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Alain Caparros, Vorstandsvorsitzender der Rewe Konzerns

Ende der Alain-Herrschaft

10.04.2017

Alain Caparros übergibt das Rewe-Steuerruder per 30. Juni dieses Jahres an Lionel Souque, auch für die Rewe Österreich bringt dieses Datum eine Weichenstellung.

Aller Augen richten sich hierzulande auf Jan Kunath. Als Vize-Vorstandsvorsitzender des Rewe-Konzerns zeichnet er ab diesem Zeitpunkt verantwortlich für das gesamte Auslandsgeschäft, den internationalen Rewe-Einkauf, die Kooperation Rewe-Leclerc und das Multi-Channel-Business.

Gut zehn Jahre stand Alain Caparros an der Spitze des Genossenschaftsriesen Rewe Group, der im österreichischen LEH mit rund 35% Marktanteil den souveränen Marktführer stellt und sich auf dem deutschen Heimmarkt mit 15,7% LEH-Marktanteil (2016) hinter der Edeka in der Nummer-zwei-Position befindet. Im globalen Umsatzranking der Einzelhändler Deutschlands belegen die Kölner Rang fünf hinter der Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland), den beiden Aldis, Metro und Edeka. Das Ziel, in Deutschland durch die Übernahme eines größeren Pakets von Kaiser’s Tengelmann (KT)-Filialen  gegenüber dem Marktführer und genossenschaftlichen Erzrivalen Edeka (21,5%  MA) aufzuschließen, ist nur teilweise gelungen. Nach zwei Jahren Kartellrechtsstreit, der auf höchster politischer Ebene ausgetragen wurde, erhielt die Rewe 64 KT-Standorte im Großraum Berlin zugesprochen, die ein paar Zehntelprozentpunkte Marktanteilsgewinn bedeuten. Als Zuwaage gab es ein KT-Fleischwerk und ein Distributionslager (Mariendorf).

Wer als Besucher der Jahrespresse­konferenz am 28. März eine emotionale Hofübergabe erwartet hatte, wie sie hierzulande in der Politik bei der Verabschiedung lang dienender Landesfürsten üblich ist, wurde enttäuscht. Der Wechsel von Alain zu Lionel war geprägt von einem Höchstmaß an gallischer Nonchalance. Der künftige Rewe-Boss erntete im deutschen Blätterwald viel Vorschusslorbeer, das „Handelsblatt“ bescheinigt ihm „Stallgeruch“ bei den Rewe-Kaufleuten, weil er es verstehe, mit diesen auf Augenhöhe zu reden. Mit einer rundum erfolgreichen, PR-mäßig perfekt glatt gebürsteten Bilanz über das Geschäftsjahr 2016 sicherte sich der scheidende Rewe-CEO eine gute Nachrede bei den Medien und, was noch viel wichtiger ist, beim höchstrangigen Eigentümer-Vertreter, dem Aufsichtsratsvorsitzenden Erich Stockhausen, seines Zeichens Rewe-Kaufmann mit zwei Supermärkten in Erkrath (NRW). Er habe mit seinen Leistungen eine Ära des Erfolgs in der Rewe geprägt, sagte Stockhausen.

Caparros’ Ära zeichne sich durch eine großartige wirtschaftliche Entwicklung, durch die konsequente Modernisierung der Geschäftsmodelle und durch wegweisende, zukunftsorientierte Organisationsreformen aus, so der Aufsichtsrat.

Die Eckdaten der Rewe-Bilanz 2016:

* Der Konzern steigerte seinen Umsatz um 5% auf 46,6 Mrd. €.

* Das EBITA aus dem fortzuführenden Geschäft stieg auf 997 Mio. €.

* Mit einem Umsatzplus von 5,1% präsentierten sich die Rewe-Supermärkte als Wachstumssieger im deutschen LEH.

* Die Sparte Vollsortiment International legte um 4,4% zu, in Österreich steigerten Billa, Bipa, Merkur und Adeg zusammen um 3,2% auf 6,2 Mrd. €, dabei  erzielte Billa mit einem Plus von 5% das stärkste Wachstum.

Bilanz der Caparros-Ära

Bei genauerer Betrachtung stand die Ära Caparros vor allem im Zeichen der kaufmännischen Konsolidierung. Der Rewe-Konzern, dessen Leitung Lionel Souque mit 1. 7. 2017 übernimmt, befindet sich in einer wesentlich besseren finanziellen Verfassung als im Jahr 2006, da Caparros seinen Job als Nachfolger des glücklosen Kurzzeit-Chefs Achim Egner antrat. Der Franzose hat im Rewe-Konzern sehr rasch für Ordnung gesorgt. Es herrschte damals großer Aufräumbedarf nach den heftigen Turbulenzen, ausgelöst durch den spektakulären Abgang des autoritär herrschenden Hans Reischl, der die Rewe groß gemacht hat, aber auch viele Baustellen hinterließ. Caparros hat in den Anfangsjahren seiner Regentschaft den Konzern verschlankt, Verlustquellen abgebaut, die Anzahl der Vertriebslinien, speziell im Fachmarktbereich, deutlich gestrafft. Durch steigende operative Gewinne und weitestgehend cashflow-finanzierte Investitionen wurden die Eigenkapitalbasis und damit die Bonität des Konzerns gegenüber den Banken und Lieferanten gestärkt. 2016  kletterte die Eigenkapitalquote auf den Höchststand von 32,3%. Der Beitrag, den die marktstarken Einzelhandelsformate in Österreich, Billa, Merkur und Bipa, zu dieser Konsolidierung leisteten, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. In den risikoreichen Osteuropa-Märkten und in Italien traten Rewe International und Penny auf die Expansionsbremse, zuletzt wurde Billa Kroatien an die Spar Österreich verkauft.

Penny-Sanierung gelang erst 2015

Als härteste Nuss, die in Deutschland zu knacken war, erwies sich das Projekt „Penny-Sanierung“. Nach zahlreichen Anläufen gelang beim Diskont-Format erst im Jahr 2015 der Turnaround. An den steigenden Reingewinnen der letzten Jahre lassen sich die Auswirkungen der Penny-Gesundung auf das Gesamtunternehmen deutlich ablesen: Lag der Jahresüberschuss im Jahr 2012 noch bei bescheidenen 98,2 Mio. €, so stieg er 2013 auf 200,5 Mio. €, 2014 auf 315 Mio. €, 2015 auf 383 Mio. € und erreichte 2016 den bisherigen Rekordwert von 463 Mio. €. Das sind freilich noch immer nur 1,0% des Netto-Umsatzes. Diese niedrige Umsatzrendite wird durch zwei Marktfaktoren bestimmt. Zum einen gilt Deutschland, wo die Rewe Group im Jahr 2016 nicht weniger als 72% ihres Gesamtumsatzes erzielte, als der am meisten umkämpfte Einzelhandelsmarkt Europas. Zum anderen zählt das Supermarktgeschäft, die Kern-Vertriebslinie der Kölner, laut Deloitte-Studie weltweit zu den ertragsschwächsten Sektoren des LEH. Und wie bei Nielsen Deutschland nachzulesen ist, haben die Diskont-Champions Aldi und Lidl bei den Personalkosten einen atemberaubenden Vorteil gegenüber den Vollsortimentern, was sich in entsprechend höheren Umsatzrenditen niederschlägt. Beim Marktauftritt will Penny das Profil vor allem gegenüber Netto schärfen und damit die Diskonttochter der Edeka im Jahr 2018 überholen.

Erfolgreiche Rewe-Kaufleute

Zu den Highlights der Rewe-Chronik der letzten zehn Jahre zählt die anhaltend positive Entwicklung des selbstständigen Rewe-Einzelhandels. Dazu zählen nicht nur die Märkte der kleinen Rewe-Kaufleute wie Erich Stockhausen, sondern auch jene von starken Regionalfilialisten wie den Petz-Märkten der Familie Sanktjohanser mit Hauptsitz in Wissen, die mit 32 Standorten einen Umsatz von 311 Mio. € (2015) stemmen. Clan-Oberhaupt Josef Sanktjohanser war früher Vorstandsmitglied im Rewe-Konzern und ist seit Jahren Vorsitzender des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels (HDE). Mit insgesamt 2245 Märkten schaffen die Selbstständigen einen Jahresumsatz (2015) von 12,6 Mrd. € und tragen so 31,7% zum LEH-Gesamtumsatz der Rewe in Deutschland bei. Die Rewe-Kaufleute übertreffen sogar den Filialkonzern ihrer Genossenschaft in der Disziplin „Umsatzwachstum“. Ihre Verkaufserlöse stiegen von 2015 auf 2016 um 10,1%, während die Supermärkte des Konzerns nur 3,9% zulegten. Das EBITA der Selbstständigen erhöhte sich im Vergleich 15/16 um 16,0% von 250 Mio. € auf 289 Mio. €. Gemessen am Umsatz ist das ein operativer Gewinn von rund 2%.

Fit gegen Amazon Fresh

Wenn das neue Führungsduo des Rewe-Einzelhandels demnächst die Kölner Kommandobühne betritt, erwarten es jede Menge Herausforderungen. Da wäre einmal das Online-Geschäft. Schon vor einem Jahr hat Caparros zum Abwehrkampf gegen Amazon aufgerufen. Sein Sager: „Der LEH muss sich warm anziehen, wenn Amazon Fresh kommt“ machte in der Branche die Runde. Der Start von Amazon Fresh ist schon für die nächsten Wochen angekündigt. Die durchaus moderaten Umsatzprognosen der Amerikaner für das Food-Geschäft in Deutschland lauten: 11 Mio. € im Startjahr 2017, 46 Mio. € 2018, 66 Mio. € 2019 und 90 Mio.€ 2020. Die Kölner schafften 2016 mehr als 100 Mio. € Umsatz in diesem Vertriebskanal und sind daher gegen Amazon Fresh gut aufgestellt. Wiener Neudorf erreichte im Vergleich dazu rund 30 Millionen, das ist, angesichts der Größenrelation zwischen den beiden  Märkten, mehr als respektabel. Bei der Pressekonferenz fiel auf, dass die Rewe, wenn vom Internet-Handel die Rede ist, neuerdings den Schwerpunkt auf Omni-Channel legt. Das stationäre Ladennetz digital aufzurüsten, steht daher auf der Agenda von Jan Kunath, der im Konzern die Gesamtverantwortung für den ­E-Commerce-Bereich übernimmt. Besondere Bedeutung kommt dabei der Logistik zu, so wie in Österreich wird auch in Deutschland ein eigenes Rewe-Distributionslager für den Online-Handel errichtet. 

Alte Bekannte treffen sich wieder

Durchaus ausbaufähig ist die Vertriebspartnerschaft der Rewe mit den Lebensmittelabteilungen der Karstadt-Warenhäuser, die bekanntlich von der Signa-Holding des René Benko betrieben werden. Geschäftsführer von Karstadt ist der ehemalige Rewe-Manager Stephan Fanderl, dessen Chef ist, als Vorstandsvorsitzender der Signa Holding, das ehemalige Rewe-Vorstandsmitglied Dieter Berninghaus. Man kennt also einander, gute Voraussetzungen für eine tragfähige Allianz? 
Caparros gibt sich zurückhaltend: „Unsere Zusammenarbeit mit Karstadt läuft weiter, wir bleiben Partner“. Kritisch-kryptischer  Nachsatz: „Wir hoffen, dass Karstadt bald bessere Zahlen schreibt“.

Mit diesem Problem sind alle großen Lebensmittelhändler konfrontiert: In den Kernmärkten herrschen Überkapazitäten und Verdrängungswettbewerb, Wachstum winkt vorrangig in peripheren Geschäftsfeldern wie dem Online-Handel, im City-Delikatessenhandel, in der Grocerant-Szene, im Impulshandel an Frequenzstandorten. Während Aldi und Lidl ihr Erfolgsmodell des genial einfachen Diskontmarktes in alle Erdteile exportieren und auf diese Weise ungebremst beim Umsatz zulegen, müssen Vollsortimenter viele kleine Brötchen backen, um mit dem Wachstum der One-Brand-Filialisten mitzuhalten. So sollen in den nächsten Jahren mehr als 1000 Rewe To Go-Shops an Aral Tankstellen eingerichtet werden.

Einkaufschef Jan Kunath

Besonders spannende Aufgaben warten auf Jan Kunath, wenn er demnächst in Köln von Manfred Esser das Einkaufsressort übernimmt. Die stärkere Vernetzung mit Partnern auf europäischer Ebene steht da auf der Agenda: 2016 wechselte Ahold von AMC zu Coopernic, was die Kölner als großen Erfolg verbuchen. „Coopernic ist für die Rewe als europäischer Einkaufsverbund relevanter denn je, Jan Kunath wird daran weiter feilen“, sagte Caparros auf Anfrage der handelszeitung. Noch größere Bedeutung könnte bei den Konditionsverhandlungen mit den internationalen Lieferanten der zwischen Rewe und Leclerc vereinbarten Allianz namens Eurelec zukommen. Dabei geht es nicht nur um gemeinsame Super-Konditionen für den Markenartikeleinkauf, sondern auch um den koordinierten Auftritt gegenüber Handelsmarken-Produzenten. Auch die Kölner wollen ihre Eigenmarken-Programme weiter ausbauen, was das professionelle Branding betrifft, haben ihnen die Kollegen  in Wiener Neudorf einiges voraus. Eine Premium-Eigenmarke mit der Strahlkraft von „Ja!Natürlich“ sucht man in deutschen Rewe-Märkten bislang vergeblich.

So wie die Aufgabenteilung zwischen internationalem und nationalem Einkauf bleibt auch auf Landesebene jene zwischen dem Zentraleinkauf und dem Team der Sortimentsmanager in den einzelnen Vertriebsformaten (Billa, Merkur, Penny, Bipa Adeg) ein ebenso heißes wie heikles Thema. Kunath setzt auf Balance: „Zentraleinkäufer wie Sortimentsmanager, beide haben ihre klar definierten Jobs. Die Sortimentsmanager entscheiden über die Sortimente, die Einkäufer verhandeln dafür die günstigsten Preise. Die Umsatzverantwortung liegt weiterhin beim Management der Vertriebslinie“. 

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger
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