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Coverstory

08.11.2006

Richtige Akzente für die Zukunft

David Bosshart, einer der Hauptreferenten des Lebensmittelkongresses, ermöglicht unseren Lesern einen exklusiven „Blick in die Kristallkugel“.
Jeden in der Branche beschäftigt die Frage „Ist der Handel auf dem richtigen Weg?“ Der Jahreskongress „Lebensmittel 2006“ ermöglicht die Diskussion mit führenden Vertretern der Industrie und des Handels; prominente Referenten präsentieren aktuelle Forschungsergebnisse und stellen sich den Fragen der Teilnehmer.

LK-Handelszeitung: Herr Doktor Bosshart, wohin geht der Handel in den nächsten Jahren?
Dr. David Bosshart: Mir scheint, dass vor allem eines sicher ist: Dynamik und Komplexität nehmen exponentiell zu.
Sowohl auf Handels- als auch auf Industrieseite sind Innovationen die Hauptherausforderungen. Mit der Globalisierung gleichen sich die Handelskonzepte immer schneller an. Austauschbarkeit und Langeweile drohen. Auf der anderen Seite wird sich der Wettbewerb vor allem der Regionen stark akzentuieren. Das gibt neuen Schub und neue Konstellationen. Es gibt weiter zwei große Tendenzen: Fortschreitende Konsolidierung und fortschreitende Dekonsolidierung.
Die Frage lautet: Verkaufen wir in Zukunft mehr von weniger oder weniger von mehr? Wer zu den Gewinnern gehört, hängt weitgehend von der Fähigkeit ab, neue Technologien rasch, effizient und effektiv zugunsten der Kundenorientierung umzusetzen.

2) Welche Bedeutung wird Discount in der Zukunft haben?
Discount wird natürlich bleiben. Aber niemand wird sich so stark wandeln wie der Discount in den kommenden Jahren. Auch hier rückt klar die Differenzierung und die Profilierung in den Vordergrund. Discount wird noch mehr zum Geschwindigkeits-Geschäft. Neuere Formate wie Tchibo machen Druck. Nonfood wird wichtiger als Erfolgsfaktor. Dienstleistungen werden immer wichtiger für die Umsatzverlustkompensation, weil im Foodangebot die Preise tendenziell weiter sinken.

3) Welche Entwicklung werden Marken/Eigenmarken nehmen?
Ich formuliere es paradox: Marken werden zugleich wichtiger und unwichtiger.
Als Orientierungsstütze, als Vertrauensgarant, sind sie in einer Welt des Ueberflusses und des „Zuviels“ unerlässlich. Aber der Handel hat nur ein
Interesse: Er will sich selbst als Marke verkaufen. Der Handel ist nur erfolgreich, wenn der Kunde wegen ihm kommt. Und nicht wegen den Markenartiklern. Mittelfristig sind alle grossen nationalen Marken noch stärker unter Druck - die Frage ist, ob sie in Märkten wie China, Indien, Russland tatsächlich das grosse Wachstum vor sich haben, das hier bei uns wegbricht. Ich bin eher skeptisch - siehe Coca Cola und Pepsi Cola in Indien. Die rasch voranschreitende Fragmentierung der Massenmedien bringt noch mehr Gegenwind. Wer nicht mehr mit TV aufwächst wie die Baby Boomers und die Generation X zwischen 1945 und 1990, sondern mit interaktiven Medien, wird einen viel selektiveren Zugang zu Markenartikeln haben. Dafür sehe ich grosse Chancen bei qualitativ herausragenden regionalen Marken.

4) Welche Entwicklungen sind hinsichtlich der Geschäftsgrößen anzunehmen?
Die jetzt schon Grossen werden weiter auf Grösse setzen, sei es durch organisches Wachstum oder Zukäufe. Ersteres genügt nicht, wenn man schneller wachsen will als der Markt und die Konkurrenz. Die Rückschläge nehmen aber ebenfalls zu. Die Probleme, die ein Wal-Mart, ein Carrefour oder auch eine Rewe haben, zeigen aber auch deutlich auf, dass man im Lebensmittelhandel ohne extrem starke Basis im Heimmarkt keine Chance hat. Verschnupft man sich im Heimmarkt oder vernachlässigt ihn, dann wird es sofort schwierig für die Profitabilität des Konzerns. Etwas unterschiedlich ist die Situation im Nonfood. Dort dürfte die Konsolidierung im Massengeschäft in vielen Bereichen weitergehen. Gute, die fast alles richtig machen, wie etwa Ikea, werden wohl weiter wachsen. Aber selbst im Möbelgeschäft und im DIY/Heimwerkermarkt gibt es Chancen für innovative Nischenanbieter.

5) Wie werden die Outlets/POS der Zukunft aussehen?
Die Frage, wo Mensch und wo Technologie wird sich weiter zuspitzen.
Erfolgreiche Anbieter machen ein immer extensiveres „Outsourcing to the customer“ - der Kunde macht den Job des Anbieters und des Verkäufers selbst, und zwar freiwillig und gern. Damit kann man Kosten sparen. Auf der anderen Seite brauchen wir mehr denn je die menschliche Wärme, die Kompetenz und die Emotionalität auf der Fläche. Daneben haben sie sicher die Gestaltungsfragen. Architektur, Innenausstattung, sind für das Wohlbefinden viel wichtiger geworden. Wer schlechtes Licht anbietet, jagt die Kunden wieder aus dem Laden. Spar in Oesterreich oder auch bauMax haben das Thema der Architektur und des Designs ja längst erkannt. Am weitesten fortgeschritten sind natürlich die Mode-Anbieter, die auch am meisten unter Druck sind. Wenn Sie heute die Flagship-Stores der berühmtesten Mode-Marken auf der ganzen Welt anschauen, so haben Sie ein Stelldichein der berühmtesten Architekten der Welt.

6) Welche Rolle wird Qualität spielen?
Sie wird im alten Europa stark zunehmen über die kommenden Jahre.
Insbesondere im Bereich Lebensmittel und Getränke werden die Erwartungen an Top-Produkte mit Mehrwerten steigen. Eine älter werdende Gesellschaft wird mehr Natürlichkeit, Regionalität, Verständlichkeit und Saisonalität verlangen. Das ist selbstverständlich auch Ausdruck unseres generell sehr hohen Wohlstandsniveaus. Und für die Differenzierung führt kein Weg an der Qualität vorbei.

7) Welche Rolle wird Präsentation spielen (Shopping Malls, „Erlebniseinkauf“)?
Wer „nur“ eine Shopping Mall anzubieten hat im traditionellen Sinne, wird keine Chance haben. Das ist langweilig, austauschbar, da überall in etwa der selbe Mietermix, dieselbe triste Stimmung. Spannend wird die Frage sein, was in der Konkurrenz zu den Malls passiert: Flughäfen, also Airport Shopping wird immer wichtiger. Wir haben gerade dazu eine internationale Studie gemacht, bei der es um die Konkurrenz zu anderen Hochfrequenzorten geht:
eben traditionelle Malls, Bahnhofs-Handel sowie die sich wandelnde Rolle des City Shoppings. Tendenziell werden wir wohl zuviel Fläche haben. Aber das belebt das Geschäft . . .

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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