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Corona-Krise: Gesundheitscheck für Österreichs Lebensmittelwirtschaft

24.03.2020

Täglich lernen wir dazu: Wie Ärzteschaft, Politik und Bevölkerung in unserem Land wirksamer gegen das Virus ankämpfen. Und in weiterer Folge, wie die Unternehmen, die Märkte und ein aktiver Staat dem galoppierenden Konjunktureinbruch am besten begegnen. Dabei kommt der Lebensmittelwirtschaft als systemkritischem Bestandteil der Infrastruktur eine zentrale Bedeutung zu.

Die erste große Bewährungsprobe in der Corona-Krise, nämlich die Aufrechterhaltung der Grundversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, hat die heimische Food-Branche bravourös bestanden. Den wohl größten Beitrag leistete unser Lebensmitteleinzelhandel, gestützt auf eine Großhandelslogistik, die höchsten europäischen Standards entspricht. Dass in der vergangenen Woche die Herausforderung der Hamsterkäufe weitgehend gemeistert werden konnte, ist gleichermaßen den „Helden“ an der Verkaufsfront und den Lieferketten zu verdanken, die konstant in der Beschaffung wie in der Feindistribution flexibel und effizient arbeiten. Dieses Zeugnis eines krisenresistenten Supply Chain Managements kann man sowohl Branchenriesen wie Rewe, Spar und Hofer ausstellen, wie auch den Supermarkt-Kaufleuten und den kleinen Nahversorgern der Handelsketten Spar, Nah&Frisch, Adeg und Unimarkt. Und für die anhaltenden Lieferengpässe beim Toilettenpapier kann unser Handel wirklich nichts.

In Windeseile wurde der wechselseitige Infektionsschutz für Mitarbeiterinnen und Kunden  in den Lebensmittelgeschäften hochgefahren. Hervorzuheben ist die laufende Desinfektion der Haltegriffe an den Einkaufswagen, wie sie seit vergangener Woche bei Interspar generalstabsmäßig abgewickelt wird. In aktuellen Werbeauftritten verweisen  Billa, Adeg, Spar und Hofer auf ihre gelebte Corporate Social Responsibility. Langfristig angelegte Nachhaltigkeit, verankert in der Unternehmensphilosophie, trägt jetzt ihre Zinsen. Und für die Kassierinnen, die jetzt ordentlich rackern müssen, ist das Lob, das ihnen vielen Kunden aussprechen, ein wahres Labsal.

Corona trifft einzelne Bereiche der Food-Branche sehr unterschiedlich.

Dem unerwarteten Umsatzboom, von dem der LEH und seine Lieferanten profitieren, stehen in diesen Wochen schwerste wirtschaftlichen Verluste der Gastronomie gegenüber. Bei Umsatzeinbrüchen im Ausmaß von 90 bis 100% sind die staatlichen Rettungsmaßnahmen unumgänglich. Fast ebenso stark ist der Gastro-Großhandel betroffen. Pro Schließwoche in den Gaststätten brechen der Branche schätzungsweise rund 30 Millionen Euro Umsatz weg. Glimpflich kommt die Lebensmittelproduktion davon. Corona bewirkt eine Verschiebung der Warenströme weg vom out of home-, hin zum in-home-Konsum. Wenn mehr zu Hause gekocht wird, wandert Wertschöpfung von der Gastronomie in die Haushalte, das bedeutet summa summarum schrumpfende Wirtschaftsleistung. Ein höherer Conveniencegrad kann das zum Teil ausgleichen.

Wie aber wird es um unsere Lebensmittelwirtschaft bestellt sein, wenn das Virus besiegt ist, staatliche Hilfe den gefährdeten Betrieben das Überleben gesichert hat und Normalität in  unser Leben zurückkehrt? Bleibt dann in unserer Food Supply Chain alles beim Alten? Das wäre schlimm. Denn ein Konjunktureinbruch 2020/2021 ist nach Expertenansicht bereits Faktum. Da gilt es innerbetrieblich und am Markt, bei den Prozessen und den Strategien Vieles zu verbessern und nachzuschärfen.  

Ein Healthcheck der rotweißroten Lebensmittelwirtschaft ist angesichts der Corona-Konjunkturkrise dringend geboten. So wie in der Medizin ist auch in der Wirtschaft die Diagnose des Patienten unverzichtbare Voraussetzung für die Therapiemaßnahmen, die zur Gesundung führen sollen.

Ein Leitbild für Österreichs Lebensmittelwirtschaft

Hilfreich ist bei solchen Diagnosen ein Leitbild: Wie sieht eine resistente, leistungsstarke österreichische Lebensmittelwirtschaft aus? Die Antwort könnte lauten: Der Schlüssel zum langfristigen Erfolg, zur Bewältigung der bereits ausgebrochenen Wirtschaftskrise, liegt in der arbeitsteiligen Wertschöpfungspartnerschaft entlang der Food Supply Chain, eingebettet in eine ökosoziale marktwirtschaftliche Ordnung.

Wie weit sind wir von diesem Leitbild entfernt? Erster Stolperstein: Seit langem herrscht hierzulande zwischen Agrarpolitikern und Vertretern der Nahrungsmittelindustrie die stillschweigende Übereinkunft, den Begriff Lebensmittelwirtschaft auf die  Lebensmittelproduktion zu reduzieren und damit die Distributionsstufe, also den Lebensmittelgroß- und Einzelhandel auszuklammern.

Vorbild Deutschland

Deutschland ist da um einiges weiter als Österreich. Beim nördlichen Nachbarn gibt es nämlich einen Lebensmittelverband Deutschland e.V. Diesem Verband gehören Unternehmen der gesamten Lebensmittel-Wertschöpfungskette „vom Acker bis zum Teller“ an.  Das heißt, Landwirtschaft, LM-Handwerk, LM-Industrie, Lebensmittelgroß- und Einzelhandel sowie Gastronomie sind beim Lebensmittelverband D mit an Bord.

Vergangene Woche gab dieser Spitzenverband der  deutschen Lebensmittelwirtschaft folgende makroökonomischen Daten bekannt: 5,7 Millionen Menschen, das sind zwölf Prozent aller Erwerbstätigen, arbeiten in der deutschen Lebensmittelbranche. Die Branche umfasst 700.000 Betriebe und kommt für eine Wertschöpfung von 199,5 Mrd. Euro auf, das sind 6,6% des BIP.

Ein solches Datentableau über Österreichs Lebensmittelwirtschaft existiert meines Wissens leider nicht. Es wäre aber gerade jetzt äußerst notwendig, weil es dazu beitragen kann, ein gemeinsames Branchenbewusstsein, ein Bekenntnis zur Wertschöpfungskette „from stable to table“ oder auf Deutsch „vom Hof zum Herd“ zu schaffen.

Wertschöpfung im Lebensmittelhandel

Statt über Wertschöpfung wird nämlich hierzulande zumeist über Umsätze diskutiert, was zu völlig falschen strategischen Schlussfolgerungen führt. Weil die Faktenbasis zur Lebensmittel-Wertschöpfung fehlt, kommt es zu einseitige Schuldzuweisungen. “Der LEH nimmt der Landwirtschaft Wertschöpfungsanteile weg, die ihr zustünden“, so lautet der gängige Vorwurf der Agrarier an die Adresse der Handelsketten. Kleiner Tipp zur Versachlichung: Coop Schweiz erzielte 2018 eine Nettowertschöpfung in Höhe von 23% des Umsatzes. Davon wanderten 72,8%  an die Mitarbeiter, nur 8,7% (= 2,0% vom Umsatz)  blieben als Gewinn im Unternehmen. Ein Richtwert aus Deutschland. Dort betrug 2012 die Wertschöpfung der Supermärkte und des traditionellen LEH 17,6% vom Umsatz, jene der Discounter 8,9%. (Quelle: Sammelband Wertschöpfung im Handel, herausgegeben von Werner Reinartz und Monika Käuferle, Kohlhammer Verlag).

Was macht eine Lebensmittel-Wertschöpfungskette (Food Value Chain) krisenresistent?

Wirtschaft ist nicht Selbstzweck, sondern dient ausschließlich dem Wohlstand, sprich dem Einkommen und der materiellen Sicherheit der Menschen. Christoph Leitls Sager gehört schleunigst auf den Kopf gestellt, „Geht’s den Menschen gut, geht’s der Wirtschaft gut“, so hat der Slogan zu lauten. Seit Adam Smith wissen wir: Der Schlüssel zu mehr Wohlstand ist die arbeitsteilige Wirtschaft. Und jetzt wird’s spannend: Die Corona Krise führt uns drastisch die Grenzen der globalisierten Arbeitsteilung vor Augen. Die Produktion von Medikamenten-Wirkstoffen von Europa nach Asien out zu sourcen, ist ebenso abwegig, wie auf Österreichs Bauernhöfen Schweinsohren für China zu produzieren. 

Leitbild als Orientierungshilfe  bei strategischen Grundsatzentscheidungen

Das Leitbild einer Lebensmittelwirtschaft, die sich als arbeitsteilige Wertschöpfungspartnerschaft entlang der Lieferkette versteht, eignet sich hervorragend als Orientierungshilfe bei der Entscheidung für die eine oder andere Marketingstrategie:

  • Setzt man  als Produzent auf vertikale Integration  (Stichwort: Direktvermarktung) oder auf marktwirtschaftliche Arbeitsteilung mit dem  Riesenvorteil der Produktivitätssteigerung durch Spezialisierung?
  • Setzt man als Produzent auf eigenes Branding (Herstellermarken) oder lässt man sich auf die Lohnproduktion von Handelsmarken ein, wo die Kostenführerschaft erfolgsentscheidend ist? Anmerkung: Besonders problematisch ist die illusionäre Erwartung, dass man auf Markenaufbau verzichten kann, indem man sich auf die „billige“ Verkaufsförderung   generischer Lebensmittel durch eine regionale/nationale Herkunftskennzeichnung verlässt.
  • Setzt man auf  konventionelle oder auf Bio-Produktion, gibt es einen „nachhaltigen“ Mittelweg?
  • Welche Chancen liegen  innerhalb des EU-Binnenmarktes in der Wertschöpfung durch  Veredelung (z.B. in der Fleisch- und Wurstbranche)?
  • Forciert man die Massenproduktion oder schafft man eine glaubwürdige Premiumqualität, die nachfrageseitig mit höheren Preisen honoriert wird?   
  • Konzentriert man seine Marketing- und Vertriebsarbeit auf den Heimmarkt, traut man sich über einen Markenaufbau in der D-A-CH-Region und/oder in den CEE-Ländern drüber? Oder maßt man sich an, Red Bull zu kopieren und den Weltmarkt zu erobern? Seitenblick auf  das Steueraufkommen: Minister Blümel wird dankbar sein, wenn die Lebensmittelwirtschaft den Inlandsabsatz forciert, denn Exporte bringen dem Staatshaushalt Null Mehrwertsteuereinnahmen.

Arbeitsteilige Lebensmittel-Wertschöpfungspartnerschaft setzt voraus, dass der Beitrag, den jedes Glied der Value Chain zur Gesamtwertschöpfung leistet, empirisch erhoben wird. Diese Faktenbasis sollte nicht von den jeweiligen Interessensvertretungen, sondern der Wirtschaftswissenschaft erhoben werden. Nur dann ist nämlich gewährleistet, dass die Wertschöpfungsleistung des Lebensmittelhandels bei der Marketing-Kooperation zwischen Produktion und Distribution entsprechend gewürdigt und eine win/win-Lösung angepeilt wird. Übrigens, die EU-Wettbewerbsbehörde und unsere BWB  geben angesichts der Corona-Wirtschaftskrise kurzfristig grünes Licht für mehr vertikale Kooperation zwischen den Marktteilnehmern zur Vermeidung von Lieferengpässen. 

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger startete seine Karriere als Handelsjournalist im Jahr 1970, also vor 50 Jahren. Damals war er als Mitarbeiter der A&O-Zentrale Chefredakteur der „A&O Revue“. Ab 1976 arbeitete er 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift „Regal“. Von 1993 war er 21 Jahre lang Herausgeber der Handelszeitschrift „Key Account“.
Seit Herbst 2014 ist er als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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