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Handel 2019: Aufholjagd zur Europaspitze

15.01.2019

Nachhaltigkeit, Innovation und Digitalisierung: Diese drei Disziplinen stehen 2019 im Fokus des Wettbewerbs in der europäischen  Lebensmittelwirtschaft. Für österreichische Produzenten und Händler ist die Ausgangssituation alles andere als einfach. Vor allem geht es darum, den Anschluss an die internationalen Entwicklungen nicht zu verpassen.

Von Hanspeter Madlberger

Heimische Hersteller sind von Markenartikel-Multis umzingelt, heimische Händler matchen sich mit einer Phalanx deutscher Diskontriesen, die einen rasanten Grading up-Kurs fahren und dabei verstärkt auf nachhaltige Lebensmittel setzen. Was den Online-Handel betrifft, wappnen sich große europäische Food Retailer wie Tesco und Sainsbury, Rewe und Edeka gegen den sich ankündigenden Start von Amazon Prime/Whole Foods auf dem alten  Kontinent.

Carrefour beglaubigt Nachhaltigkeit mittels Blockchain

Wie rasch jenseits unserer Grenzen die Entwicklung der FMCG-Branche voranschreitet, macht ein Blick auf die Highlights der vergangenen Monate deutlich: In Frankreich trumpft Carrefour als Pionier bei der Anwendung der Blockchain-Technologie auf. Bitcoin, die bekannteste Blockchain-Währung, mag stürmisch kriseln, eine Food Supply Chain, gesteuert durch ein Blockchain-Datensystem, ist aber von bestechender Logik. Wie das deutsche „Fruchtportal“ am 4. Jänner dieses  Jahres berichtete, bedient sich der französische Hypermarkt-Konzern seit Dezember 2018 der Blockchain-Technologie bei der Rückverfolgung von Masthühnern, Eiern, Tomaten und Orangen der Premium-Eigenmarke CQL (Carrefour Quality Line). In Verbindung mit auf der Verpackung angebrachten QR-Codes übermittelt das System via Smartphone Daten über Herkunft, Anbau- und Erntemethoden, Verwendung synthetischer Pestizide sowie, im Fall von Fleisch, über die Tierhaltung bei den betreffenden Produkten. Das Ergebnis ist die umfassende Transparenz aller Nachhaltigkeits-relevanten Kriterien über alle Stufen der Wertschöpfung hinweg.

Jedenfalls lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob sich das Carrefour-Modell vielleicht als Blaupause für die Tracking & Tracing-Projekte von GS1 Austria, die  Initiatitive „Land schafft Leben“ und  die Blockchain-Forschungsplattform von WU-Professor Alfred Taudes (Institut für Kryptoökonomie) eignet. Wie die Sonntags-„Krone“ kürzlich meldete, schlägt WKO-Präsident Harald Mahrer den heimischen Fleischern vor, sich mit Blockchain anzufreunden.  Kooperation statt Konkurrenzdenken wäre in jedem Fall für einschlägige Institutionen im kleinen Österreich angebracht.

Grüne Woche Berlin: Zukunftsfragen der globalen Land- und Ernährungswirtschaft

Welternährung, Öko-Landwirtschaft und Digitalisierung, diese  Megathemen stehen auf der Agenda der diesjährigen Grünen Woche, die von 17. bis 27. Jänner in Berlin über die Bühne geht. Dort wird sich zeigen, auf welcher Stufe der Lebensmittel-Wertschöpfungskette (Food Supply and Value Chain) die Weichensteller für die künftige Entwicklung sitzen.

Ist es die Landwirtschaft, die, speziell in Deutschland, die Massenproduktion von Bio-Produkten ins Visier nimmt? Der  Deutsche Bauernverband (DVB) will auf einem Fachforum die Frage klären, wie der Ökolandbau „nachhaltig weiterentwickelt“ werden kann. Die  Aussage, wonach die deutschen Bio-Landwirte  „in Fragen der Pflanzenzüchtung, des Pflanzenschutzes sowie der effizienten Düngung inzwischen an die selbstgesetzten Systemgrenzen stoßen“, lässt aufhorchen. Deutschlands Bio-Landwirte unterwegs in die industrielle Massenproduktion? Bei uns in Österreich macht man sich darüber Gedanken, wie sich unsere alpin-kleinräumige Bio-Landwirtschaft gegenüber Bio-Großbetrieben im flachen Norden behaupten kann.

Oder erkämpfen sich die Food Markenartikel-Multis die Deutungshoheit in Fragen der gesunden Ernährung zurück? Veranstaltungen auf der Grünen Woche liefern dazu Ansatzpunkte: Nestlé Deutschland  präsentiert eine Studie, die sich mit dem verantwortungsvollen  Umgang mit Wasser auf diesem Globus befasst. Danone verköstigt die  Messe-Besucher mit neuen, nährwertoptimierten Molkereiprodukten. Ein Konzept, das vor Jahren als Functional Food für viel Aufregung bei Ernährungsfachleuten sorgte, erlebt sein Revival.

Lebensmittelkonzerne: Rewe, Aldi, Lidl

Oder ist es letzten Endes doch wieder der Lebensmittelhandel, der, die Hand am Puls der Konsumenten, den  vorgelagerten Stufen erklärt, was bei Nachhaltigkeit, Klimaschutz, gesunder  Ernährung und gesellschaftlicher Verantwortung (für niedrige Konsumentenpreise) Sache ist? So wartet die Rewe in Berlin mit einer Präsentation auf, die darlegt, warum für die Kölner die Reduktion von Plastik ganz oben auf der Agenda der Zukunft steht. Nachhaltigkeit fällt übrigens in das Vorstands-Ressort von Jan Kunath, dem obersten „Schutzherrn“ der Rewe International in Wiener Neudorf. Beim „Plastiksackerl-Gipfel“ am Wiener Ballhausplatz vom 8. Jänner zeigte Rewe Österreich Chef Marcel Haraszti, ebenso wie seine Kollegen von Spar, Hofer und Lidl, starkes Engagement für die Verbannung von Kunststoff vom POS.  Jetzt sind manche Beobachter gespannt, ob die Rewe Österreich ihre Vorreiterrolle, die sie bislang in der Ära Hensel konzernintern bei Bio, Biodiversität, Regionalität, Fairtrade und anderen gesellschaftlich relevanten Lebensmittel-Strategien einnahm, an Köln abgeben muss(te).

In der Schweiz liefern einander Migros und Coop einen spannenden Öko-Wettlauf. Der Nachhaltigkeitsumsatz der Coop Schweiz wuchs 2018 um 6,8 % auf CHF 4,1 Milliarden. Allein der Coop-Naturaplan-Umsatz stieg um 17,1 %. Lidl landete in Deutschland und Österreich einen Überraschungscoup: Das gesamte Bananen-Angebot, auch die konventionell erzeugte Ware, wurde kürzlich auf Fairtrade umgestellt. Eine Steilvorlage für die Lidl-Mitbewerber, die bislang das Fairtrade-Siegel fast nur für die Bio-Eigenmarke einsetzen.

Im deutschen Handel ist die Rewe als Umweltschutz-Pionier nicht allein auf weiter Flur. Marktführer Edeka hat schon immer mit dem Slogan „Wir lieben Lebensmittel“ Themenführerschaft in Ernährungsfragen beansprucht. Lidl und Aldi haben umfangreiche Nachhaltigkeitsprogramme in Gang gesetzt. Die Zusammenarbeit mit den Bio-Verbänden, das Engagement für Zucker- und Fettreduktion findet sich in den Strategiepapieren aller großen Handelsketten. Längst ist, in Deutschland wie in Österreich, das Öko-Marketing neben den Preisschlachten und den Eigenmarken zur einer Arena des intensiven Wettbewerbs geworden.

Der „Presseklub“ der ARD diskutierte  am Sonntag, den 13. Jänner, mit Blick auf die Grüne Woche die Frage des gesunden Essens. Kernthema: Soll der Staat ordnend eingreifen – zum Beispiel mit einer Ampelregelung – oder diese gesellschaftlich hochbrisante Frage der freien Entscheidung der mündigen Konsumenten und dem Spiel des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs überlassen? Einer aus der Runde meinte, die großen Lebensmittelkonzerne seien, was das Engagement für gesunde Ernährung betrifft, äußerst aktiv unterwegs. Wen er damit wohl  meinte? Nicht  die Nestlés oder Unilevers, sondern, „Supermärkte wie Rewe, Aldi oder Lidl“!

Löst Digitalisierung globale Ernährungsprobleme?

Die Digitalisierung der Landwirtschaft steht im Mittelpunkt des Global Forum for Food and Agriculture (GFFA), das im Rahmen der Grünen Woche von 17. bis 19. Jänner in Berlin tagt. Erwartet werden über 2.000 Teilnehmer aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft  sowie rund 70 Landwirtschaftsministerinnen und -minister. Nach Angaben der FAO muss die globale Landwirtschaft bis zur Mitte  des 21. Jahrhunderts die agrarische Erzeugung um rund 50 Prozent steigern, damit der Bedarf der dann voraussichtlich rund 9,7 Milliarden Menschen an Lebensmitteln gedeckt werden kann. Zur Lösung dieses Problems ist Künstliche Intelligenz (beispielsweise in Form von automotiven Traktoren und Ernterobotern) in hohem Maße gefragt. Für die künftige Vieh- und Fleischwirtschaft von Bedeutung: Wieviel Agrarfläche bleibt angesichts dieses Lebensmittel-Bedarfs noch für die Futtermittelproduktion  übrig? Auch über diese Fragen dürfen Österreichs Schweinebauern und ihre Absatzpartner in den Supermarktketten nachdenken.

Berlin liefert somit Impulse zur Genüge für die kommende  Wintertagung des Ökosozialen Forums (28. Jänner bis 1. Februar), die unter dem Motto “Wer ernährt die Welt?“ steht und von unserer Rewe gesponsert wird. Spar-Kommunikationschefin Nicole Berkmann spricht auf Einladung des Forums bei der Abschlussveranstaltung im BIG Hörsaal der Uni Wien über “Die Einführung von Halal-Fleisch und das mediale Scheitern“. Man sieht, wir Österreicher sind, was die Lösung globaler Ernährungsprobleme betrifft, auf der Höhe der Zeit.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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