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Coverstory

02.09.2004

Interview. Christof Kastner über das angekratzte Image des Lebensmittelhandels und Wege zur Besserung.

Die Ermittlungen der Wettbewerbsbehörde gegen Billa und Spar sind derzeit das Thema der Branche. LK-Handelszeitung sprach mit Christof Kastner, geschäftsführender Gesellschafter der Firmengruppe Kastner, über Ethik im Lebensmittelhandel.

LK-Handelszeitung: Ausbeutung der Mitarbeiter, Repressalien für Lieferanten, Diskreditierung der Mitbewerber. Ist es um die Moral im Lebensmittelhandel tatsächlich so schlecht bestellt?
Kastner: In anderen Branchen weiß man längst, dass es schwarze Schafe gibt. Nun ist das auch im Lebensmittelhandel offenkundig geworden. Je höher die Marktkonzentration, desto höher der Druck auf Management, Lieferanten und Mitarbeiter. Für die Profitmaximierung werden viele Werte geopfert. Ein Denken, das mir als Geschäftsführer eines mittelständischen, eigentümergeführten Unternehmens extrem widerspricht. Andererseits gibt es seitens der Industrie Konditionsspreizungen in einem Ausmaß, dass ich sagen muss: Wir sind viele Jahre über den Tisch gezogen worden.

Werden die Ermittlungen der Wettbewerbsbehörde Konsequenzen nach sich ziehen?
Dass das Grundproblem beseitigt wird, wage ich zu bezweifeln, weil der Druck nicht kleiner und die Halbwärtszeit der Handelsmanager immer kürzer wird. Global Player der Industrie werden sich das nicht gefallen lassen, aber kleine österreichische Produzenten haben ein Problem. Branchenintern war das schon lange kein Geheimnis mehr. Die ganze ECR-Idee wird ja nicht gelebt, es gibt Konfrontation statt Kooperation.

Ist es vorstellbar, dass auch ZEV Markant in die Schusslinie gerät?
Das ist sehr unwahrscheinlich. Bei uns wird zwar auch hart verhandelt, wir fordern leistungsadäquate Vergütungen, bieten aber auch entsprechende Gegenleistungen. Keiner hat was zu verschenken, aber die Industrie kennt unser partnerschaftliches Modell, das auf gegenseitiges Nutzenverständnis aufbaut.

Was halten Sie von den von Prof. Schnedlitz vorgeschlagenen „Corporate Governance“-Regeln für Handelsorganisationen?
Es ist traurig, wenn es solcher Dinge bedarf. Wenn eine Firmenphilosophie nicht aus dem jeweiligen Unternehmen selbst kommt, sondern von außen drübergestülpt wird, werden letztlich nur Lippenbekenntnisse zu erwarten sein. Wir haben in unserem Unternehmen schon lange ein Leitbild festgeschrieben, das zentrale Werte für Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten berücksichtigt.

Wie würden Sie das Verhältnis zu Ihren Lieferanten beschreiben und wie gehen Sie mit geforderten Preiserhöhungen um?
Was die Lieferanten betrifft, geht es um langfristige korrekte Geschäftsbeziehungen und etwa auch um die Einbindung regionaler Anbieter österreichischer Produkte. Big Player der Industrie brauchen wir nicht forcieren, wir sind ein österreichisches Unternehmen und gut beraten, österreichische Partner zu unterstützen und gemeinsame Leistungen für die Kunden zu erbringen.
Bei geforderten Preiserhöhungen, prüfen wir die Notwendigkeit und wenn sie gerechtfertigt sind, setzen sie wir sie zu einem vereinbarten Zeitpunkt um.

Sie sind mit Donatquelle Heil- und Mineralwasser selbst Lieferant großer Handelsketten. Welche Erfahrungen haben Sie da bei Forderungen nach Preiserhöhungen gemacht?
Da gibt es diejenigen, die so verfahren wie wir - also die Notwendigkeit prüfen und versuchen einen Konsens zu erreichen. Es wird eben alles teurer und das muss in die Kalkulation einfließen. Und dann gibt es diejenigen, die eine Preiserhöhung kategorisch ablehnen. Diese Haltung hat mir schon so manchen Ärger bereitet.
Wenn wir über Ethik im Handel reden, muss ich sagen, dass Handelsmanager gut beraten wären, ihre Entscheidungen nachvollziehbar und transparent zu machen. Glaubwürdigkeit sollte als Teil des Profits erachtet werden. Das gilt selbstverständlich auch gegenüber den Konsumenten, die bei Minus-50-Prozent-Aktionen glauben, vorher 50 Prozent zuviel bezahlt zu haben.

Sind Sie der Meinung, dass der Handel mit Eigenmarken mehr verdienen kann als mit Markenartikeln?
Das kann man nicht pauschal beantworten, denn es gibt eine breite Palette von Eigenmarken – von der Einstiegspreislage bis hin zu Premium-Eigenmarken. das ist eine Frage der Positionierung.

Wie entwickeln sich Ihrer Meinung nach die Renditen im Lebensmittelhandel?
Die Ertragslage könnte wesentlich besser sein. Aber wenn einmal die Preise bei einer Warengruppe ruiniert sind, ist das irreversibel. Es stellt sich auch die Frage, ob dann nicht die Qualität dieser Produkte darunter leidet. Und nicht zuletzt gehen vielfach Arbeitsplätze in der Industrie verloren. Der Lebensmittelhandel wäre gut beraten, sich nicht ausschließlich in Marktanteilskämpfen zu ergehen.

Der Kostendruck wird aber auch an die Mitarbeiter im Lebensmittelhandel weitergegeben, gleichzeitig wird es immer schwerer, qualifiziertes Personal zu bekommen. Wie kann man diese Diskrepanz überwinden?
Diese Diskrepanz kann man derzeit leider nicht überwinden. Die Personalsituation ist extrem schwierig. Wir machen viel hinsichtlich Personalentwicklung, aber die Macht des Faktischen überholt uns da.

Eine letzte Frage: wie wird sich Nah&Frisch aufstellen, um nicht zwischen den Giganten Rewe und Spar auf der einen Seite und den Diskontern auf der anderen aufgerieben zu werden?
Nah&Frisch ist klar positioniert und steht für eine Reihe von Dingen: moderner Nahversorger im ländlichen Raum, Spezialist auf der Kleinfläche, der letzte, der zu 100 Prozent auf den selbstständigen Kaufmann setzt. Wir stehen für Österreich!

Danke für das Gespräch. Interview: Max Pohl

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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