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„Die Pluralität im Lebensmittelhandel erhalten“

11.06.2008

Interview. Christof Kastner, geschäftsführender Gesellschafter der Kastner-Firmengruppe, über den geplanten Rewe/Adeg-Deal, die Konsequenzen und Nah&Frisch-Strategien.

Anfang Juni 2008 wird eine Stelllungnahme der EU-Wettbewerbskommission zu der dort eingereichten Zusammenschlussanmeldung von Rewe Austria und Adeg erwartet. Die Handelszeitung bat Christof Kastner um eine Einschätzung der weiteren Entwicklung im heimischen Lebensmittelhandel.

Herr Kastner, mit welchen Gefühlen sehen Sie der Entscheidung der EU-Wettbewerbshüter entgegen?
Kastner: Mit gemischten Gefühlen. Wir hoffen natürlich, dass die Behörde rigoros vorgeht und die Pluralität im österreichischen Lebensmittelhandel im Auge behält. Eine komplette Übernahme der Adeg durch Rewe Austria ist jedenfalls nicht wünschenswert. Paketlösungen – wie schon bei der Aufteilung von Konsum oder Meinl – wären auch für uns interessant.
Denken Sie da an die AGM-Märkte?
Ja. Einzelne C&C-Märkte der Adeg wären für uns durchaus interessant. Die Nah&Frisch-Gruppe könnte aber auch die Belieferung sämtlicher Adeg-Kaufleute sicherstellen – auch ohne eine Übernahme und auch unter Beibehaltung der Marke Adeg.
Sie glauben nicht, dass Rewe Aus­tria die Marke Adeg erhalten wird?
Nicht Rewe Austria sondern die Billa AG hält die Adeg-Anteile, die jetzt aufgestockt werden sollen. Eine Zwei-Marken-Strategie Billa/Adeg wird nicht von langer Dauer sein.
Befürchten Sie eine endgültige Verankerung der Vormachtstellung von Billa?
Es geht ja nicht nur um die Addition der Marktanteile von Billa und Adeg. Wir sprechen von einem „Share of stomach“, denn auf den Beschaffungsmärkten zählt nicht nur der Marktanteil im Lebensmittelhandel, sondern auch der gesamte Außer-Haus-Konsum. Wenn Rewe Austria jetzt auch in den zweistufigen Handel einsteigt, ist das eine ernsthafte Bedrohung für mittelständische Unternehmen wie das unsere. Wir können die Nahversorgung über die Nah&Frisch-Märkte nur aufrecht erhalten, weil wir auch im Gastro-Geschäft sehr erfolgreich sind.
Angenommen, der Deal geht doch durch und Adeg wird zur Billa-Vertriebsschiene; gleichzeitig ist bei Spar der Filialisierungsgrad durch Inter- und Eurospar relativ hoch: Sehen Sie die Nah&Frisch-Organisation dann als letzte Bastion selbstständiger Einzelhändler in Österreich?
Genau so ist es! Nah&Frisch betreibt nur in Einzelfällen Filialen, wenn das als Standortsicherung notwendig ist. Aber auch in diesen Fällen sind wir bemüht, das nur als Übergangslösung zu machen und so bald wie möglich wieder zu privatisieren, also Filialen an Selbstständige zu übergeben.
Mit dem neuen Nah&Frisch-Markt in Wiener Neudorf haben Sie der Rewe-Austria-Zentrale einen Nah&Frisch-Mustermarkt vor die Nase gesetzt. Welches Zeichen wollen Sie damit setzen?
Das hat nichts mit Rewe Austria zu tun. Den Investoren auf diesem Gelände im Industriezentrum NÖ Süd – im so genannten B11 Nahversorgungszentrum folgen noch andere Geschäfte und ein Hotel – hat einfach unser Konzept am besten gefallen. Es handelt sich um einen Nah&Frisch-Markt modernster Ausprägung, und auch dieser Standort wird von einem selbstständigen Einzelhändler geführt.
Haben die Konzentrationstendenzen im heimischen LEH Auswirkungen auf die Strategien der ZEV-Großhandelshäuser?
Innerhalb der Nah&Frisch-Gruppe gibt es laufend Weiterentwicklungen, sonst könnten wir unsere Position gar nicht verteidigen. Im übrigen können wir als Großhandelshaus Kastner im Nah&Frisch-Bereich in den ersten vier Monaten 2008 ein Plus von 3,5% vermelden.

Besteht die Gefahr, dass durch weitere Konzentration bzw. organisches Wachstum von Rewe Austria, Spar und Hofer den verbleibenden Mitbewerbern nur mehr Nischenstrategien das Überleben sichern werden?
Wenn Rewe Austria, Spar und Hofer zusammen 80 Prozent Marktanteil halten, wird der Wettbewerb immer mehr verzerrt. Doch das spornt unsere Nah&Frisch-Kaufleute nur noch mehr an. Und Schätzungen zufolge haben bereits 20% der Filialen der drei Großen negative Deckungsbeiträge.

Danke für das Gespräch!
Interview:mp

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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