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Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich

Hartwig Kirner (Fairtrade Österreich): „Wir sind keine Realisten, wir sind Optimisten und Visionäre!“

11.06.2018

Fairtrade Österreich hat nicht nur ein Umsatzplus zu feiern, sondern auch sein 25 jähriges Jubiläum. Hartwig Kirner, der langjähriger Geschäftsführer von Fairtrade Österreich, ist aber noch lange nicht dort wo er hin will.

Handelszeitung: Sie haben schon in vergangenen Interviews erwähnt, dass ihr Erfolgskonzept auf regelmäßigen Kampagnen und der ständigen Präsenz im Regal zurückzuführen ist. Bei Spar ist Fairtrade mittlerweile sehr stark vertreten. Wie steht es ihrer Meinung nach in den anderen Handelsketten? Gibt es vielleicht noch Punkte, wo sie sich hinsichtlich Sortiment oder Vermarktung, noch mehr Unterstützung wünschen würden?

Hartwig Kirner: Nicht nur bei Spar, auch bei Rewe, Lidl und Hofer gibt es mittlerweile ein großes Fairtrade-Sortiment. Was Produkte betrifft, gibt es natürlich noch das eine oder andere, das wir uns wünschen würden. Aber unterm Schnitt gesehen kann man mit der Vorwärtsentwicklung, die sich in den letzten Jahren gerade im LEH entwickelt hat, wirklich zufrieden sein. Die Zusammenarbeit läuft eigentlich mit allen Handelsketten super. Gerade der LEH hat eine Vorreiterrolle was das Thema Nachhaltigkeit betrifft. Es ist natürlich immer schwierig einem professionellen Handelsunternehmen zu erklären, wie sie ihren Job machen sollen. Aber die Händler sind hier wirklich professionell und kommunizieren Fairtrade gut, auch wenn sie aus gutem Grund die eigene Marke in den Vordergrund rücken. Trotzdem fällt mir momentan eigentlich wirklich nichts ein, was wir unbedingt bräuchten. Also es läuft derzeit echt gut, auch im Eigenmarkenbereich.

Die Liste Ihrer Partner ist bereits unglaublich lang. Mit dem Gewinn welches Partners haben sie sich das erste Mal gedacht „Jetzt bewegen wir wirklich etwas“.

Hartwig Kirner: Das ist eigentlich schon vor meiner Zeit, sicherlich mit der Einführung der Banane, passiert. Ein bis zwei Jahre bevor ich zum Unternehmen gekommen bin, hat die Fairtrade-Banane größere Distribution bekommen und das war sicher ein Moment wo die Dynamik eingesetzt hat. Der Vorteil ist, dass man die Banane im Regal zwangsläufig sieht, da es nicht so viele Varianten davon gibt. Das hat dem Siegel mit Sicherheit geholfen.

Nachhaltiger Wandel braucht Zeit und auch in Interviews vor Kurzen haben sie gesagt, dass sie noch bei Weitem nicht dort sind, wo sie eigentlich sein wollen. Was ist denn ihr realistisches Ziel?

Hartwig Kirner: Wir sind keine Realisten, wir sind Optimisten und Visionäre! Das Ziel muss eigentlich sein, das es der Normalfall ist, wenn der Handel fair ist. Dass Bauern unter Bedingungen arbeiten, die ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Jetzt ist es umgekehrt, Fairtrade ist erst „so ein bisschen mehr als die Ausnahme“.

Im Jubiläumsfilm wird darauf eingegangen, dass der Erfolg schließlich und endlich auch an der Kunden-Entscheidung für den fairen Handel liegt? Glauben sie nicht doch, dass der höhere Preis der ihrer Produkte für viele Konsumenten noch ein Grund ist eher zu einem „unfairen“ Produkt zu greifen.

Hartwig Kirner: Ja, ich glaube das spielt leider noch immer eine Rolle. Der Handel hat auch viel dazu beigetragen die Menschen so zu erziehen. Wenn ich zurück schaue, hat die Generation meiner Oma durchschnittlich 40 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. Heute sind es durchschnittlich 10 Prozent. Das sind noch immer die alten Bilder die wir im Kopf haben, bei Lebensmitteln sparen zu müssen, aber es bringt nichts bei Lebensmitteln zu sparen. Hier muss ein Umdenken stattfinden, damit wir Lebensmitteln wieder einen Wert beimessen. Das ist meiner Meinung nach eine Fehlentwicklung.

Was muss passieren, dass das bei Kunden wirklich ankommt?

Hartwig Kirner: Es kommt langsam. Man spürt, dass gerade bei der jungen Generation ein Umdenken stattfindet. Lebensmittel haben wieder mehr Wert. Da passiert gerade viel, auch im Schokolade-Bereich. Vor ein paar Jahren haben noch Billig-Schokoladen dominiert, heute reden wir von zwei bis drei Euro für eine Tafel im Supermarkt. Eine erfreuliche Entwicklung, weil die Leute sagen, ich möchte eine ordentliche Schokolade essen und nicht nur das Billigste. Der Trend geht in die richtige Richtung.

Was sind ihre größten Herausforderungen und Hindernisse am Weg zum fairen Handel.

Hartwig Kirner: Einerseits sind natürlich die Entscheidungsstrukturen in großen Unternehmen behäbig. Oft wird nicht in Österreich entschieden. Das ist ein Thema, weil Österreich einer der stärksten Fairtrade-Märkte in Relation ist. Daher haben Unternehmen, die hierzulande tätig sind mehr Interesse als vielleicht in anderen Ländern, wie Italien, wo Fairtrade nicht ganz so stark ist. Aber wie wir das beheben können weiß ich leider noch nicht. Andererseits ist natürlich der Preisfetisch, den viele österreichische Konsumenten noch haben, ein Hindernis. Nicht nur für uns, sondern auch für den Lebensmittelhandel.

Welche Projekte gibt es im Fairtrade-Bereich?

Hartwig Kirner: Es gibt zahlreiche Initiativen, die Weltläden zum Beispiel. Es gibt mehr als 90 Weltläden in Österreich, die eigentlich 100 Prozent in Richtung fairen Handel gehen. Auch in Schulen (40 Fairtrade–Schulen z.B.: TGM) werden Schokoladen verkauft, oder Kinder verkaufen Fairtrade-Schokoladen. Ja, es gibt viele Initiativen und viele engagierte Menschen, die einfach versuchen wollen etwas voran zu bringen. Es gibt auch 180 Fairtrade-Gemeinden in Österreich, darunter Linz und Graz. Da passiert auch ganz viel, wo Menschen in einer Arbeitsgruppe tätig sein müssen und versuchen den fairen Handel im Rahmen dieser Gemeinden voran zu bringen. Ganz oft geht das auch mit lokaler Produktion und mit regionalen Produkten Hand in Hand.

Ihre Meinungsumfrage zum Fairtrade-Siegel hat gezeigt, dass Sie ein relativ hohes Konsumentenvertrauen genießen. Wie haben sie das erreicht?

Hartwig Kirner: Das war sicher indem wir versuchen möglichst transparent zu sein. Wir sind seit einigen Jahren dabei, auch die Problemfälle oder die Grenzen die der faire Handel hat aufzuzeigen. Ich glaube, dass diese Transparenz extrem wichtig für ein Siegel ist, anstatt etwas auszuloben, was vielleicht nicht machbar ist.

Autor/in:
Angela Flaggl
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