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Coverstory

23.02.2006

Gewerkschaft und Wirtschaftskammer geben ein gutes Beispiel für gelebte Sozialpartnerschaft.

Es muss mehr getan werden für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Ein politischer Stehsatz, der oft leere Worthülse bleibt, für dessen Umsetzung über weite Strecken praktikable Lösungsansätze fehlen. Schön, dass GPA und WKO sich auf eine gemeinsame Suche begeben und im Rahmen einer hochkarätig besetzten Veranstaltung „Arbeiten im Handel & Familie: Konflikte und Lösungen“ Wege zur Verbesserung einer für beide Seiten – Dienstgeber und Dienstnehmer – oft unbefriedigenden Situation aufzeigen.Dabei gibt es gute Beispiele, wie es gehen könnte: „Wir können zwar nicht alle Arbeitszeitwünsche erfüllen; meistens finden wir aber eine Konsenslösung“, sagt beispielsweise Claudia Oszwald, Geschäftsführerin von Hennes & Mauritz. Und weiter: „Auf Grund meiner Erfahrung haben Mütter sogar oft mehr Sozialkompetenz und sind daher wertvolle Mitarbeiter“, schildert sie. Auch Christine Ammerer, Geschäftsführerin der Ammerer GmbH, ist davon überzeugt, dass es zwar keine allgemein anwendbaren Patentrezepte gibt, dass sich aber mit gutem Willen unternehmerische und familiäre Bedürfnisse durchaus vereinbaren lassen. „Kinder sind ein wichtiger Teil unserer Zukunft“, stellten Manfred Wolf, Sekretär des Wirtschaftsbereichs Handel der Gewerkschaft der Privatangestellten und Erich Lemler, Obmann der Sparte Handel der Wirtschaftskammer Österreich, gleich zu Beginn der Veranstaltung klar. Dabei sollten Berufstätigkeit und Freizeit nicht unvereinbare Gegensatzpaare sein – denn Arbeit sollte ja durchaus Spaß machen und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung bieten. Sie sollte sich aber ebenso an den unternehmerischen Visionen und Strategien der Dienstgeber orientieren, darüber hinaus sind aber die Bedürfnisse der Kinder und der Familie vorrangig zu berücksichtigen. Zwei Drittel FrauenDer Handel ist in Österreich eine Schlüsselbranche für die wirtschaftliche und demographische Zukunft: Kaum eine Branche beschäftigt so viele Frauen und so viele Mütter. Von 550.000 Beschäftigten im Handel sind mehr als die Hälfte Frauen, im Einzelhandel sogar zwei Drittel. Ein großer Teil davon hat Kinder unter 15 Jahre. Tagtäglich stehen sowohl diese Arbeitnehmerinnen wie auch die Unternehmen vor der Aufgabe, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, erwarten doch die von Medien, Energieversorgern und Verkehrsmitteln an 24-Stunden-Service gewöhnten Kunden auch offene Geschäfte außerhalb üblicher Arbeitszeiten, also am Samstag oder am frühen Abend.

Sandra Stern von der Interessengemeinschaft work@flex der GPA kritisiert, dass aufgrund des überwiegenden Teilzeitangebots und der hohen Zahl geringfügiger Beschäftigung die dafür gezahlten Gehälter nicht zur Existenzsicherung von Familien ausreichten, gleichzeitig aber ein hohes Maß an Flexibilität gefordert werde. „Das kann sich nachteilig auf das Familienleben auswirken. Oftmals heißt arbeiten im Handel, prekär arbeiten.“ Trotzdem gibt es handfeste Gründe, warum gerade viele Frauen mit Kindern im Handel arbeiten: „Handelsunternehmen haben Erfahrung mit Problemen von Eltern. Speziell Mütter brauchen Teilzeitangebote und die finden sie im Handel. Nach einer EU-Studie arbeiten diesen Ergebnissen zufolge übrigens nur 9 Prozent der Teilzeitbeschäftigten in Österreich unfreiwillig Teilzeit. Eine Zahl, die seitens der ArbeitnehmervertreterInnen stark hinterfragt wird. „Auch ist der Wiedereinstieg nach der Karenz im Handel leichter als in anderen Branchen“, führt Bundesspartenobmann Lemler aus. Aus Sicht von Felicitas Seebach, der Frauenbeauftragten des Bundesausschusses Handel der GPA, widerspricht die reale Situation in Handelsbetrieben oft der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Eltern sind zwischen Arbeitspflicht und Aufsichtspflicht hin- und hergerissen. Vor diesem Hintergrund fordert die GPA familiengerechtes Arbeitszeitmanagement in den Handelsbetrieben“, so Seebach. Für Handelsunternehmer sei die Situation oft noch schwieriger, gelte es doch, die Bedürfnisse von Arbeitnehmer/-innen mit Kindern, deren kinderlosen Kollegen und von Kunden zu vereinbaren: „Mütter wollen meist nur vormittags arbeiten, ihre Arbeitskollegen ebenso. Die Kunden, von denen die Arbeitsplätze abhängen, kommen aber nachmittags“, schildert Lemler das Dilemma aus Arbeitgebersicht. Einig sind sich Arbeitgeber- und Arbeitgebervertreter darin, dass weitere Verbesserungen etwa in der Kinderbetreuung nötig sind. Unterschiedliche Auffassungen der Sozialpartner gibt es zur Elternteilzeit: Während Handelsobmann Lemler von einer Zwangsbeglückung wenig hält, sieht Manfred Wolf in der Regelung eine Chance, „dass Eltern kindgerechte Arbeitszeiten sicherstellen können“. Wichtig ist allerdings für beide: „Wir brauchen Verständnis und Flexibilität aller Beteiligten – von Unternehmen, Eltern, Kollegen und Gesellschaft.“Schlechtes Gewissen oder Zaubersalz?Wolfgang Mazal, Professor am Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Universität Wien und Präsident des Österreichischen Instituts für Familienforschung, befasst sich mit Tendenzen verschiedener Indikatoren zur Familienentwicklung in Österreich. Er leitet daraus die Frage an den Handel ab, wie denn der stärker werdende Druck auf Familien reduziert werden könne und zeigt Lösungsansätze auf: „Dazu eignen sich insbesondere Verbesserungen in der Kinderbetreuung im Wohnumfeld, ein neuer Zugang der Unternehmen zur Frage der Flexibilität. Vom Ansatz her sei es unzutreffend, „work“ und „life“ zu balancieren; vielmehr müssen die Bereiche „work“ und „family“ so ausbalanciert werden, dass sie in Summe ein geglücktes Leben ergeben. Es gebe zwar kein „Zaubersalz“, mit dem man alle Probleme spontan aus der Welt schaffen könne, eine regelmäßige Thematisierung – etwa in Form von Audits „Beruf und Familie“ – sei ein gut gangbarer Weg, um den typisch österreichischen Komplexen zu begegnen: im Gegensatz etwa zu den skandinavischen Ländern, wo im Beruf, im Haushalt oder in der Kinderbetreuung Tätige gleichermaßen akzeptiert wären, gebe die österreichische Gesellschaft noch immer „schizophrene“ Signale, die dazu beitrügen, „den Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen“, egal für welchen Weg sie sich entschieden.Aus dieser Sicht: eine nicht ganz leichte aber längerfristig äußerst lohnende Hausaufgabe für die Visionäre und Öffentlichkeitsarbeiter dieses Landes.

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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