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Spargel aus Thailand, Trauben aus Südafrika, Knoblauch aus China - aber ist der globale Warenstrom der Lebensmittel prinzipiell und immer "böse"?

Globale oder regionale Lebensmittel?

10.12.2019

Wo kommt unser Essen her? Diese Frage beschäftigt gleichermaßen die laufenden Regierungsverhandlungen und die Sortimentspolitik unserer Lebensmittelhändler. Klimaschutz-Engagement auf beiden Seiten ist jedenfalls gefragt. Aber wer regionale Produktion als alleinseligmachendes Rezept preist und Importe von global gehandelten Lebensmitteln pauschal verdammt, macht es sich zu einfach.

Von Hanspeter Madlberger

„Ziel ist möglichst viel Nahversorgung, statt Essen um die Welt zu schippern“, sagt Grünen-Chef Werner Kogler im Sonntags-Kurier vom 8. Dezember. Womit er ganz nebenbei eine Umdeutung des Begriffs Nahversorgung liefert. Unsereins versteht unter Nahversorgung eine soziale Dienstleistung des ruralen Einzelhandels an einer immobilen Bevölkerung. Kogler zeichnet die bäuerlichen und gewerblichen Kleinproduzenten in den Regionen mit dem Ehrentitel des Nahversorgers aus.

Wenn es hierzulande unter einer neuen Regierung, ebenso wie in der EU unter ihrer neuen Kommission, zu einem „Green Deal“ zwischen der Wirtschaft und den Öko-bewegten Klimaschutz-Aktivisten kommen soll, was in höchstem Maße wünschenswert ist, dann gelingt dieser Balanceakt nur, wenn maximale Transparenz und der Mut zu vielen kleinen Schritten im Spiel sind. 

Vor allem ist es angebracht, die Licht- und Schattenseiten globaler Lebensmittel-Warenströme zu analysieren, ehe man in kritikloses Lob für die regionale Lebensmittelproduktion – Stichwort: Der Bauernhof als Nahversorger – ausbricht. So darf eine Reduktion der Lebensmittelimporte aus Übersee nicht zulasten der Fairtrade-Sortimente gehen. Denn damit würde das reiche Europa gerade jenen Menschen in Afrika die Lebensgrundlagen entziehen, die unter dem Klimawandel am meisten zu leiden haben. 

Regional meets global

Wie eng regionale und globale Lebensmittelwirtschaft ineinander verzahnt sind, veranschaulicht ein Kommentar, den Fritz Prem, europaweit anerkannter Bio-Apfel-Experte, kürzlich im deutschen „Fruchtportal“ veröffentlichte. „Wie sieht es in unserer Obst- und Gemüse-Branche mit der Regionalität aus?“, fragt Prem. Seine Antwort: Die Genetik und das Pflanzenmaterial sind auf Grund von Züchtungs- und Lizenzverträgen mittlerweile nicht mehr regional zu haben. (Anmerkung der Redaktion: Da hat der steirische Maschansker-Apfel gegenüber Clubsorten wie Ruby Red einen schweren Stand.) Pflanzenschutz und Dünger sind laut Prem mit Sicherheit nicht in der Region hergestellt. Und oft wird auch die Erntearbeit aus anderen Ländern „importiert“. Noch ärger ist es nach Ansicht Prems um den „Regionalitätsgrad“ des heimischen Schweinefleisches bestellt. Die Genetik und  das Zuchtmaterial kommen aus dem Nordwesten Europas. Die Eiweißfutter-Grundlage kommt vorwiegend vom anderen Ende der Welt, nämlich aus Brasilien und ist gentechnisch verändert. Und was die Lieferkette zwischen regionalem Schweinemäster und regionalem Speck-Markenartikler betrifft, ist diese noch „ausbaufähig“. 

Markenartikel-Kräuter von heimischen Bauern

Dass globale und regionale Lebensmittelproduktion einander perfekt ergänzen können, beweist die Gewürzfirma Kotanyi mit Sitz in Wolkersdorf (NÖ). Gewürze aus den Tropen wie Pfeffer, Zimt und Muskatnuss sind seit jeher klassische Welthandelsgüter und machen neben dem Leitprodukt Paprika auch den Löwenanteil des europaweiten Kotanyi-Geschäfts aus. Seit einigen Jahren aber führt Kotanyi auch Kümmel aus heimischer Produktion im Sortiment. Für das kommende Jahr kündigt Firmenchef Mag. Erwin Kotanyi die Einführung einer Gewürzkräuter-Subrange aus heimischer Produktion an. Das Problem dabei: Kräuteranbau und  -aufbereitung  bedürfen einer entsprechenden Organisation, damit die erforderlichen Mengen in der gewünschten Qualität zur Verfügung stehen.

WWF kooperiert  bei Orangen mit Edeka…

Faire Klimaschutz-Bilanzen, weiterentwickelt aus den seit Jahren üblichen CO2-Bilanzen  sind ein taugliches Mittel, den Konflikt zwischen regional und global produzierten Lebensmitteln zu entschärfen. Gute Voraussetzungen dafür bieten die seit langem bestehenden Kooperationen zwischen großen Handelsketten und internationale aufgestellten Umwelt-NGOs. Aktuellstes Beispiel: In Spanien haben die deutsche Edeka und der WWF das Projekt eines umweltfreundlichen, aber nicht biologischen Orangen-Anbaus ins Leben gerufen. Dabei geht es um Wassereinsparung, Insektizidreduktion, Landnutzung  und  Erhaltung der Artenvielfalt. Ein Vergleich ergibt, dass die Umweltkosten der Orangen-Produktion  dieses Projekts mit 280 € pro Tonne deutlich unter jenen der herkömmlichen, konventionellen  Produktion (440 €), aber auch der Bio-Produktion (400 €) liegen. Das Edeka-WWF-Projekt in Spanien: Ein Schritt in die richtige Richtung. Und ein weiterer Beweis dafür, dass der Ruf nach einer 100% igen Umstellung der weltweiten landwirtschaftlichen Produktion auf Bio schlicht unrealistisch ist. 

…und bei Frischfisch mit Spar

Ökologisch und ökonomisch grundvernünftig wie das Edeka Projekt ist auch das weihnachtliche Frischfisch-Angebot unserer Spar. Ein Sortiment, das auf der Expertise des WWF Meeresschutz-Experten Axel Hein aufbaut. Wer zu den Feiertagen nicht auf  Meeresfisch verzichten will (vielleicht wegen des gesundheitsfördernden Gehalts an ungesättigten Fettsäuren), darf guten ökologischen Gewissens zur Goldbrasse und zum Wolfsbarsch der Eigenmarke Spar Premium greifen. Denn diese Fische stammen aus einer kontrollierten Fischzucht in der Bucht von Piran, die sich unter anderem durch den niedrigen  Salzgehalt des Wassers auszeichnet. Bei Lachs aus Bio-Fischzuchten können die Kunden sicher sein, dass klare Aufzucht-Regeln für Besatzdichte sowie Futter aus ökologisch zertifizierter Landwirtschaft eingehalten werden. Allen, die Gusto auf Süßwasserfische haben, empfiehlt der WWF den Kauf von regionalem Bio-Fisch wie dem Bio-Bachsaibling. Steirische Karpfen fressen im Gegensatz zu Forelle und Saibling rein pflanzliches Futter, sind daher weniger fettig. Wir lernen: Ökologisch wertvolles und wohlschmeckendes Essen sind gar nicht so leicht auf einen Nenner zu bringen. Und wenn von regionalem Einkauf die Rede ist stellt sich die Frage, ob der Fisch aus oberitalienischen Zuchtanstalten, die von Österreichern betrieben werden, auch noch der heimischen Fischwirtschaft zuzuzählen ist. 

Die Doppelstrategie des Rewe Konzerns

Ja!Natürlich ist die größte Bio-Marke weltweit, relativ zu ihrem Verbreitungsgebiet! Diese wahrhaft clevere Formulierung erdachten sich die Kommunikationsexperten der Rewe anlässlich des 25 Jahre-Jubiläums ihrer Öko-Eigenmarke. JN hat zweifelsohne Maßstäbe gesetzt, im heimischen Lebensmittelhandel ebenso wie in der heimischen Landwirtschaft. Allerdings hat die Mutter in Köln mit dem Label Pro Planet einen Gegenentwurf zu JN in die Welt gesetzt. Denn Pro Planet steht nicht für regionale sondern für weltweite Produktion, nicht für Bio sondern für „Bio light“, nämlich für Nachhaltigkeit bei konventioneller Food-Produktion, insbesondere was den reduzierten Einsatz von Insektiziden betrifft. Diese Doppelstrategie des deutschen Kaufleute-Genossenschaftskonzerns löst bei heimischen Agrarfunktionären bisweilen Bauchgrimmen aus. Wegen des hohen Kontrollaufwands, der mit den jeweiligen Öko-Auflagen verbunden ist. Um sich bäuerlichen Goodwill zu sichern, sponsert die Rewe Jahr für Jahr die „Wintertagung“ des Ökosozialen Forums. Sie steht 2020 unter dem Motto: „Von Almen zu Palmen. Die Agrarpolitik im (Klima-)Wandel“.

Klimawandel birgt Chancen und Risiken für unsere Bauern

Jedenfalls birgt der Klimawandel für die heimische Landwirtschaft ein hohes Maß an Ambivalenz. Zur Chance, dass umweltbewegte Konsumenten in den nächsten Jahren verstärkt zu Lebensmitteln aus heimischer Produktion greifen, gesellt sich das Risiko veränderter Produktionsbedingungen: Trockenheit, Schädlingsbefall, Sturmschäden, Murenabgänge. Jede Menge Herausforderungen kommen da auf den Bauernstand zu.

Und da ist dann noch der horizontale Wettbewerb zwischen den Klein- und den Großbauern. In Deutschland haben Finanzinvestoren viel Bauernland aufgekauft und damit neue Großbetriebe aufgebaut, auch im Bereich der Biolandwirtschaft. Angesichts dieser Entwicklung sind unsere Bauern gut beraten, die Wertschöpfungs- und Absatzkooperation mit dem Lebensmittelhandel in Österreich auszubauen. Die Erfolgsformel der Globalisierung heißt Arbeitsteilung zwischen Produktion und Distribution, anstelle von Direktvermarktung.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger
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