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Die Helden sind müde

17.09.2019

Ein Memo von Hanspeter Madlberger.

Das schier endlose deutsch-tschechische Tauziehen um die (Mehrheits-)Anteile am mittlerweile arg geschrumpften und ertragsmäßig abgemagerten  Handelsgiganten Metro ist kein Einzelfall. Auch die Fassaden vieler anderer einstiger Retail-Denkmäler zeigen Risse. Der Generationenwechsel hinterlässt Spuren. Nachfolger streiten über Strategien. Manager rotieren, im doppelten Sinn des Wortes.  Die Erträge bröckeln. Der Siegernimbus verblasst.

Das Tengelmann-Imperium der Familie Haub, einst Deutschlands Supermarkt-Vorzeigeunternehmen, ist auf zwei Fachmarktketten (Obi und Kik) zusammengeschrumpft. In seiner Serie über die weltweit umsatzstärksten Familienunternehmen beschreibt das Handelsblatt die großen Schwierigkeiten, mit denen die französische Händlerdynastie Mulliez, Eigentümerin der Auchan Hypermärkte und der Decathlon- Sportartikel-Fachmärkte kämpft. Im Hypermarkt-Sektor fehlt es Auchan an Umsatzpower, um im Wettlauf der Global Players mit Amerikanern und Deutschen Schritt zu halten. Decathlon muss als stationärer Sportartikel-Discounter mit den Online-Discountern, angeführt von Amazon, Schritt halten, die Margen geraten dadurch enorm unter Druck. Der Börsenkurs von Marks & Spencer, dem Monument britischer Einzelhandelstradition, erleidet massive Einbrüche.

Metro: Pattstellung zwischen Haniel und Kretinsky

Größte Baustelle im deutschen Handel ist seit langem die Metro. Die Verkaufsverhandlungen des Metro-Großaktionärs Haniel, eines Industriellen-Familienunternehmens aus Duisburg, mit dem Investor Daniel Kretinsky sind ins Stocken geraten. Noch hält Haniel eine 15,2 %-Beteiligung an der Metro, aber es hat zurzeit nicht den Anschein, als würde der tschechische Quereinsteiger von seiner Call-Option auf dieses Aktienpaket Gebrauch machen. Sowohl Haniel als auch Kretinsky sind an dem vom Metro-Konzern ausgegliederten Media/Saturn-Unternehmen Ceconomy beteiligt, und weil beide Unternehmensgruppen Verluste schreiben, können sich der verkaufs- und der kaufwillige Geschäftspartner über den Preis nicht einigen. In der Luft hängt auch der Verkauf der Real-Märkte, denn sowohl das Bieterkonsortium  Redos als auch Kaufland, mit dem Immobilieninvestor X-Bricks verbandelt, bewerben sich um die Übernahme von Real-Standorten.        

Dieter Schwarz hat ein Manager-Problem

„Die Supermarktkette Kaufland schreibt Verluste, beim Discounter Lidl fallen die Renditen“.  Diese Horror-News schickt das Manager Magazin (MM)  in seiner aktuellen September-Ausgabe seiner Hintergrund-Story über die Schwarz Gruppe voraus. Faktencheck gewünscht? Die Lidl-Stiftung & Co. KG, in der Lidl und Kaufland konsolidiert sind, schrieb  im Geschäftsjahr 2012/13 noch eine EBIT-Marge von 5,3%. Im GJ 2018/19 soll diese Ertragskennziffer,  laut MM, das sich auf Schätzungen von Insidern beruft, auf ca. 3% gesunken sein. In den USA fuhr Lidl im Jahr 2018 mit rund 100 Läden einen Anlaufverlust von 420 Millionen € ein. Noch kann man von keiner existenzbedrohenden Ertragskrise sprechen, wohl aber von Warnsignalen. Der nicht sehr schmeichelhafte Titel des Berichts „Das Methusalem Komplott“ nimmt auf den Umstand Bezug, dass Firmengründer und –Patriarch Dieter Schwarz demnächst, nämlich am 24. September, seinen 80. Geburtstag feiert. Sein Generalbevollmächtigter Klaus Gehrig (71) will noch vier Jahre weitermachen. Seit längerer Zeit lässt er das Managerkarussel gehörig rotieren. MM: “Allein bei Lidl verschliss Gehrig in 19 Jahren acht Vorstandsvorsitzende.“ Bei Kaufland, übrigens Mitglied der Markant-Gruppe, wurde 2016 nahezu der gesamte Deutschland-Vorstand ausgetauscht. 

Und weil eben von einem Händler-Methusalem  die Rede war: Ein solcher ist auch Erwin Müller (86), Gründer und Alleininhaber der Müller Drogeriemärkte. Er hat seinen Sohn ausbezahlt und den ex-Hofer Manager Günther Helm per 1. Juni  zum Vorstand der Müller Holding bestellt. Die Müller Märkte, halb Drogeriediscounter, halb Kleinpreis-Warenhäuser mit breiten und zugleich flachen Sortimenten haben sich in den vergangenen Jahren ihre  eigene Marktnische geschaffen. Hohe Komplexität im Sortimentsmanagement, in der Logistik und in der Verwaltung sind der Preis, den Müller dafür zu bezahlen hatte. Eine neue strategische Ausrichtung, effizientes Kosten-Controlling und klare Management-Strukturen im Müller-Imperium zu schaffen, vor dieser Herkules-Aufgabe steht nun Helm.

Aldi auf  Abwegen?

Müller kämpft in Deutschland gegen dm und Rossmann, das Branchenereignis des LEH aber ist dort der Umsatzwettlauf zwischen den  beiden Discount-Rivalen Lidl und Aldi (Süd und Nord). Doch während bei der Schwarz-Gruppe noch die Oldies am Ruder sind, haben bei den Albrecht Clans nach dem Tod der beiden Gründerväter - Theo starb 2010, Karl 2014 -  die Erben das Steuerrad übernommen. Sie halten sich freilich weitestgehend aus dem operativen Geschäft heraus. Es sind also jetzt die Manager, die den Kurs der Unternehmen bestimmen. Einzelne Familienmitglieder  treten vorwiegend mit ausgefallenen privaten Spleens in Erscheinung. „Die Albrechts“, als perfekte Verkörperung extrem fleißiger, bescheidener und sparsamer deutscher Kaufmannsgesinnung, das war einmal. Bei Aldi Nord machen sich Versäumnisse der Vergangenheit bemerkbar, das Unternehmen schrieb 2018 Verluste.  

Und so gerät im Zuge des Generationenwechsels auch das Aldi-Erfolgsprinzip ins Wanken. „Tu das nicht, Aldi!“ übertitelte die Welt  in ihrer Ausgabe vom 7. September ihren Verriss der neuen Aldi-Strategie. Aldi habe sich im Design seiner Märkte und in der Werbung immer mehr dem aktuellen Zeitgeist verschrieben und den alten Tugenden, als da sind Knausrigkeit und Verzicht auf  jedweden Schnickschnack, abgeschworen. “Die Märkte sind von anderen Ketten immer weniger zu unterscheiden, Alles, wofür Aldi einmal stand, gilt nicht mehr.“ schreibt „Welt“-Autor Steffen Fründt. Solcherart sei Aldi mit seiner aktuellen Emoji-Kampagne, verbreitet über Social Media, total auf dem Holzweg. Die alten Käuferschichten würden vergrault, von den jungen würde sie als billiger Anbiederungsversuch abgelehnt.

Discounter auch bei uns am Plafond?

Aldi und Lidl unterwegs zum Supermarkt-Format, diese Entwicklung ist auch bei uns zu beobachten. Dass das für beide keine „gmahte Wiesn“ ist, lässt eine aktuelle Nielsen-Meldung erahnen. Sigrid Göttlich berichtet über den heimischen LEH: "Wir verzeichneten im zweiten Quartal einen Anstieg des nominalen Wachstums um +3,6%, das zweithöchste Wachstum in den letzten fünf Quartalen. Dies lag nicht nur an den späteren Osterfeiertagen in diesem Jahr, sondern auch an der anhaltend günstigen gesamtwirtschaftlichen Situation und der starken Leistung der Vollsortimenter im Einzelhandel". Bei  Rewe und Spar läuft es offenbar gut, bei den Discountern nicht ganz so gut.

Krisenhafte Entwicklungen in marktstarken  Familienunternehmen gab’s auch hierzulande bisher. Zwar nicht im Lebensmittelhandel (wenn man von Pfeiffer absieht), aber umso heftiger im Nonfood-Fachhandel. Der Abgang von Fachmarkt-Händlern wie Essl (Baumax), Leiner (Kika/Leiner), Eybl, sowie etlicher Wiener Textilhändler  liegt zwar schon einige Jahre zurück, dieser Rückgang der „Artenvielfalt“, speziell in der Wiener Handelsszene, schmerzt bis heute. Primark statt Fürnkranz, das ist kein Gewinn für die Handelskultur in der Modemetropole an der Donau.

Treiber der Veränderung

Die Ursachen, die zu diesem tief greifenden Strukturwandel im Einzelhandel geführt haben und führen, sind zahlreich: Der Abgang der Gründergeneration und die Probleme bei der  Hofübergabe. Der Vormarsch des Onlinehandels, der vor allem dem stationären Nonfood-Fachhandel stark zusetzt. Die Überkapazitäten im Ladenhandel, insbesondere hervorgerufen durch die Flut an Einkaufszentren auf der Grünen Wiese. Die Verödung der Innenstädte, eng verbunden mit dem Niedergang der Warenhäuser. Der Vormarsch der Immobilieninvestoren, die kräftig mitmischen, wenn es um die Verteilung der Margen entlang der Konsumgüter-Wertschöpfungskette geht.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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