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Durch Regelwerke qualitätsgesichert

25.04.2008

Experten aus Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft sowie Verbraucher erarbeiten Regelwerke, die definieren, was „Standard“ ist.

DI Dr. Karl Grün, Leiter des Bereichs Standards im Österreichischen Normungsinstitut

Qualitätsmanagement wird in der Nahrungsmittelerzeugung immer wichtiger. Die Internationale Norm ISO 22000 liefert dafür die Grundlage, um die Sicherheit von Lebensmitteln – vom Anbau bis zum Konsumenten – sicherzustellen. Ein entscheidender Faktor dabei ist die Rückverfolgbarkeit. Das heißt: Es muss zu jedem Zeitpunkt feststellbar sein, woher und von wem welcher Bestandteil oder welche Zutaten geliefert wurden. Unterstützung dabei liefert die soeben erschienene ÖNORM EN ISO 22005. Über dieses Regelwerk und andere Aspekte der Qualitätssicherung hat LK-Handelszeitung mit DI Dr. Karl Grün, dem Leiter des Bereichs Standards im Österreichischen Normungsinstitut, das folgende Gespräch geführt.

LK-Handelszeitung: Neben der neuen ISO 22000 gibt es zahlreiche Regelwerke, die sich unmittelbar oder mittelbar mit Lebensmitteln beschäftigen.
Grün: So ist es. Dabei beschäftigen sich die Normen im Bereich Lebensmitteln primär mit der Sicherheit der Produkte, und das über die gesamte Kette hinweg – also von den Anforderungen an die Maschinen für die Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln bis hin zu Behältnissen, in denen Lebensmittel gespeichert, gelagert und zubereitet, schlussendlich auch serviert werden.
In den Texten geht es um die Lebensmittelechtheit von Verpackungen bis hin zu Prüfungen von Lebensmitteln.
Nicht durch Normen festgelegt wird hingegen die Rezeptur – also die Anforderung an das Lebensmittel selbst. Da gibt es einen gesetzlichen Auftrag, nämlich den Codex Alimentarius. Mit den dafür verantwortlichen Experten halten wir über die entsprechenden Fachgremien des Österreichischen Normungsinstitutes ganz ausgezeichnete Kontakte. Grundsätzlich ist also festgelegt, wie Lebensmittel zu prüfen sind. Da geht es beispielsweise um die Inhaltsstoffe, aber auch um Produkte, die mit Lebensmitteln in Kontakt treten und die dadurch möglichen Wechselwirkungen.
Die Lebensmittelsicherheit wird im Normenkreis der ISO 9001, Qualitätsmanagement, behandelt. Hier wird die Erhebung der Qualität zunächst generell festgelegt. Dafür wie die Erwartungen der Kunden, Behörden, Gesetzgeber und anderer interessierter Kreise speziell im Bereich der Lebensmittel zu erfüllen sind, gibt es eine eigene internationale Norm, die ISO 22000. Sie legt die Anforderungen an ein Managementsystem für die Lebensmittelsicherheit fest.

Die von Ihnen erwähnten Normen reichen ja weit in den industriellen Bereich und dort bis in die Beschaffung hinein.
Grün: Richtig. Die ISO 9001 in ihrem Branchen-Ableger, der ISO 22000 für die Lebensmittelsicherheit, betrifft die gesamte Kette von der Erzeugung bis hin zum Konsumenten. Und da ist nicht nur die Industrie betroffen, sondern es geht hin bis zur Gastronomie.
Es sind also sowohl Beschaffung als auch Erzeugung, Transport und letztlich der Lebensmittelhandel gefordert, sich an die Normen zu halten. Gilt das nur, wenn der Betrieb zertifiziert ist?
Grün: Zertifizierung ist eine Bestätigung, dass man die Anforderung einer Norm erfüllt und dies regelmäßig durch eine neutrale und unabhängige Stelle überprüft wird. Grundsätzlich ist eine Norm eine qualifizierte Empfehlung, an die man sich zwar nicht halten muss, es aber gute Gründe gibt, dies dennoch zu tun – wobei eine Norm im privatrechtlichen Bereich durch Verträge verbindlich gemacht werden kann. Das heißt, dass – sofern der Auftraggeber vom Auftragnehmer verlangt, dass dieser eine konkrete Norm erfüllen muss – der Auftragnehmer auch an diese Vereinbarung gebunden ist und die Norm erfüllen muss.
Ein anderer Punkt: Wenn ein Schadensfall entsteht und dieser vor Gericht kommt, dann wird der Richter einen Sachverständigen beauftragen, zu beurteilen, ob das Produkt oder das angewendete Verfahren zum Zeitpunkt des Vorfalls dem Stand der Technik entsprochen hat.

Gibt es im konkreten Fall eine Norm als einen kodifizierten Stand der Technik, dann wird diese Norm als Sorgfaltsmaßstab durch den Sachverständigen herangezogen.
Sind Handelsketten Kunden des Normungsinstituts?
Grün: Durchaus. Es gibt sehr viele Unternehmen der Lebensmittelbranche, die Kunden des Österreichischen Normungsinstituts sind. Einerseits kaufen sie die für sie relevanten ÖNORMEN, um sie in ihrem Betrieb umzusetzen; es gibt aber auch sehr viele Unternehmen, Prüfstellen und Konsumentenorganisationen, die ihre Experten in die Fachgremien des Normungsinstitutes entsenden, um Normen zu initiieren. Denn jede Norm beruht ja auf einem Vorschlag, einer Anregung aus der Praxis. Diese Norm wird dann gemeinsam erarbeitet und gestaltet – im Dialog der involvierten Unternehmen mit der Behörde, mit Vertretern der Wissenschaft und von Prüfstellen sowie Verbraucherorganisationen.
Es gibt Normen, die Produkte und deren Inhaltsstoffe betreffen, Normen, die den Transport betreffen. Wie kann der Konsument überprüfen, welchen Normen ein bestimmtes Lebensmittel entspricht?
Grün: Normen wirken sozusagen aus dem Hintergrund heraus. Nur dann, wenn es zu einer Deklaration kommt, dann weiß der Konsument, dass hier eine bestimmte Norm erfüllt wird. Im Idealfall gibt es eine Marktaufsicht, die dafür sorgt, dass die entsprechenden Regelwerke eingehalten werden.
Nun gibt es ja jede Menge von Deklarationen und Etiketten, die man auf Lebensmitteln vorfindet und die verschiedene Produkteigenschaften signalisieren. Nehmen wir etwa das Beispiel „Bio“ – wacht auch darüber eine Norm?
Grün: Gerade im Bereich „Bio“ gibt es sehr viele verschiedene Deklarationen. Zum Beispiel solche, die von Verbänden vergeben werden, oder solche, in die unabhängige Zertifizierungsstellen eingebunden sind, die den Kunden durch ein Zertifikat signalisieren, dass bestimmte Referenzdokumente eingehalten worden sind. Tatsächlich ist es aber so, dass es bis dato für den Bereich der Bio-Produkte keine Norm gibt.
Grundsätzlich glaube ich, dass hier – schon aufgrund der derzeitigen Vielfalt an Deklarationen – sehr wohl ein Bedarf besteht. Eine Norm soll ja grundsätzlich Sicherheit vermitteln, denn Normung bedeutet Sicherheit, bedeutet Vertrauen. Aus der Sicht des Konsumenten – und da gibt es Studien, beispielsweise von der Arbeiterkammer – muss man hier sehr wohl sagen, dass der Wildwuchs an Bio-Deklarationen für den Konsumenten nicht mehr zumutbar ist. Normen sind ja ein Instrument angewandter Wirtschafts- und Wettbewerbspolitik, und auch seitens der Unternehmen sollte ein diesbezüglicher Wunsch bestehen. Mir wurde signalisiert, dass man sich hier einmal zusammensetzen sollte, um sich auf eine gemeinsame Sprache zu einigen. Sobald man also an uns mit dem konkreten Wunsch nach einer neuen Norm herantritt, werden wir sofort aktiv werden.
Gibt es im Bio-Bereich schon internationale Regelwerke?
Grün: Im internationalen Bereich gibt es derzeit sehr heiße Debatten, zum Beispiel im Bereich faire Produkte; leider bestehen noch gewisse Missverständnisse, und es gibt noch einiges zu tun.
Manche Produzenten und Händler befürchten, dass sie durch Vorhandensein einer internationalen Norm ihre Identität verlieren könnten, dass sie mit ihrem Angebot nicht mehr entsprechend wahrgenommen werden, dass durch einen Konsens das Niveau ihrer Anforderungen nach unten nivelliert werden könnte. Aber ich denke, wenn wir alle guten Willens sind – und Normung bedeutet ja Harmonisierung im Sinne der Freiwilligkeit – sollte etwas zustande kommen, was nicht notwendigerweise nur der kleinste gemeinsame Nenner ist.
Gentechnik ist auch ein Thema für das Österreichische Normungsinstitut?
Grün: Sicher. Für gentechnisch modifizierte Lebensmittel gibt es durch Normen festgelegte Prüfverfahren, mit deren Hilfe festgestellt werden kann, ob Produktanteile von gentechnisch modifizierten Substanzen in Lebensmitteln vorhanden sind und wenn ja in welcher Höhe. Allerdings gibt es keine Normen, die aussagen, ob Gentechnik in Lebensmitteln zulässig ist oder nicht – das ist eine politische Entscheidung und damit Aufgabe des Gesetzgebers. Hat der Gesetzgeber entschieden, können genormte Prüfverfahren die Überprüfung der gesetzlichen Forderungen unterstützen.

Info:www.on-norm.at/publish/nahrung_getraenke.html

Interview: Georg Strzyzowski

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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