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Oft ist Zucker in Lebensmittel schwer erkennbar

# Du bist Zucker: Süßer Spruch oder Plattitüde?

16.05.2018

Billa, Merkur und Adeg starten eine gemeinsame Initiative zu bewußterem Umgang mit Zucker. Und greifen damit mit äußerster Vorsicht ein heißes Eisen an, das die Lebensmittelwirtschaft in den kommenden Jahren noch  intensiv beschäftigen wird.

In einem Online-Voting können Kunden der drei genannten Vertriebslinien darüber entscheiden, ob sie lieber Schoko-Pudding mit reduziertem Zuckergehalt – zur Auswahl stehen minus 20%. minus 30% und minus 40% -  goutieren oder doch bei der vollen Zuckerladung. wie üblich, bleiben. 400.000 Probiersets werden zu einem Unkostenbeitrag von 1-€  angeboten. Nachdem bisher schon andere Handelsgruppen, wie die Spar oder Lidl das Thema „Zuckerreduktion“ auf ihre Fahnen geheftet haben, schmeckt die jetzt gestartete Kampagne des Marktführers ein wenig nach me too. Ohne #, versteht sich.

Wenn Händler für eine Werbe- oder  Imagekampagne Geld in die Hand nehmen, geht’s um Umsatz- und Marktanteilsgewinn durch Profilierung im Wettbewerb. That’s Marketing. Relativ einfach ist das, wenn Produkte und Marken den Konsumenten einen Mehrwert versprechen. Komplizierter aber wird die Sache, wenn die Botschaft nicht “mehr“ sondern  “weniger“ lautet und damit den Verzicht zur Maxime erhebt. Weniger Zucker, weniger Fett, weniger Salz, weniger Alkohol, weniger Nikotin. Schon vor Jahrzehnten erfanden die Hersteller dafür das Kürzel „Light“. Aber was den Markterfolg betrifft, blieb das Light-Konzept in vielen Kategorien ein Leichtgewicht. „Net Fisch und net Fleisch“, sagt der österreichische Gourmet.

Kein Zuckerzusatz heißt nicht zuckerfrei

Nächster Versuch: Wie wär`s mit „Natur“?  Am selben Tag, als die Rewe uns mit der Entzuckerungs-Promotion entzückte, kündigte die Coop Schweiz im Rahmen Ihrer „Naturaplan“-Strategie  die Markteinführung  der „ersten Bio-Früchtejoghurts ohne jeglichen Zuckerzusatz“ an. Auch auf die Beigabe künstlicher Süßstoffe wird ausdrücklich verzichtet. Aber der unsüße Nachgeschmack bleibt dem aufmerksamen Leser der Nachricht nicht erspart. „Kein Zuckerzusatz“ stimmt zwar, bedeutet aber nicht „zuckerfrei“. Denn der Fruchtzucker, den die Bio-Früchte und der Milchzucker, den die laktosefreie Bio-Vollmilch für das Joghurt beisteuern, machen diese Zucker-Verzichtserklärung doch einigermaßen fragwürdig. Zucker ist ein Naturprodukt und findet sich in zahllosen, angeblich gesunden Lebensmitteln wie Obst oder Honig. Das Natur-Argument erinnert an den Werbeslogan einer Zigarettenmarke: „Reiner Tabak, nicht mehr und nicht weniger“.

Was haben die „weniger Zucker“ -Programme von Rewe, Spar, Lidl. Coop CH und allen anderen Handelsketten gemeinsam? Sie transportieren den Health Claim, den sie aufgrund der EU-Bestimmungen nicht beim Namen nennen dürfen, sondern nur verklausuliert ins Spiel bringen können, über ihre Eigenmarken. Geschickt macht das die Spar, die schon vor Jahren eine eigene Private Label-Subrange „Free from“ kreiert hat. Mittelfristig will Marcel Haraszti, Vorstand der Rewe International AG, den Zuckergehalt bei  rund 200  Eigenmarken  des Konzerns  reduzieren. Und damit die Bevölkerung unseres Landes zu einen „bewussten Umgang mit Zucker“ anregen.

Ich finde, mehr braucht der Handel in dieser Angelegenheit auch nicht zu unternehmen.  Es sei denn, er schwingt sich, wie seinerzeit Gottlieb Duttweiler, zu einer humanitären Großtat auf.  Dieser verbannte alkoholische Getränke aller Art (einschließlich Bier und Wein) sowie Tabak aus seinen Migros Läden. Inzwischen hat die Migros die Denner-Filialen gekauft und die sind nicht zuletzt durch das Geschäft mit Alkohol groß geworden.

Aber seien wir ehrlich: Dass heutzutage weltweit mehr Menschen an Übergewicht als an Hunger sterben, ist ein Riesenskandal. Ein gehöriges Maß an Mitschuld trägt die europäische Lebensmittelwirtschaft, bestehend aus Landwirtschaft, Verarbeitungsindustrie, Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelhandel und Gastronomie. Sie, die lebenswichtigste Branche unserer Wirtschaft, hat es bisher nicht geschafft, auf naturwissenschaftlicher Grundlage ein einheitliches Deklarationssystem zu entwickeln, das den Verbraucher über die wesentlichen ernährungsrelevanten Aspekte der Inhaltsstoffe eines Lebens- oder Genussmittels auf einfache und für jedermann plausible Weise aufklärt.

In Koordination mit  Konsumentenvertretern allgemein anerkannte Standards der Ernährungs-Kennzeichnung von Lebensmitteln, sei es ein Apfel,  ein Joghurt-Smoothie oder eine Tiefkühlpizza, zu schaffen, ein solches ECR Projekt ist seit Jahrzehnten überfällig.  Es scheitert am engstirnigen Lobbyismus auf den einzelnen Wirtschaftsstufen. Zu den Bremsern zählt die Landwirtschaft, die industriell hergestellte Lebensmittel aus Prinzip madig macht und dem Herkunftsschutz oberste Priorität einräumt. Aber auch weite Kreise der Gastronomie, die  eine EU-Allergenverordnung als existenzgefährdenden Bürokratie-Exzess darstellen.  Im Dauerstreit um die Ampelkennzeichnung –in Großbritannien längst eingeführt -  wurde jüngst ein neues Kapitel aufgeschlagen. Als in Deutschland eine Gruppe von Markenartiklern ein eigenes, auf Portionsmengen bezogenes  „Ampel Light“ Modell präsentierte, das prompt bei  Food-Watchern auf heftigen Widerstand stieß.

Zuckersteuer für Softdrinks?

Übergewicht und Diabetes haben weltweit ein alarmierendes Ausmaß erreicht. „In Deutschland ist jeder Zweite übergewichtig, jeder Vierte sogar fettleibig“, schrieb „Die Zeit“ in ihrer Ausgabe vom 12. April 2018. Wenn eine in sich zerstrittene Lebensmittelwirtschaft es verabsäumt, ihren Beitrag zur Lösung des Problems zu leisten, ruft  das zwangsläufig die Politik auf den Plan. Immer mehr Länder führen Strafsteuern für zuckerhaltige Softdrinks ein. 2012 fing Frankreich damit an, zwei Jahre später folgten Mexiko, Chile, Irland und Norwegen, Anfang April dieses Jahres schloss sich das Vereinigte Königreich diesem Trend an. Gesundheitsökonomen haben errechnet, dass mit Inkrafttreten der Zuckersteuer (18 Pence pro Liter für Softdrinks mit mehr als 5 Gramm zugesetztem Zucker in 1.000 Millilitern, bzw. 24 Pence bei mehr als 8 Gramm) die Zahl der Diabetesfälle um 300.000 zurückgeht.

Ein anderes, probates Mittel, die Menschen zu motivieren, weniger Zucker zu sich zu nehmen ist, eine Dramatisierung des Problems, die schockiert. Einige Jahre ist es her, da tourte Kochstar Jamie Oliver durch Kalifornien. Er besuchte Schulen und ließ dort eine LKW-Ladung losen Zucker auf den Schulhof kippen. Dann erklärte er den Schülern, dies sei exakt die Menge, die sie pro Jahr durch den Konsum zuckerhaltiger Soft Drinks zu sich nehmen. Gibt’s  einen heimischen Soft Drink-Hersteller, der sich als Sponsor für so eine Aktion zur Verfügung stellen würde?    

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger
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