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Coverstory

14.06.2006

Brutaler Zweikampf

Studie - Die Zahl der Standorte sinkt. Täglich fällt bei drei Geschäften der Rollbalken für immer. Billa und Spar kämpfen um die Vorherrschaft.

Österreichs Einzelhandel befindet sich in einem dramatischen Umbruch. Während die Handelsketten über Franchisesysteme und Vertriebskooperationen massiv zulegen, nimmt die Zahl der vom Unternehmer selbst geführten Geschäfte kontinuierlich ab. Insgesamt geht die Zahl der Handelsstandorte in Österreich um 1 bis 2% pro Jahr zurück. Täglich fällt bei drei Geschäften der Rollbalken für immer. Dies geht aus der aktuellen Studie der RegioPlan Consulting hervor.Derzeit gibt es in Österreich im Handel insgesamt mehr als 52.000 Geschäfte, rund ein Drittel oder 17.000 Standorte werden von Handelsketten direkt, Franchisenehmern oder Vertriebspartnern geführt. Im Jahr 2010 werde dieser Anteil bereits bei knapp 50% liegen, schätzt RegioPlan. Entsprechend dieser Entwicklung werden auch die Verkaufsflächen wachsen, und zwar um 2 bis 3% pro Jahr und das trotz langfristig stagnierender Handelsumsätze.Die filialstärksten Unternehmen gibt es im Lebensmittelhandel, bei den Baumärkten und den Drogerien/Parfümerien. In diesen Bereichen liegt der Anteil zwischen 89 und 79%. So gehören von insgesamt 6.200 Lebensmittelgeschäften in Österreich 5.500 Läden zu einer Handelskette. Bei den Baumärkten gehören von 800 Standorten 700 und bei den Drogerien von 2.900 2.300 zu einer Kette.Rund 39% aller von RegioPlan im Zuge dieser Studie erfassten 14.000 filialisierten Einzelhandelsstandorte in Österreich sind Lebensmittelhändler. Mit rund 0,3 m2 Verkaufsfläche pro Einwohner ist die Dichte in dieser Branche mit Abstand die höchste. Auf Bundeslandebene haben die Burgenländer die meisten Supermärkte zur Auswahl – für je 970 Einwohner steht ein Lebensmittelhändler zur Verfügung, in Wien müssen sich rund 2.200 Personen einen Supermarkt teilen.Dr. Wolfgang Richter, RegioPlan, sagt dazu: „Bei den derzeitigen Rahmenbedingungen im Handel ist der Handlungsspielraum begrenzt. Wir sehen konkret zwei Möglichkeiten für Geschäfte, die weniger als 400 m2 Verkaufsfläche zur Verfügung haben: vergrößern oder schließen. Die vielen Geschäfte, die kleiner sind, können keinen attraktiven Unternehmerlohn erwirtschaften. Durch die fortschreitende Filialisierung zieht eine Vereinheitlichung übers Land, die europaweit stattfindet. Es wäre pure Wirtschaftsromantik, wenn man davor die Augen verschließt.“Ein hartes Gefecht um die Vorherrschaft am österreichischen Markt tragen dabei die zwei größten Marktteilnehmer der Branche, die Rewe/Billa-Gruppe und Spar, miteinander aus, die zusammen rund 51% der filialisierten Standorte im Lebensmittelhandel haben. Nach wie vor dominiert die Rewe Gruppe den Osten Österreichs, Spar den Westen. Im Vergleich zu 2005 hat Billa im Westen bei der Anzahl der Standorte aufholen können. Die Dominanz ausbauen konnte Billa in Niederösterreich, Spar in Tirol.

„Flucht nach vorn“bei SparKarl Feurhuber, Spar-Kaufmann aus Mondsee und Sprecher aller selbstständigen Spar-Kaufleute, sieht das Ergebnis mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Die Zahl der Spar-Kaufleute ist in den vergangenen 10 Jahren von 1.200 auf rund 700 gesunken. Dieser Prozess hat sich aber in den vergangenen Jahren verlangsamt. Wir merken, dass sowohl die Verkaufsflächen als auch unser Umsatz steigt. Es vergeht kaum ein Monat, in dem kein Spar-Kaufmann einen größeren Standort eröffnet. Im internen Match zwischen Filiale und Einzelhändler gewinnt der Unternehmer immer dann, wenn er tüchtig ist. Der Marktanteil der selbstständigen Spar-Kaufleute in Österreich ist ähnlich hoch, wie jener aller Interspar-Filialen. Auch spüre ich, dass sich die Stimmung unter den Kollegen bessert. Immerhin haben wir 2005 ein Wachstum hingelegt, das drei Mal so hoch ist wie das Branchenwachstum.“Privatisierungswelle bei Adeg/Edeka rollt weiterRobert Steurer, offizieller Sprecher der Adeg-/Edeka-Kaufleute in Österreich, sagt im Interview mit LK-Handelszeitung, bei seiner Handelsorganisation habe es in den vergangenen Jahren dieselbe Entwicklung gegeben, die auch in der Studie festgestellt worden ist. „Aber das bezieht sich fast ausschließlich auf kleine Geschäfte, bei denen oft auch der Nachfolger fehlt. Adeg/Edeka lässt diese Geschäfte aber nicht fallen, sondern versucht, sie als Filiale oder – was noch besser wäre – mit einem selbstständigen Kaufmann weiter zu führen. Im vergangenen Jahr haben zwischen 14 und 16 Adeg-/Edeka-Kaufleute in Österreich geschlossen. Diese Entwicklung wird aber nachlassen, da die Betriebe, die nicht der modernen Marktgröße entsprechen, immer weniger werden. Und immerhin ist auch bei uns die Quadratmeteranzahl weiter gewachsen. Die Privatisierungswelle bei Adeg/Edeka rollt nach wie vor stark weiter, im heurigen Jahr wollen wir rund 35 neue selbstständige Kaufleute dazu gewinnen, 7 sind es schon heute. Wir sind so gut positioniert, dass wir in diesem Match sicherlich mitmischen werden.“Steurer hat seinen Adeg-/Edeka-Markt in Seeboden am Millstätter See erst vor 2 Jahren von 500 auf 800 m2 erweitert.Nah&Frisch: Zenit der Schließungen überschrittenManfred Müller, Marketingdirektor bei ZEV Markant, zu der die Nah&Frisch-Gruppe mit Einzel- und Großhandel gehört, streitet die vergangene Entwicklung nicht ab. Jedoch gibt er zu bedenken: „Die Anzahl der unternehmergeführten Geschäfte im Lebensmitteleinzelhandel ist rückläufig, doch scheint der Höhepunkt dieses Abschmelzungsprozesses überschritten. Erfreulicherweise ist es Nah&Frisch gerade in den letzten Jahren gelungen, verschiedene Standorte mit jungen, engagierten Kaufleuten neu zu besetzen bzw. durch zahlreiche Neuakquisitionen effizient gegenzusteuern.“Mit der im Vorjahr erfolg-ten Neupositionierung von Nah&Frisch sei die Weichenstellung für eine erfolgreiche Zukunft selbstständiger Kaufleute vorgenommen worden, so Müller, der als Stratege dabei wichtige Fäden gezogen hat.„Die uns vorliegenden Untersuchungsergebnisse bestätigen den starken Rückhalt und die hohe Akzeptanz der Marke Nah&Frisch bei unseren Kunden. Selbstständige Kaufleute haben nach wie vor gute Chancen, sofern die unternehmerischen Stärken, wie Engagement, Motivation und die Bereitschaft zur Erbringung diverser Mehr- und Zusatzleistungen – eben den Nah&Frisch-Extras – konsequent ausgespielt werden“, fügt Müller hinzu.Die Zahl der gekennzeichneten Nah&Frisch-Geschäfte ist im Vorjahr um 42 gesunken. Dabei handle es sich vorwiegend um Geschäfte mit kleiner Fläche, die mit neutraler Kennzeichnung weiter geführt werden – nur eben nicht unter der Markenkennzeichnung Nah&Frisch.

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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