Direkt zum Inhalt

Ein gutes Klima für den Globus

31.01.2007

Univ.-Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb ist Leiterin des Institutes für Meteorologie der Universität für Bodenkultur, Wien und Wissenschafterin des Jahres 2005. LK-Handelszeitung hat mit ihr das folgende Gespräch geführt.

LK-Handelszeitung: Neben den unmittelbaren, betriebswirtschaftlichen Auswirkungen industrieller Fertigung und internationalen Handels gibt es auch volkswirtschaftliche und sogar solche auf das Klima.
Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb: So ist es. Der Klimawandel wird ausgelöst und angetrieben durch eine Vielzahl von Faktoren, darunter die gesamte menschliche Lebensführung, und dazu gehören die Erzeugung von Produkten, der Transport und der Handel. Wir versuchen in unseren Forschungsarbeiten in diesem Zusammenhang weit über die Bedeutung einzelner Produkte hinaus grundlegende Aussagen zu treffen.
Wie groß ist in diesem Umfeld die mögliche Hebelwirkung von Seiten der Käufer?
Kromp-Kolb: Die Hebelwirkung ist sicher groß – man kann daher einiges tun. Zum Beispiel solche Produkte wählen, die einen möglichst kleinen ökologischen beziehungsweise klima-relevanten „Rucksack“ mit sich führen. Ein wichtiger Faktor dabei ist immer der Transport. Daraus folgt: Der Vorzug ist eher Produkten aus dem Nahbereich zu geben, als solchen, die von weither kommen.
Die Hebelwirkung zwischen Entscheidung des Einzelnen und globalen Folgen ist nicht deshalb so groß, weil die von Österreichern gekauften Produkte so stark zur Veränderung der Welt beitragen. Aber es sind, wie ich glaube, Signale möglich. Sowohl in Richtung auf die Produzenten als auch in Richtung auf die Konsumenten. Wenn Produkte nicht dort hergestellt werden, wo sie gekauft und verbraucht werden, hat das eben auch klimatische Konsequenzen. Erfreulicherweise gibt es eine Vielzahl von sehr bewusst handelnden Konsumenten. Sie suchen nach Produkten, die nur einen kleinen ökologischen Rucksack tragen. Aber es gibt ja leider auch die anderen; Ihnen sollte man positive Signale geben, und das könnte der Handel, indem er etwa vermittelt: Das ist ein Produkt aus dem Nahbereich, aus der Region, dessen Herstellung beispielsweise keine so hohen und unnötigen CO2-Emissionen mit sich bringt.
Ist die Gesetzgebung in Österreich, was Umweltauflagen betrifft, nach wie vor beispielgebend?
Kromp-Kolb: Leider ist unsere Gesetzgebung nicht mehr so vorbildlich wie es früher der Fall war. Als wir der EU beigetreten sind, waren wir diesbezüglich noch Vorreiter, da waren unsere Standards und unsere Grenzwerte strenger angesetzt als jene der EU. Das ist heute bei Weitem nicht mehr so – es ist in der Luftreinhaltung allgemein nicht mehr so, aber im Bereich Treibhausgasemissionen ist es ganz krass. Wir sind einer jener EU-Mitgliedsstaaten, die ihr Kyotoziel nicht erreichen werden. Bedauerlicherweise sind wir sehr weit weg von dem, was wir uns vorgenommen haben.
Warum ist das so?
Kromp-Kolb: Zugegebenermaßen: Wir haben uns mehr – aber nichts Unmögliches – vorgenommen, als so manch andere. Die gesetzlichen Bestimmungen, die notwendig wären, um die erforderlichen Rahmenbedingungen zu setzen, sind leider nicht durchgezogen worden. Das hängt wohl damit zusammen, dass die Regierung als Ganzes dem Bereich Klimaschutz in den letzten Jahren keinen so hohen Stellenwert beigemessen hat.
Nun kann man nicht sagen, dass davor alles viel besser war, nur: Die Brisanz der Thematik ist immer deutlicher geworden. Wenn also vor zehn Jahren eine Regierung dieser Problematik keinen so hohe Stellenwert gegeben hat, war das noch eher verzeihlich– mittlerweile muss man aber aus wissenschaftlicher Sicht sagen: Es liegen jetzt alle Fakten, alle Informationen auf dem Tisch, und es ist nicht einzusehen, dass so wenig unternommen wird, um die Sache voranzutreiben.
Woher kommen die die Klima-Problematik auslösenden Faktoren?
Kromp-Kolb: Die großen Brocken sind Energieerzeugung und Industrie einerseits, andererseits – leider am schnellsten wachsend – der Verkehr. In der Industrie ist zwar auch Wachstum vorhanden, aber das ist gedämpft, in manchen Zweigen sogar rückläufig, aber beim Verkehr explodiert es nahezu. Und genau da ist nicht die Industrie der „Verhinderer“, sondern da sind alle Österreicher beteiligt. Im Besonderen sollten sich natürlich die Interessensvertreter des Transportbereichs und der Mobilität angesprochen fühlen. Der Handel fungiert als ein Auslöser von Verkehr.
Wie kann man da gegensteuern?
Kromp-Kolb: Man muss sich jedes Mal wieder die Frage vorlegen: Ist diese Fahrt überhaupt notwendig? Kann ich idealerweise vielleicht innerhalb meiner Region bleiben? Wird meine Fahrt effizient durchgeführt, das heißt, fahre ich ein Fahrzeug, das einen geringen Verbrauch hat? Fahre ich es auch möglichst belastungsvermeidend? Verwende ich erneuerbare Energien, also beispielsweise Biogas zum Betrieb des Fahrzeuges? Bei nachwachsenden Rohstoffen werden die bei der Verbrennung emittierten CO2-Emissionen von der nachwachsenden Pflanze wieder aus der Atmosphäre entfernt. Auch Elektrofahrzeuge, mit sauberer elektrischer Energie aus Wind- oder Sonnenkraft betrieben, kommen in Frage. Gerade in der Stadt könnte man den Verkehr relativ problemlos und ohne merkbaren Qualitätsverlust für die Bewohner durch attraktive Angebote an Radwegen und öffentlichem Verkehr reduzieren. Ich selbst fahre überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und ich kann Ihnen sagen: Es funktioniert ganz ausgezeichnet; der Umstieg brachte für mich eine Steigerung der Lebensqualität.
Wachstum an und für sich ist ja kein Wert. Welche im Bereich Umwelt- und Lebensqualität angesiedelte Ziele – im Gegensatz zu Wachstum – sind Ihnen wichtig?
Kromp-Kolb: Wesentlich ist, was mit dem Wort „Nachhaltigkeit“ im Kern ausgedrückt wird. Dass es also nicht nur um jene Ziele geht, die wir uns für uns und unsere eigene Lebenszeit setzen. Wichtig ist Langfristiges, Rücksicht auf und Vorsorge für die nach uns kommenden Generationen. Das ist ja beim Klimaschutz das Problem: Viele der Auswirkungen sind nicht unmittelbar und jetzt zu spüren. Man kann den Klimawandel schon erahnen, aber die große Dramatik steht uns noch bevor. Viele der Entscheidungsträger betrifft das nicht mehr – aber ganz sicher schon die nächste Generation. Es geht um unsere Kinder und Kindeskinder, und die Ethik verlangt, dass wir auch an diese nachfolgenden Generationen denken.
Es geht Ihnen also um das Spannungsverhältnis zwischen kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Erfolgen einerseits und der Meta-Ebene des Überlebens der Menschheit.
Kromp-Kolb: Richtig. Wir werden derzeit darauf getrimmt, kurzfristig zu denken. Aber dieses Denken hat zu den Problemen geführt, vor denen wir heute stehen. Zum Beispiel im Handel: Da gab es früher in erster Linie Familienbetriebe: Geschäfte wurden vom Gründer auf den Sohn, und von diesem wiederum immer weiter vererbt.
Da ging es nicht nur darum, jetzt und sofort viel Profit zu machen, sondern das Unternehmen sollte nachhaltig überleben. Es ging also um Kontinuität, um Kundenzufriedenheit, und nicht darum, schon nach vielleicht zwei Jahren (bevor ich die Firma verlasse) eine optisch möglichst gute Bilanz vorzuweisen.
Welche Schlussfolgerung ergibt sich für den Handel?
Kromp-Kolb: Einerseits sollte man versuchen, den Treibhauseffekt durch Verminderung der Emissionen (also etwa effizientere Logistik, Steuerung des Bedarfs, erneuerbare Energiequellen) zu reduzieren, andererseits sollte man sich auf die veränderten Verhältnisse einstellen und vorausschauen bei Entscheidungen darüber, in welche Richtung investiert wird.
Der Handel, der ja mit der gesamten Öffentlichkeit in Kontakt steht, kann seine Klimaschutzaktivitäten auch publik machen - eine starke Motivation für viele Menschen, die bereits jetzt sehr bewusst leben, aber auch ein Ansporn für die anderen, die erst bemerken müssen, wie tiefgreifend die im Gang befindliche Änderung ist.

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
Werbung

Weiterführende Themen

Industrie
28.09.2020

Nach fast 20 Jahren wurde das schon etwas in die Jahre gekommene Design zeitgemäß überarbeitet und präsentiert sich mit klar strukturiertem Logo.

Markenartikel
28.09.2020

Ganz im Einklang mit der Nachhaltigkeitsstrategie von Nutricia Milupa wird ab Oktober ein Teil des Aptamil Portfolios in Bio-Qualität angeboten. Damit geht Nutricia Milupa auf den Wunsch ...

Die Wiener Tafel, mit 21 Jahren die älteste heimische Tafelorganisation, fungiert als Schnittstelle zwischen Lebensmittelspenden und bedürftigen Menschen. Darüber hinaus will man die unnötige Entsorgung genießbarer Lebensmittel in Privathaushalten durch Informationen und mehr Vertrauen in die eigenen Sinne bekämpfen.
Thema
28.09.2020

Am 29. September ist der 1. International Day of Awareness of Food Loss and Waste, den die UN ins Leben gerufen hat. Damit macht die UN verstärkt auf das Problem der Lebensmittelverschwendung ...

Das Land Oberösterreich und Spar setzen ein starkes Zeichen für ein „GewaltFREIES Leben“: Jakob Leitner, Geschäftsführer der Spar-Zentrale Marchtrenk, Sozial-Landesrätin Birgit Gerstorfer (Mitte), sowie Natascha Wimberger (l.), Marktleitung im Eurospar Passage City Center, und ihre Stellvertretung Rebecca Reischl (r.).
Thema
28.09.2020

„GewaltFREIES Leben – auch für Sie!“. So heißt die neue Informationskampagne des Landes Oberösterreich gemeinsam mit der Spar-Zentrale Marchtrenk. In über 250 Spar- und Eurospar-Märkten werden ...

Hofer-CEO Horst Leitner und Ventocom-Geschäftsführer Michael Krammer dürfen sich über die erste Million Kunden für ihre Marke HoT freuen.
Handel
25.09.2020

Seit mehr als fünf Jahren begeistert die Hofer Mobilfunk-Exklusivmarke HoT mit maßgeschneiderten Angeboten sowie dem Versprechen, niemals teurer, sondern nur günstiger oder besser zu werden und ...

Werbung