Direkt zum Inhalt

Das 29. Handelskolloquium des Handelsverbands

12.04.2019

Am 9. April fand das alljährliche Branchentreffen der österreichischen Händler im Apothekertrakt des Schlosses Schönbrunn statt.

Die neue Rekordzahl von 240 führenden Branchenvertretern war zum traditionellen Handelskolloquium erschienen – was wohl auch am diesjährigen Schwerpunkt gelegen sein dürfte: Kernthema war die Zukunft des Handels in Zeiten der Plattformökonomie, digitaler Marktplätze, von Omnichannel-Lösungen und Shoppingcenter-Ballungsräumen.

„Vernetzen Sie sich!“

"Retail verändert sich disruptiv, und damit auch der Standort Österreich", so leitete Stephan Mayer-Heinisch, Präsident des österreichischen Handelsverbands, die Handelskonferenz ein. Er hatte auch eine Empfehlung: "Vernetzen Sie sich, lernen Sie von den Besten und haben Sie keine Angst vor der Zukunft – denn es sind immer noch die Menschen, die den Unterschied machen.“

Im Laufe des Abends sollte der langjährige HV-Präsident zu seinem 65er aus den Händen von Sektionschef Florian Frauscher (BM f. Digitalisierung und Wirtschaftsstandort) im Auftrag des Bundespräsidenten das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich erhalten.

Erfolgsgeschichte

Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will ließ in seinen Grußworten die jüngsten Erfolge des Verbands Revue passieren: Der neue Lehrberuf e-Commerce-Kaufmann ist eine gefragte Lehre und 82 Prozent der Österreicher stehen im Sinne von mehr Fairness im Onlinehandel hinter der HV-Beschwerde gegen Amazon.

Eröffnungsredner Bundeskanzler Sebastian Kurz bedankte sich für rund 600.000 Arbeitsplätze im heimischen Handel und versprach eine Bürokratiereform sowie den Abbau von Goldplating bei gleichzeitigen massiven Investitionen in Forschung und Entwicklung.

e-Commerce & Amazon

Der deutsche Experte für Online-Handel Michael Atug fokussierte auf die kritischen Aspekte von Amazon: "Die Bestseller fallen für kleinere Marktplatz-Händler weg, weil Amazon sie zunehmend selbst verkauft. Auch wenn du als Händler drei Jahre lang auf dem Amazon Marketplace erfolgreich bist, irgendwann ist es vorbei." Hinzu kommt: "Amazon ist mittlerweile zur Suchmaschine geworden und hat Google bei der Produktsuche längst abgelöst."

Martin Unger, Partner bei Contrast EY, sprach in seiner Studienpräsentation u.a. über die Unterschiede zwischen technologischen Plattformen (z.B. SAP), Geschäftsmodell-Plattformen (z.B. Uber) und digitalen Ökosystemen wie Amazon oder Alibaba. "Die Handels- und Konsumgüterbranche wird von diesen digitalen Ökosystemen und Plattformen massiv geprägt", so Unger. Warum? "Weil Sie die Kundenbedürfnisse oft besser verstehen als traditionelle Unternehmen und gleichzeitig über eine extrem ausgeprägte Technologie- und Datenkompetenz verfügen."

Die gute E-Nachricht

"Der Kuchen wächst - das ist die positive Nachricht im e-Commerce. Es gibt genug Platz für neue Player. Eine große Herausforderung auch für Ebay und Amazon sind die anstehenden Regulierungen, welche demnächst in Europa in Kraft treten werden", so Stefan Krawczyk von ebay und der Mercateo-B2B-Experte Christoph von Lattorff meinte: "Man muss Marktplätze als Vertriebsmodell sehen. Wenn das eigene Geschäftsmodell funktioniert, macht auch die Präsenz auf Plattformen und Ökosystemen Sinn. Marktführer Amazon ist zwar extrem kundenfreundlich, aber definitiv nicht händlerfreundlich.“

Mario Peter von repy.me warnte vor Resignation: "Wenn wir so denken, dass wir gegen Amazon von vornherein keine Chance haben, dann würden wir gar nicht antreten. Wir glauben an unsere Idee und sind überzeugt, dass wir mit repay.me auch in Österreich Fuß fassen können."

LEH-Spezifisches

Regionalität und Saisonalität stärken, die Kollaboration zwischen Herstellern und Händlern intensivieren und nachhaltige Verpackungen schaffen - das waren drei der wichtigsten Ratschläge von Nordal Cavadini, Partner bei Oliver Wyman, an die anwesende Händlerschaft. "Frische Produkte und insbesondere Obst und Gemüse bieten eine große Differenzierungschance in einem kompetitiven Umfeld. Immer mehr führende Lebensmittelhändler präsentieren innovative neue Frische-Konzepte", so der Experte. Überdies zähle Österreich zu jenen Ländern, wo eine hohe Qualität im Frische Sortiment ein extrem wichtiges Wettbewerbskriterium ist.

Evgeny Gokhberg, Commercial Strategy Executive und Head of EMEA beim Tech-Startup Everledger, sprach in seinem Vortrag über transparente Warenrückverfolgbarkeit auf Blockchain-Basis: "Konsumenten können direkt im Geschäft per Smartphone-App prüfen, wo ein Produkt produziert wurde und wie die Supply Chain tatsächlich aussieht." Im Lebensmittelhandel könnten derartige Technologien die Glaubwürdigkeit von Gütesiegeln und Marken stärken.

Empfang des österr. Handels

Die Startup-Session beendete das Programm des Kolloquiums, der Abend gehörte dem Feiern und Networken: Gut 400 Gäste lauschten nach der Begrüßung durch Rainer Will dem Vortrag von Rewe-Vorstand Marcel Haraszti „Zur Lage des österreichischen Handels“ sowie der Laudatio des ehemaligen HV-Präsidenten Ferdinand Brenninkmeijer für seinen frisch ausgezeichneten Nachfolger Stephan Mayer-Heinisch, bevor der Abend mit Fingerfood und zahlreichen Gesprächen genüsslich lang werden durfte.

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
Werbung

Weiterführende Themen

Thema
03.03.2020

Das EU-Mehrwertsteuerpaket, das die Abschaffung der 22 Euro-Mehrwertsteuerfreigrenze für Drittland-Sendungen vorsieht, sollte mit Jahresbeginn 2021 umgesetzt werden. Nun wollen einzelne Länder ...

Thema
20.02.2020

Papiersteuer aus Maria Theresias Zeit ist Gift für den Beschäftigungs- und Wirtschaftsstandort Österreich und ein echter Wettbewerbsnachteil für Start-Ups.

Handel
10.02.2020

Die Verbraucherstimmung präsentiert sich in Österreich zu Beginn des neuen Jahres laut aktuellem Handelsverband Konsumbarometer optimistisch. Mit einem Wert von 103,08 weist es für Dezember 2019 ...

Leere Geschäftslokale mit schmutzig-blinden Fenstern sind das sichtbare Zeichen des Onlinebooms
Thema
23.01.2020

Immer mehr Geschäfte in der österreichischen Bundeshauptstadt stehen leer - mit einem Anstieg um 20% in den letzten 15 Jahren. Der Handelsverband empfiehlt ein Sofortmaßnahmenpaket.

Anders als Android beschränkt Apple die Nutzung der vorhandenen NFC-Technologie auf den hauseigenen Zahlungsdienst Apple Pay - und nutzt damit eine Quasi-Monopolstellung aus, wie der Handelsverband kritisiert.
Thema
15.01.2020

Rainer Will: Apple soll NFC-Schnittstelle bei iPhones für Zahlungsdienste von Dritten öffnen. Ein "Digitalinfrastrukturgesetz“ als österreichische Antwort auf Plattformökonomie könnte ...

Werbung