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Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will fordert die Gleichbehandlung von Handelsbetrieben aller Lagen und Größen - und von der Politik, endlich eCommerce-Anbieter aus Drittstaaten in die Pflicht zu nehmen.

Handelsverband-Bilanz zur schrittweisen Öffnung des Handels

16.04.2020

Seit 14. April darf ein großer Teil des heimischen Handels wieder offen halten. Der Handelsverband hat die ersten Effekte der Wiederöffnung beleuchtet und stellt Forderungen für die Zukunft.

Der Handel ist zurück auf dem Weg in eine "neue Normalität", die uns wohl noch viele Monate in der einen oder anderen Form begleiten oder gar langfristig das Verhalten von Kunden wie Händlern und Personal verändern wird. Die Wiederöffnung zahlreicher Geschäfte - rund 80 Prozent der heimischen Händler - ist grundsätzlich positiv, die Profiteure unterscheiden sich jedoch nach Branchen stark:

  • Insbesondere die Baumärkte und Gartencenter in urbanen Regionen wie Wien haben gestern den erwarteten Ansturm verzeichnet. Es gab in vielen Märkten längere Warteschlangen und teilweise Blockabfertigung, um die strengen Sicherheits- und Hygienevorgaben einhalten zu können. Bei vielen Konsumentinnen und Konsumenten haben derzeit offenkundig Cocooning & Balkonien Hochsaison.
  • Auch viele Buchhandlungen haben gestern überproportionale Frequenzen und Umsätze verzeichnet, besonders in kleineren Städten gab es auch hier vereinzelt Schlangen vor den Geschäften.
  • Ähnliches gilt auch für Brillenfachgeschäfte, für den Sportartikelhandel sowie für Geschäfte mit Papier & Schulwaren.
  • Im Elektrohandel wiederum war der Andrang wie erwartet noch etwas verhalten. Vergleichsweise stark performt haben in diesem Segment die Handyläden, wo die Kundenfrequenz insbesondere gestern Vormittag und am frühen Nachmittag ganz gut war.
  • Den Mode- und Schuhhandel trifft die Corona-Krise besonders hart. Das gesamte Fashion-Segment leidet in Zeiten von Social Distancing und HomeOffice an einer geringeren Nachfrage. Sowohl in den kleinen Boutiquen als auch im filialisierten Modehandel war gestern vergleichsweise wenig los. In A-Lagen wie der Mariahilferstraße verzeichnen die Händler Frequenzrückgänge von ca. -40%, in B- und C-Lagen sogar -50 bis -90% im Vergleich zu einer Durchschnittswoche vor Corona. Allerdings gibt es auch hier Nischenanbieter (etwa für Stoffgesichtsmasken oder Nähbedarf) die einen überdurchschnittlichen Andrang verzeichnet haben. Große Nachfrage verzeichnet derzeit auch der Handel mit Kindertextilien.

Generell ist noch zu sagen, dass einige Händler diese Woche aufgrund der geringeren Kundenfrequenz auf verkürzte Öffnungszeiten (z.B. 9.00 bis 15.00 Uhr) setzen, oder vereinzelte Geschäfte/Filialen in Randlagen gar nicht aufsperren (zumindest nicht am Samstag), weil es betriebswirtschaftlich keinen Sinn machen würde oder sie noch auf die großen Frequenzbringer (Flagship-Stores) warten, die bekanntlich erst am 2. Mai aufsperren dürfen. Der Handelsverband hatte demnach nicht ohne Grund empfohlen, dass alle Händler unabhängig von ihrer Größe und Lage gleichzeitig am 14. April wieder öffnen dürfen sollten.

Offene Fragen an das Gesundheitsministerium

Konkrete Umsatzdaten haben wir derzeit noch nicht vorliegen, wir gehen allerdings für diese Woche im Non-Food Handel branchenübergreifend von einem Gesamtumsatz aus, der rund 50% des Umsatzes einer durchschnittlichen Woche vor Corona entsprechen wird. Vor diesem Hintergrund gibt es rund um die schrittweise Öffnung im Handel noch einige Fragen, die seitens des Gesundheitsministeriums dringend beantwortet werden müssen, etwa: 

  • Warum ist Click&Collect nicht für alle Händler ab sofort erlaubt?
  • Wenn Händler trotz Öffnungserlaubnis ihre Geschäfte bis auf weiteres aus betriebswirtschaftlichen Gründen geschlossen halten – können sie weiterhin COVID-19 Förderungen (z.B. Zuschüsse) beziehen?

Hier hoffen wir auf eine zeitnahe Aufklärung durch den Gesundheitsminister.

Umsatzeinbußen von 1 Mrd. Euro pro Shutdown-Woche

Wir gehen im Übrigen davon aus, dass der gesamte stationäre Einzelhandel pro Shutdown-Woche bis zu einer Milliarde Euro an Bruttoumsatz verloren. Bei jenen Non-Food Einzelhändlern, die zumindest bis 14. April vom Corona-Shutdown betroffen waren, lag der tägliche Umsatzverlust laut Berechnungen von Standort + Markt bei mindestens 113 Mio. Euro. Das wahre Schadensausmaß liegt allerdings noch deutlich höher, weil hier die Umsatzverluste aus der Gastronomie und konsumnahen Dienstleistungsbetrieben wie Friseure, Fitnesscenter oder Kosmetiksalons noch nicht eingerechnet sind. Besonders stark getroffen hat es Branchen wie den Spielwarenhandel und den Sporthandel, denen im Prinzip das komplette Ostergeschäft verloren gegangen ist. Ähnliches gilt für den Modehandel sowie für den Luxusgüterbereich, weil die kaufkräftigen Touristen aus dem Ausland fehlen.

Insgesamt musste der österreichische Handel (Einzelhandel + Großhandel + KFZ-Handel) während des 4-wöchigen Corona-Shutdowns Umsatzeinbrüche von rund 6,7 Mrd Euro verkraften. Davon werden laut Agenda Austria 5,1 Milliarden Euro (also rund 3/4) von den KonsumentInnen später nicht mehr nachgeholt werden. Mittelfristig wird für den Handel in Österreich natürlich auch entscheidend sein, welche Auswirkungen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit - verbunden mit Einkommenseinbußen in der Bevölkerung - auf das Konsumverhalten haben werden. Zuletzt hat ja auch der IWF von der schwersten Wirtschaftskrise seit 1929 und einer globalen Rezession in 2020 gewarnt. Das zurückhaltende Kaufverhalten ob der Krise wird jedenfalls noch einen langen Schatten werfen.

Onlinehandel kann stationäre Umsatzverluste nur teils ausgleichen

Viele der vom Corona-Shutdown betroffenen Unternehmen – mit immerhin 490.000 Beschäftigen – haben natürlich versucht, den Internethandel zu forcieren. Einen Teil der Umsatzverluste kann man damit schon auffangen, allerdings reden wir hier von maximal rund 50 Millionen Euro. Generell verzeichnet der heimische Onlinehandel aktuell zwei- bis dreistellige Umsatzsteigerungen bei Haushalts- und Sportgeräten, sowie bei Spielekonsolen, Drucker, Wandfarben und Spielzeug. Sortimentsbereiche wie Mode und Schuhe schwächeln hingegen.

Erfreulich ist aber, dass wir ein deutlich gestiegenes Interesse seitens der Konsumentinnen und Konsumenten am regionalen Einkauf erleben. So hat sich etwa der Umsatz auf der heimischen eCommerce-Plattform shöpping.at seit dem Start der Corona-bedingten Schutzmaßnahmen der Bundesregierung mehr als vervierfacht. Auch auf unser Webshop-Verzeichnis eCommerce Austria (www.ecommerceaustria.at) haben wir in den letzten Tagen jeweils deutlich über 20.000 Zugriffe verzeichnet. Hier tut sich was.

Amazon & Co endlich in die Pflicht nehmen

Daher appellieren wir auch an alle österreichischen Konsumentinnen und Konsumenten: Gerade jetzt ist die Zeit, um möglichst regional einzukaufen. Kaufen Sie bei heimischen Onlineshops ein und nicht bei den großen Steuervermeidern aus Drittstaaten.

Gleichzeitig appellieren wir an die Politik, auch die eCommerce-Plattformen aus Drittstaaten endlich in die Pflicht zu nehmen. Am besten durch Einführung einer Plattformhaftung…

  • auf Produktfälschungen;
  • auf die Entrichtung der Mehrwertsteuer;
  • sowie auf die Entrichtung der Abfallentsorgungsgebühren.

Wer in Österreich Gewinne erwirtschaftet, sollte auch hierzulande in die Gesundheits- und Sozialtöpfe einzahlen. Nachdem die Bundesregierung jetzt fast täglich neue Verordnung erlässt, erwartet sich der österreichische Handel, dass dies im Sinne der Fairness auch endlich bei der Plattformhaftung passiert.

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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