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Fröhliche, kulinarische Weihnachten!

17.12.2019

Weihnachten 2019: Klimakrise, Globalisierung und Amazon-Umsatzhype lassen grüssen und stimmen den besinnlichen Teil der Menschheit nachdenklich. Die Briten wünschen einander „Merry Brexmas!“, Humor der Marke Monty Python. Bald läutet die Pummerin das Ende der 10er Jahre ein und chinesisches Feuerwerk am Silvesterhimmel liefert einen Vorgeschmack auf die Machtverschiebungen in der Weltwirtschaft, die uns die vermutlich wilden 20er Jahre bescheren werden.

Kein Wunder, dass auch das Weihnachtsgeschäft 2019 im Zeichen dieser Zeitenwende steht. In den letzten Tagen vor dem Hochfest der Christenheit herrscht Hochbetrieb an den Feinkost-Theken, in den Süßwaren- und (Alkohol-)Getränkeabteilungen unserer Supermärkte. Zwischen religiösem Brauchtum und üppigen Mahlzeiten bestanden schon immer große Schnittmengen. In früheren Zeiten freilich haben fromme Christen in der vierwöchigen Adventzeit gefastet, heutzutage bedienen sogar Adventkalender mit kalorienreichen Minisnacks den zwischendurch-Hunger von Kids und Pets. Die Rezeptur des Punsch-Gebräus  auf den Christkindlmärkten ruft Nutriscore-Warnsignale auf den Plan. Und stattet die Verkehrspolizei treffsicher mit Geo-Markern aus.    

Süsser die Kassen nie klingeln

Da werden so manche Less-Sugar-Vorsätze über Bord geworfen. Dafür sorgen schon die TV-Werbespots für Mon Cheri, Lindt Pralinen, Toffifee und Merci. Konsumethisch höher angesiedelt sind da schon die Charity-Promotions, die Handel und Industrie in wachsendem Ausmaß in ihr Feiertags-Marketing einbauen. Und Billas „Danke“ Kampagne, die, nach dem Vorbild der deutschen Edeka, auf die Verbreitung sozialer anstatt kalorischer Wärme abzielt. Bleibt zu hoffen, dass dieser Anflug von human touch auch auf das Betriebsklima in Wiener Neudorf abstrahlt. Und dass diese emotionale Großoffensive in das Loyalitätskonto der Billa-Shopper einzahlt. Denn Werbung, die nichts bewirkt, kann sich auch eine weihnachtsfriedlich gestimmte Rewe nicht leisten.

Wie die LZ berichtet, werden in Deutschland die weihnachtlichen Kalorienbomben mit Vorliebe bei Discountern gekauft. Laut Marktforschung gehen fast zwei Drittel des Absatzes  an Weihnachtssüßigkeiten bei Aldi, Lidl und Co. über den Kassentisch. Hard Discount und Süßwaren-Multis sind bekanntlich schon seit Jahrzehnten innig miteinander verbandelt. Spitzenreiter sind Hohlfiguren, weshalb unter Konsumentenschützern das Gerücht fröhliche Urständ feiert, wonach unverkaufte Weihnachtsmänner mit neuer Folie zu Osterhasen recycelt werden. Wenn es denn stimmen sollte, wäre es zumindest ein Beitrag zur Vermeidung von Lebensmittelmüll.

Nachhaltig essen, auch zu den Feiertagen

Gesund schlemmen ist also für die Zeit zwischen Nikolo und Dreikönig angesagt. Kreative Marketingansätze in diese Richtung gibt es bereits. Vanillekipferln, nicht mit Zucker bestreut, sucht man zwar noch vergebens, aber eine zuckerreduzierte  Sorte von Bahlsen –Keksen bedient bereits das anti-Diabetes-Segment. Manche Bonbonhersteller gehen noch einen Schritt weiter und servieren uns schon vegane Gummizuckerln. Marktführer Haribo verweigert sich bislang diesem Trend, setzt weiterhin auf Gelatine tierischer Herkunft. Mit der Begründung, dass rein pflanzlicher Fruchtgummi im Biss nicht so knackig sei.

Fettarme Feiertage propagieren die Feinkosttheken. Tann und Hofstädter wetteifern mit der Firma Berger, wer den magersten Kochschinken zustande bringt. Fettarme Putenwurst boomt, auch wenn der Rohstoff meist nicht aus heimischen, sondern aus ungarischen oder bayerischen Geflügelmästereien stammt.

Rotweißrote Feiertags-Kulinarik

Apropos Herkunft: Eine gemeinsame Kulinarik-Offensive unserer Bauern und unserer Lebensmittel-Groß- und Einzelhändler böte sich speziell für das Weihnachtsgeschäft ideal an.

Warum da so wenig weitergeht?  Da gibt es mehrere Gründe.

o Weil viel Hofproduzenten sich mit Direktvermarktung verzetteln, anstatt sich mit Distributionsprofis wie der Kastner-Tochterfirma my.product zu vernetzen, die dafür ein  feines Online- und Logistikmodell entwickelt hat.

o Weil leistungsfähige Feinkost-Manufakturen speziell im Wiener Raum dünn gesät sind. Ein Hink und ein Schenkel in Wien nehmen sich mit ihren Sortimenten im Vergleich zu einem Käfer oder einem Dallmayr in München doch recht dürftig aus.

o Weil die Restaurants von Verbrauchermarktketten wie Interspar von jenem Haubenniveau meilenweit entfernt sind, das die schwarz gekleideten Luxus-Eigenmarken in der Werbung suggerieren.

o Last but not least: Weil Gastro-Kritiker in den Lifestyle–Beilagen von Tageszeitungen notorisch jedes Startup-Beisl als Stern am Gourmethimmel bejubeln, hingegen das Delikatessen-Angebot der Supermärkte  pauschal verdammen. Beispiel gefällig? „Während  viele Menschen immer Wert auf gutes Essen legen, verdrängt in den Supermärkten die Fertignahrung die frischen Produkte.“  Diesen Schwachsinn verbreitet der Sonntags-Kurier vom 15. Dezember  auf  Seite 23 im Interview mit einem Wiener Szene-Wirt.

Feinkost  in den 20 Jahren: In Wien beginnt’s

Aber wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass das Kulinarik-Angebot im heimischen Lebensmittelhandel aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und in den kommenden 20er Jahren dem Feiertagsgeschäft neue Glanzlichter aufsetzt. Hoffnungsträger in den Bundesländern sind die Kaufleute von Spar, Adeg und Nah&Frisch. Sie sind dazu prädestiniert, individuelles Kundenservice und regionale Kulinarik-Spezialitäten zu einer Erfolgstrategie zu verknüpfen. In Wien, wo der Meinl am Graben tapfer seinen Ruf als Weltstadt-Grocerant verteidigt, zeichnet sich für die kommenden Jahre ein Feinkost-Wettlauf zwischen Billa/Griensteidl am Michaelerplatz; Interspar/CA-Palais am Schottentor und Signa-KaDeWe in der Mariahilferstraße neben dem Museumsquartier ab. Eine Schlüsselrolle in diesem Schlemmer-Thriller könnte Rene Benko übernehmen. Sein Signa-Konzern ist Eigentümer der Immobilie, in die der Meinl am Graben eingemietet ist, Signa besitzt aber auch die D-A-CH-Lizenzrechte für Eataly.   

Persönliches zum Schluss:

Ich danke Ihnen, die Sie meine Artikel in der Handelszeitung nicht nur anklicken, sondern auch lesen, für Ihre Treue und wünsche Ihnen auf diesem Weg gesegnete Weihnachten und ein erfolgreiches Neues Jahr!

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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