zu den Haupttreibern der krassen Unausgewogenheit  zwischen dem Einzelhandelsangebot in der Stadt und auf dem Land  aber zählt die Immobilienbranche. Infolge der Weltfinanzkrise 2008 setzte die Flucht der Investoren  ins „Betongold“ ein, Handelsimmobilien avancierten zur renditeträchtigen Kapitalanlage. Wenn aber viele Fachhändler in den Malls und Einkaufsstraßen  infolge der E-Commerce-Welle  mit schrumpfenden Umsätzen kämpfen müssen, nimmt das Gerangel mit den Immobilien-Investoren über die Höhe der Miete zwangsläufig an Intensität und Härte zu.

Auswege aus diesem Schlamassel? Die SES der Spar demonstriert bei der kommenden Expo Real in München am Beispiel  des Shopping Quartiers Lienz und des Stadtteil-Centers in Ljublana-Siska ihr Konzept der Mehrfachnutzung innerstädtischer Standorte. Die Errichtung von Shopping Malls allein reicht nicht mehr als Rezept zur Revitalisierung der Innenstädte. Die Durchmischung  der Geschäftslandschaft mit  urbane Begegnungszonen, Top-Gastronomie, Entertainment und Hotels ist angesagt und wird von der Wild-Truppe seit einigen Jahren exemplarisch umgesetzt. Ein mutiger Ansatz, bei dessen Umsetzung nicht nur viel Geld , sondern auch viel unternehmerische Kreativität gefragt ist.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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