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Händler, checkt eure Checkouts!

25.02.2020

Anlässlich der diesjährigen  Euroshop präsentierte  das EHI-Institut die Trendstudie POS Systeme 2020, die auf der Befragung von 43 Handelsunternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beruht, die zusammen für einen Jahresumsatz 2018 von insgesamt 265 Mrd. Euro stehen. Größten Handlungsbedarf sehen die Checkout-Manager der Handelsriesen beim Einsatz mobiler Self Scanning-Systeme.

Hier die Topergebnisse der EHI-Umfrage über die Mega-Trends in der „Yes, we Scan“ -Disziplin der Big Retailer:

Die Umrüstung der POS-Systeme auf mobile Checkout-Geräte nimmt Fahrt auf.

Das durchschnittliche Alter einer Kasse liegt bei 5,7 Jahren, 77% der befragten Händler wollen in den nächsten Jahren ihre Hardware ganz oder teilweise erneuern. Ähnliches gilt für die Kassensoftware: Sie ist im Durchschnitt 6,8 Jahre alt, mehr als die Hälfte des Samples, nämlich 58%, wollen im Zeitraum 2020/2021 neue Kassensoftware installieren. 32% davon setzen auf individuelle Lösungen. Schon jetzt haben 21% der Befragten mobile Geräte mit Kassenfunktion im Einsatz. Für die nahe Zukunft planen dies 54% .Damit steht die „Mobilisierung“ am Checkout mit 56% Zustimmungsrate an erster Stelle auf der to-Do-List der Händler. 47% setzen die Mobilgeräte auch für die Kundenberatung, z. B. für die  Abfrage von Produktdaten, Promotions, Rezeptvorschlägen etc. ein. 72% planen solche digitale Beratungsleistung samt Mitarbeiter-Schulung für die nächste Zukunft.

Self-Scanning überholt Self-Checkout

Schon heute haben 40% der befragten Händler Self-Checkout- oder Self-Scanning-Systeme im Einsatz. Schon in wenigen Jahren dürfte diese Quote auf  60%  steigen. Bevorzugte Strategie ist Self-Scanning mithilfe des Kunden-Smartphones. 81% planen den Einsatz dieser Technologie. Hingegen ist der Einsatz von Self-Checkout-Systemen tendenziell rückläufig Die aktuelle Nutzungsrate liegt bei 82%, die künftige bei 65%. Innerhalb der Self-Scanning-Systeme gewinnt das Kunden-Smartphone mit Retailer-App gegenüber dem Handscanner mit Retailer-Software an Boden. Derzeit testen 53% der Befragten den Handscanner, künftig wollen nur 50% auf diese Technologie setzen.

Billa ist Scan & Go-Pionier in Österreich

An dieser Stelle verlassen wir das Studien-Terrain und wechseln über zum Lokalaugenschein: Hierzulande hat Billa mit seiner im Spätherbst 2019 eröffneten Scan & Go Filiale im Euro Plaza Shoppingcenter ein Signal des Anspruchs auf Innovationsführerschaft bei den Kassensystemen gesetzt. Nach dem Motto: Was Amazon in Seattle kann, kann Billa in Wien-Meidling auch. Zur Erinnerung: So funktioniert das Billa Self-Scanning: Der Kunde öffnet die Billa Scan & Go-App auf seinem Smartphone, nimmt die gewünschten Produkte aus den Regalen, scannt mit dem Handy deren Strichcodes, bestätigt den Einkauf, zahlt am Checkout per Kreditkarte und schließt den Einkaufsvorgang ab, indem er einen QR-Code im Kassenbereich einscannt.

Ähnlich funktioniert das Self-Scanning-System in zwei Penny Go-Testfilialen in  Köln und Marburg. Auch die Edeka setzt mit Testfilialen in den Regionen Nord und Rhein Ruhr auf das Scan & GO-Modell, das die Smartphones der Kunden zu Handscannern umfunktioniert.  Im Gegensatz dazu arbeitet das von Albert Heijn im Amsterdamer Pilotbetrieb eingesetzte Tap to go System nicht mit Apps, die auf die kundeneigenen Smartphones geladen werden, sondern mit markteigenen Handscannern, die am Markteingang entlehnt werden können. Penny Go bietet den Handscanner als Alternative zur Smartphone App an. Nur mit Handscannern können Kunden des Globus Verbrauchermarktes in Neustadt an der Weinstraße einkaufen.

Self-Checkouts - hier scannt der Kunde seinen Einkauf selber an einer eigens dafür eingerichteten Kassenstation - sind rund um den Globus schon seit vielen Jahren im Einsatz. Ihre Penetration ist jedoch länderweise sehr unterschiedlich.  Regelmäßig findet man sie in Hypermärkten in den USA, in Frankreich und Großbritannien. In Österreich hat Merkur einen breiten Rollout vorgenommen, das Management zeigt sich sehr zufrieden mit der Frequenz. Auch Billa hat etliche Self Checkouts installiert. Interspar und Eurospar hingegen zeigen, anders als in früheren Jahren, große Zurückhaltung bei der Installation von Self-Checkouts. Zurzeit haben die Salzburger nur zwei Selfcheck-Anlagen an Hochfrequenz-Standorten in Betrieb.

Naive Digital Natives?

Vorbild aller mobilen Kassensysteme ist Amazon Go, in Seattle erstmals getestet, mittlerweile auch im Raum New York im Einsatz. Mittelfristig plant Jeff Bezos die Inbetriebnahme  von 100 Go-Filialen in den USA. Amazon Go ist mehr als ein POS-System, hier handelt es sich um einen eigenen, digital hochgepeppten Ladentyp. Scanning mittels Handy ist überflüssig, denn ein ausgeklügeltes Kamerasystem erfasst und identifiziert den Kunden und die Artikel, die in den Einkaufskorb wandern. Am Ende wird der Gesamteinkauf automatisch vom Konto abgebucht. Konsumentenschützer warnen davor, dass die Kunden bei  vollautomatisierter Bezahlung Gefahr laufen, Einkäufe zu tätigen, ohne sich über die Gesamtsumme zu informieren. Frage: Sind Digital Natives wirklich so naiv?

Mehr denn je gilt: Die Kassenzone ist der neuralgische Bereich im Supermarkt. Chancen- und Risikopotential in einem. Wie gut die Checkouts organisiert sind, entscheidet in hohem Maße über die Gewinne oder Verluste, die der Markt abwirft, über die Zufriedenheit der Kundinnen, über das Betriebsklima unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Optimierung der POS-Systeme ist somit ein Querschnittsthema, eine Challenge, die viele Managementfunktionen  eines Handelsunternehmens umfasst, von der strategischen Entscheidung über IT-Investitionen bis zum Controlling, vom Einkauf bis zum Marketing, von der Logistik bis zur Personalorganisation. 

Checkout-Optimierung hat viele Facetten

Die  EHI-Studie zeigt, wie vieldimensional der Einfluss der POS-Systeme auf die Performance eines Ladens ist. Da geht es gleichermaßen um umsatzsteigernde und kostensenkende Effekte, wie

  • raschere Kassenabfertigung
  • Verlagerung von barer auf unbare Zahlung
  • Verkürzung von Warteschlangen
  • Verringerung von Inventurdifferenzen

Selbst globale Ereignisse zeitigen  Auswirkung auf den Point of Payment. So bescherte die Ausbreitung des Corona Virus in China der bargeldlosen und damit „hygienischen“ Bezahlung einen unerwarteten Wachstumsschub, weil virenverseuchtes Bargeld das Infektionsrisiko dramatisch erhöht. Da ist ein Angriff von Killerviren auf die Handy-Apps noch das kleinere Übel.

Kehrseite der Medaille: Wollen wir den gläsernen Kunden?

Die neuen Self-Service-Systeme am Checkout bergen jedoch nicht nur Chancen auf höhere Kundenzufriedenheit und damit auf höherer Shopperloyalität sonder auch jede Menge Risken. Der Schutz personenbezogener Kundendaten und  die Erhöhung der Sicherheit bei unbarer Bezahlung, das sind die großen Herausforderungen, denen sich alle Befürworter der neuen Technologien zu stellen haben. Im Wettbewerb des stationären Handels mit der Online-Konkurrenz aber erhebt sich die Frage: Liefert der bewusste Verzicht auf Kundenidentifikation nicht das beste Kauf- und Besuchsargument gegenüber dem System Amazon, das den gläsernen Kunden im Fokus hat? Erst jüngst begründete Spar-Chef Gerhard Drexel, der eine glänzende Umsatzbilanz 2019 vorlegen konnte, den Verzicht der Tannenorganisation auf Kundenkarten-Programme mit dem Wunsch der Spar-Kunden nach Wahrung ihrer Privatsphäre. Vor allem aber würden, speziell bei überbetrieblichen  Kartenprogrammen, extrem hohe Kosten anfallen, die Drexel mit 1,5 % bis 2% vom Umsatz veranschlagt.

Zukunftsperspektive; Smart Store setzt auf KI

Freilich darf man nicht vergessen: Self-Scanning markiert erst den Anfang der Checkout-Revolution. Ein EHI-Whitepaper, das seit 2018 gemeinsam mit Microsoft erstellt und laufend aktualisiert wird, dokumentiert die Fortschritte beim Einsatz künstlicher Intelligenz im Smart Store von morgen. Aktuelles Beispiel: Wer in einem Ikea-SB-Restaurant in Italien sein individuelles Menü auswählt, braucht sich nicht mehr am Checkout anzustellen, weil  Sensoren die Speisen und Getränke am Tablett identifizieren und daraus die Rechnungssumme ableiten. Bevorzugte Einsatzbereiche der KI-Techniken sind, laut dieser EHI-Studie, das Bestandsmanagement (z. B. Senkung von out of stock), personalisiertes Marketing auf Basis von Data Analytics, Betrugserkennung und Dynamische Preisoptimierung,     

Appell: Checkt eure EHI-Beziehung!

Angesichts der stürmischen Entwicklung beim Einsatz digitaler Tools am POS ist es von größter Bedeutung, dass Österreichs Händler am europäischen Wissenspool, den das EHI verkörpert, vollen Anteil hat. Was die Zusammenarbeit heimischer Institutionen wie der WKO, des Handelsverbandes, der Plattform ECR Austria, der KMU-Forschung und des noch immer verwaisten Handelsinstituts an der WU Wien mit dem EHI betrifft, besteht noch viel Luft nach oben.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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