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Denkanstöße für den neuen WKÖ-Präsidenten

18.06.2018

Der Wechsel an der Spitze der Bundeswirtschaftskammer weckt Hoffnungen in heimischen Händler- und Markenartiklerkreisen. Denn Harald Mahrers bisherige Karriere zeichnet sich durch ein Naheverhältnis zur modernen Konsumgüterwirtschaft, zu Marketingkommunikation und Digital Economy aus.

Der heute 45jährige Harald Mahrer war nach seinem Doktorats-Studium an der Wiener Wirtschaftsuni Forschungsassistent an der WU unter Rektor Hans Robert Hansen, später Geschäftsführer der führenden PR Agentur Pleon Publico, davor und danach Geschäftsführer von Unternehmensberatungsfirmen. In diesen Funktionen erwarb er sich hohe Kompetenz im Kommunikations-, IT- und Digitalbereich. Im Wirtschaftsbund der ÖVP steht Mahrer mit René Tritscher als Generalsekretär ein Polit-Manager zur Seite, der zuvor als Geschäftsführer der Sparte Handel in der WKO bewiesen hat, dass er den tief greifenden strukturellen Wandel in diesem Wirtschaftssektor „drauf“ hat und daraus die richtigen politischen Schlüsse zu ziehen, in der Lage ist. Das Duo Mahrer/Tritscher sollte somit die Hoffnung nähren, dass die Rolle der Industriellenvereinigung als eines dominanten Ezzesgebers der Wirtschaftspolitik zurechtgestutzt wird und die Wirtschaftskammer ihren früheren Status als „Handelskammer“ zurückerobern kann. Aufholbedarf besteht auch gegenüber dem Handelsverband, der in den letzten Jahren unter seinem tüchtigen Geschäftsführer Rainer Will eine starke Medienpräsenz aufbaute. Früher auf die Interessensvertretung von Großfilialisten fokussiert,  bemüht sich der HV, gestützt auf eine Statutenänderung, seit einiger Zeit, KMU-Händler als Mitglieder an Bord zu holen.

Wertschöpfung des Handels spektakulär gestiegen

Nicht zuletzt durch Versäumnisse auf Kammerebene wird seit Jahren im öffentlichen Diskurs die Leistung, die Österreichs Handel für Staat, Gesamtwirtschaft und Gesellschaft erbringt, unter ihrem wahren Wert gehandelt. Konkret geht es um die Leistungen unseres Einzelhandels beim Angebot von Arbeitsplätzen, als Lehrlingsausbildner, als  Mehrwertsteuer-Inkassant des Finanzministers. Kaum zur Sprache gebracht wurde und wird  der Umstand, dass in der postindustriellen Dienstleistungswirtschaft der Beitrag des Handels zur Wertschöpfung und damit zum Volkseinkommen spektakulär gestiegen ist. Mit Blick auf die bescheidenen Margen im FMCG Handel kann man feststellen, dass der Löwenanteil dieser Wertschöpfung nicht in die Taschen der Unternehmer, sondern in jene der Arbeitnehmer, also der Handelsangestellten fließt. Was den Konsumgüterhandel betrifft, lag jedenfalls der vor 200 Jahren geborene Karl Marx mit seiner Mehrwerttheorie total daneben. Ebenso daneben liegt aber auch die Großindustrie, wenn sie kühn behauptet, sechs von zehn heimischen Arbeitsplätzen seien dem Export „geschuldet“. Diese Ansage grenzt schon an Fake News.

Strukturproblemen auf den Grund gehen

Schon immer tat sich die Kammer schwer, die Strukturprobleme in den Reihen ihrer Mitglieder zu diagnostizieren und Lösungsansätze zu entwickeln. Aber hilfreich ist diese Vogel-Strauß-Politik ganz und gar nicht. Denkanstoß für den neuen Kammerpräsidenten: Ein Forschungsauftrag an die Wirtschaftswissenschaft über die tieferen Ursachen des Niedergangs von einst erfolgreichen Familienunternehmen des Einzelhandels- jeder kennt die Namen -  wäre überfällig. Geeignet für einen solchen Job wäre das Institut für Entrepreneurship, geleitet von Professor Nikolaus Franke an der WU Wien. Die stark wachsende Präsenz ausländischer Fachmarktketten in den Shopping Centers, die Dominanz internationaler Online-Händler, angeführt von Amazon und das Vordringen des Ramschhandels in heruntergekommenen Einkaufsstraßen und Hotspots des Massentourismus sind die logische Folge des oft durch Generationenkonflikte selbstverschuldeten Klein- und Großgreislersterbens.  

In der Politik ist sehr häufig vom „Wirtschaftsstandort Österreich“ die Rede. Der Begriff ist sehr schwammig, was dazu führt, dass damit viel Schindluder getrieben wird, vor allem wenn es um den Ruf nach staatlichen Förderungen geht. Wirtschaftsstandort wird fälschlicherweise mit Produktionsstandort gleichgesetzt, Themen wie die Inlandswertschöpfung, die auch Marketing und Distribution umfasst oder die Autonomie von Österreich-Töchtern gegenüber einer internationalen Konzernmutter in den wirtschaftspolitischen Diskurs einzubringen, sollte ein vordringliche Aufgabe der Kammer sein.

Handelskonzentration und Artenschutz für KMU

Wachsende Konzentration im Handel wird allgemein beklagt. Wenn die Kammer ihrer Funktion als Plattform des Interessensausgleichs nachkommen will, dann muss sie ihr Branchen-Kästchendenken aufgeben und ihr Hauptaugenmerk auf die vertikalen Liefer- und Wertschöpfungsketten legen. Beispielsweise auf die Food Value Chain im  Lebensmittelbereich, die zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel und Gastronomie stattfindet, wo es auch auf die richtige Balance zwischen marktwirtschaftlichem Wettbewerb und Kooperation ankommt. 

Damit der Kammer-Dauerton von den KMUs als dem Rückgrat unserer Wirtschaft nicht zur inhaltsleeren Sprechblase verkommt, sollte man sich schleunigst darüber Gedanken machen, wie die synergetische Zusammenarbeit zwischen kleinen und großen Unternehmen verbessert werden kann. Wie die klassischen Handelsketten, die im deutschen LEH so glänzend performen, hierzulande revitalisiert werden können. Wie Franchise-Modelle beschaffen sein müssen, damit sie tatsächlich den Bestand und die Entwicklung wirtschaftlich gesunder Kleinunternehmen sichern und kein KMU-Prekariat zeitigen. Wenn in den Einzelhandelsstatistiken des kammernahen Marktforschungsinstituts Filialsysteme, Franchisesysteme und die Geschäfte selbstständige Kaufleute in einen Topf geworfen werden, lassen sich daraus keine Schlüsse für eine KMU-orientierte Wirtschaftspolitik ziehen.

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