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Fairtrade zwischen Lebensmittelhandel und Bauern

29.11.2018

Bei meiner Ehr! Diese Selbstverpflichtung zur Fairness gegenüber der Landwirtschaft, die sechs Geschäftsführer von Rewe International AG, Spar AG, Hofer KG, Lidl Österreich, Metro Österreich und Unimarkt unterschrieben haben, markiert ein neues Kapitel in der Marketingkooperation zwischen unseren  Bauern und ihren Kunden im Lebensmittelhandel.

Von Hanspeter Madlberger

Da haben BWB-Generaldirektor Theo Thanner, Ministerin Elisabeth Köstinger, Handelsverbands-Vizepräsident Frank Hensel und HV-Geschäftsführer Rainer Will ganze diplomatische Arbeit geleistet. Es gehört schon einiges politisches Geschick dazu, aus dem Stammtisch-Gepolter rabiater bayerischer EU-Parlamentarier gegen marktstarke europäische Lebensmittelhändler einen typisch österreichischen Code of Conduct zu „destillieren“ mit dem sich die Großen des heimischen LH freiwillig zu fairen Geschäftspraktiken gegenüber den Bauern und ihren Erzeugergemeinschaften (sprich: Genossenschaften) verpflichten.

Der Fairness-Deklaration, die am 26. November am Wiener Stubenring den Medien präsentiert wurde, lassen sich eine Reihe positiver Aspekte abgewinnen. Da wurde zunächst ein starkes Signal der „Klimaverbesserung“ zwischen heimischer Agrarpolitik und heimischen Handelszentralen gesendet. Agrarpolitiker und Lebensmittelhändler reden wieder  vernünftig miteinander. Auf polemische Untergriffe wird verzichtet. Stichwort: Polemik:  In bisherigen Aussendungen des Bauernbundes und mancher Landwirtschaftskammern wurde immer wieder „die hohe Konzentration  im österreichischen LEH“, die sich darin ausdrücke, „dass drei Handelskonzerne 87% des Marktes  beherrschen“ als Ursache des von den Bauernvertretern erhobenen Vorwurfs des Marktmacht-Missbrauchs durch den LEH gebrandmarkt. Von diesem tendenziösen Framing, das den Eindruck erweckt, der Absatzmarkt unserer Landwirtschaft bestehe zu 87% aus den Kunden Rewe, Spar und Hofer, hat sich das Ministerium jetzt verabschiedet. Allein der Umstand, dass auch der neue Metro Österreich-Chef Xavier Plotitza die Erklärung unterschrieben hat, belegt, dass die Nielsen Marktanteile im LEH keinen tauglichen Indikator für die Marktmacht-Verhältnisse zwischen Bauern und dem Handel darstellen. Von der Selbstverpflichtung des Lebensmittelhandels (und nicht des LEH) ist folglich im Papier des Handelsverbandes die Rede. Auch die in die Fairness-Vereinbarungen mit eingeschlossenen bäuerlichen  Erzeugergemeinschaften speziell aus dem Obst- und Gemüseanbau, sind eingeladen, den Umfang und die Vielfalt ihres Absatzmarktes künftig realistisch zu beschreiben. Sie und ihre Mitglieder verkaufen ihre Produkte ja nicht nur an den Lebensmitteleinzelhandel, sondern auch an den Gastro-Großhandel und Kunden  im Ausland, sowie, in der Direktvermarktung,  an die Verarbeiter, an einzelne Gastronomiebetriebe und an Letztverbraucher (z.B. durch die Bauernmärkte und die ab-Hof-Verkäufe). 

Österreich liefert Blaupause  für UTP  Verordnung 

Zweiter erfreulicher Aspekt: Österreichs Bundesregierung nützt die EU Ratspräsidentschaft um den Freunden in Brüssel zu demonstrieren, wie in einer sozialen Marktwirtschaft Kleinunternehmer gegenüber allfälligen Marktmachtmissbrauch durch umsatzstärkere Geschäftspartnern nachhaltig geschützt werden.  Wesentlicher Bestandteil dieses Österreich-Modells ist die neue Ombudsstelle, die im kommenden Jahr als staatliche Behörde installiert  wird. Damit liefert das Köstinger-Ministerium für den anstehenden Erlass der  UTP-Rechtsnormen eine brauchbare Blaupause.

Zugleich gehen die Österreich-Töchter von Rewe, Aldi, Lidl und Metro ihren deutschen Konzernmüttern mit gutem Beispiel voran, wie man politisch motiviertes Händler-Bashing zu einer Image-Kampagne in eigener Sache umfunktionieren kann. Eine Kommunikationsstrategie, die auch deshalb aufgeht, weil sich Österreichs Lebensmittelhändler, egal ob mit inländischem oder ausländischem „Stammbaum“,  seit Jahren mit ihren Eigenmarken den Konsumenten glaubwürdig als Bio-, Nachhaltigkeits- und  Regionalitäts-Freaks präsentieren. Und damit den Absatz agrarischer Premiumprodukte heftig fördern.

Drittens hat sich unsere Bundeswettbewerbsbehörde mit dem Fairness-Katalog, der die Grundlage der Selbstverpflichtungserklärung darstellt, Verdienste um die Klimaverbesserung zwischen Handel und Landwirtschaft erworben. Beide Dokumente haben „Soft Law“-Charakter, sie liefern einen vernünftigen Rahmen für den Wettbewerb, schränken diesen aber nicht ein, sondern betonen die Freiwilligkeit bei der Einhaltung vernünftiger Spielregeln. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die gute Gesprächsbasis zwischen BWB  Generaldirektor Theo Thanner und Josef Plank, dem Generalsekretär im Nachhaltigkeitsministerium.

Stärkung der Kleinen in der Lebensmittelkette

Wie Frank Hensel in seinem Statement hervorhob, beschert der Gleichschritt zwischen Ministerium und Handel in der UTP-Thematik auch unseren  Bauern und den heimischen Verarbeitern Vorteile auf den europäischen Absatzmärkten. Die höheren Qualitätsstandards, die den Handelsmarken zugestanden werden, sind ein hervorragendes Verkaufsargument für die Lieferungen heimischer Agrargüter in die anderen EU-Länder. Wenn das kleine Österreich den Schutz der kleinen  Unternehmen gegenüber den Großfirmen propagiert, dann fällt dieses Engagement bei vielen  anderen kleineren EU-Staaten auf fruchtbaren Boden. Und stärkt nicht nur den kleinen heimischen Bergbauern den Rücken, sondern auch den  kleinen Produzenten von Regionalspezialitäten und den kleinen Nahversorgern, wie  beispielsweise den Adeg- und den Nah&Frisch-Einzelhändlern.

Nach den Politikern und den Juristen sind jetzt wieder die Marketingexperten und Kaufleute entlang der Lebensmittel-Wertschöpfungskette am Zug. Fairer Wettbewerb mit win-win-Chancen für alle Beteiligten  findet dann statt, wenn jedes Glied der Kette an der Verbesserung  seiner Leistung arbeitet und sich dabei an den Wünschen einer  kritischen, auf die Nachhaltigkeit von Lebensmitteln fokussierten Konsumentenschaft orientiert. Da gibt es schon jetzt jede Menge begrüßenswerter Initiativen, vom Kampf gegen Verderb und Verschwendung bis zur Abschaffung der Plastiksackerln.  

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