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Coverstory

08.06.2005

Lebensmittelsicherheit. Immer aufwändigere Methoden der Rückstandsanalytik sorgen für Transparenz.

Zuerst BSE verseuchtes Rindfleisch, dann Antibiotika im Schweinefleisch und schließlich Vogelgrippe und Salmonellen, die auch Hühnerfleisch suspekt erscheinen ließen, zuletzt die Paprika- und der Erdbeer-Skandale: Pestizidrückstände von Pflanzenschutzmitteln markierten selbst das bisher als gesund gegoltene Obst und Gemüse mit dem Etikett „Verzehr bedenklich“. Ist der Konsument zu Recht verunsichert?
Es hat den Anschein, als ob die Rückstände, die in Obst und Gemüse gefunden werden, in den letzten Jahren immer mehr würden. „Das Gegenteil ist der Fall“, versichert jedoch DI Rudolf Purkhauser, Vorsitzender des Öffentlichkeitsausschusses der IGP (Industriegruppe Pflanzenschutz). „Was sich geändert hat, sind die Methoden der Rück-standsanalytik. Konnten wir 1972 nur bis zu 0,5 mg/kg nachweisen, sind es heute 0,001 mg/kg.“ Diese unvorstellbar kleine Zahl entspricht in etwa einem Buchstaben in 4.000 Bibeln oder sechs Menschen in Relation zur gesamten Weltbevölkerung.
Wozu brauchen wir jedoch überhaupt Pflanzenschutzmittel? Wäre es nicht viel besser, die Dinge der Natur zu überlassen, als chemische Mittel einzusetzen? „Wir teilen ein in natürlich und chemisch, in gesund und giftig. Dies ist jedoch eine nicht zulässige Vereinfachung“, so Purkhauser. Die Verfahren zur Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln werden immer aufwändiger. Von der ersten Synthese bis zum Verkauf vergehen in der Regel bis zu zehn Jahre, bis aus ca. 140.000 Substanzen ein Wirkstoff gefunden wird, der allen Anforderungen genügt: gute Wirksamkeit, Verträglichkeit auf die Kulturpflanze, keine Schädigung von Mensch und Umwelt. Pflanzenschutzmittel zählen heute zu den bestuntersuchten Substanzen weltweit. Und natürlich bedeutet gesund nicht gleich gesund im landläufigen Sinn: zerlegt man beispielsweise die Himbeere in ihre Bestandteile, so findet man darunter u. a. den Stoff Cumarin, der auch als Rattengift eingesetzt wird. Dennoch kann man ruhigen Gewissens weiter Himbeeren essen. Schließlich wusste schon Paracelsus, dass jede Substanz giftig sei – es komme nur auf die Dosis an. Dass die Dosis nicht überschritten wird, dafür sorgt der Gesetzgeber mit Rückstandshöchstwerten. Die Grenzwerte werden so niedrig festgelegt, dass keine gesundheitsschädliche Wirkung für den Verbraucher möglich ist. Dabei wird nicht nur der einmalige Verzehr des Lebensmittels bedacht, auch die lebenslange Aufnahme darf die Gesundheit nicht gefährden.

DI Hermine Reich von der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) beruhigt: „Im Zulassungsverfahren muss nachgewiesen werden, dass selbst unter den für die Verbraucher ungünstigsten Szenarien die Werte nicht überschritten werden“. Auch Dr. Maria Safer von der Lebensmitteluntersuchungsanstalt Wien sieht keinen Grund zur Sorge. „Die Qualität unserer Lebensmittel ist ausgezeichnet, Beanstandungen sind bei 15.000 Proben jährlich erfreulich gering.“
Wie kommt es dann dennoch zu den erwähnten Skandalmeldungen? Manchmal zumindest ist wohl falsche Auslegung die Ursache des Übels. Die Arbeiterkammer NÖ testete im März dieses Jahres insgesamt 25 Fruchtsäfte auf das Schimmelpilzgift Patulin, das in drei Fällen nachgewiesen werden konnte. Zwar blieben die Werte (zwischen 2,6 und 10,1 mg/l) deutlich unter der für Erwachsene zugelassenen Grenze von 50 mg/l – in einem Fall wurde jedoch die Grenze von 10 mg/l geringfügig überschritten. Dr. Eva Schreiber von der AK riet Eltern daher, auf frisch gepresste Säfte zurückzugreifen, um jedes Risiko auszuschließen. Fruchtsafterzeuger Gerhard Höllinger (Foto), bei dessen Apfelsaft 2,6 mg/l festgestellt wurde, kritisiert die Untersuchung. Ein Vergleich zwischen Äpfel- und Birnensäften einerseits und Zitrusfrüchten andererseits sei unzulässig, da Patulin nur im ersten Fall verantwortlich für den Fäulnisprozess sei. Einen restlos Patulin freien Apfel- oder Birnensaft könne man nur herstellen, wenn absolut kein faules Obst verarbeitet würde, was aber in der Realität unmöglich sei. „Was in den Köpfen übrig bleibt, ist, dass Fruchtsaft als belastend dargestellt wurde. Das ist ärgerlich, da er in Wirklichkeit höchster Qualität entspricht,“ so Höllinger.
Auf den unzuverlässigen Vergleich hin angesprochen, sagte Schreiber, sie sei auf diesem Gebiet keine Fachfrau. Die Werte wurden nachgewiesen und deshalb auch veröffentlicht. „Nicht jeder kriegt einen Freibrief, auch wenn es mir persönlich lieber wäre.“
Ein Restrisiko, gesundheitsschädigende Lebensmittel zu sich zu nehmen, kann man wohl niemals ganz ausschließen. Wie gefährlich dieses jedoch wirklich ist, beschreibt DI Reich so: „Wir wissen alle, dass man einem hungrigen Tiger lieber nicht begegnen sollte. In Wien gibt es zwar Tiger im Zoo und man wird niemals 100%ig ausschließen können, dass es einem gelingen könnte, auszubrechen. Die Gefahr ist also da, aber wie hoch ist wohl das Risiko?“

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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