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High Noon in Zwettl

06.02.2017

Kann das mit 9000 m² projektierte innerstädtische Einkaufszentrum Kampcenter den Kaufkraftabfluss aus der 11.300 Einwohner-Stadt Zwettl zurück stauen, für Zufluss aus dem Umland sorgen und solcherart dauerhaft neue Arbeitsplätze in der Waldviertel-Metropole schaffen? Oder kommt es mit der Verwirklichung des Centers in der Zwettler Einzelhandelslandschaft zum Supergau, zur totalen Umsatz-Kannibalisierung in der Innenstadt, zum ruinösen Verdrängungswettbewerb zwischen den Geschäften in der City und jenen an der Peripherie?

Markant-Großhändler Christof Kastner ist der engagierte Sprecher der Projektgegner und Initiator der Bürgerinitiative „Zwettl 2020“

Seit Jahren rumort in der Gemeinde und in der Bürgerschaft der Konflikt über dieses Bauvorhaben, bei dem es um eine Investitionssumme in der Größenordnung von 30 bis 40 Millionen Euro, eine Ausweitung der EH-Verkaufsfläche im Stadtgebiet um rund 50% und um ein Umsatzvolumen von geschätzten 30 Mio. € geht. Nachdem das Land Niederösterreich im Jahr 2012 dem Projekt einen Riegel vorgeschoben hat, indem es die von der Stadt beantragte Umwidmung des Baugrundes von Grünland auf gewerblich nutzbares Bauland verweigerte, geht der Kampf zwischen Projektbefürwortern und Projektgegnern jetzt in die nächste Runde. Im März soll das gegenüber dem Erstentwurf verkleinerte Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt bei der darauf folgenden Gemeinderatssitzung behandelt werden.

Der mediale Countdown zum Zwettler Shoppingcenter-High-Noon-Event läuft auf Hochtouren. Emotionales Campaigning ist auf beiden Seiten angesagt. Die Befürworter, hinter denen ein Investor und Retailprojekt-Entwickler steht, der in Niederösterreich schon einige kleinere Zentren errichtete, schildern in PR-Berichten das Projekt in den schönsten Farben. Computergrafiken vermitteln den Eindruck moderner, zweitgemäßer Architektur. Markant-Großhändler Christof Kastner ist der engagierte, betriebswirtschaftlich sattelfeste und nicht zimperliche Sprecher der Projektgegner. Er ist auch Initiator einer Bürgerinitiative, die sich „Zwettl 2020“ nennt. Diese legt als Alternativprojekt die „Waldviertler Wunderwelt“ vor, einen auf Nachhaltigkeit und urbane Lebenskultur ausgelegten multifunktionalen Erlebnis- und Freizeitpark.

Aus der langen Liste der ökonomischen Argumente, die Kastners Initiative gegen das abgespeckte Kampcenter-Projekt ins Treffen führt, hat die HANDELSZEITUNG die triftigsten herausgefiltert. Nicht in der Absicht, sich zum Schiedsrichter im diesem Streit aufzuspielen, sondern mit dem Ziel, in die sachlichen Aspekte in den Vordergrund zu rücken. Da ist einmal die KANO-Studie aus dem Jahr 2013. Sie analysiert für Bezirksstädte wie Tulln, Waidhofer/Thaya, Bruck/Leitha oder Melk die Wechselwirkung zwischen innenstadtnahen und peripheren Einkaufszentren und die Auswirkungen dieses Kräftemessens auf die kleinen Geschäfte im Zentrum.

Man lernt daraus: Nur in seltenen Fällen (wie in Tulln) entstehen Synergien zwischen einem neuen City Center und dem traditionellen, kleinstrukturierten, innerstädtischem Fachhandel.. In den meisten anderen Fällen überwiegt die Kannibalisierung. Die Zahl der Betriebe in der Innenstadt schrumpft, wenn ein City-Center aufmacht, Die Kaufkraft-Bindung an die Stadt steigt kaum, die Quadratmeterleistung geht zurück und der Filialisierungsgrad steigt. Diese Gefahr besteht in hohem Maße auch beim Zwettler Citycenter-Projekt.

Wenn Merkur kommt...

Was der Kampf ums Kampcenter Zwettl deutlich macht: Ob ein Centerprojekt letzten Ende realisiert wird, hängt weniger von den vorgelegten Standortanalysen ab, als vielmehr von der Absicht großer Handelsketten, bestehende „weiße Flecken“ ihrer Marktabdeckung zu entfernen. Merkur ist in Zwettl noch nicht präsent und dm könnte durch die Verlegung seines Marktes in das neue Center in Verbindung mit einer Ausweitung der Verkaufsfläche Mitbewerber Müller davon abhalten, in der Kuenringerstadt Einzug zu halten. Sollte der Projektwerber diese beiden Trümpfe im Ärmel haben, dann erübrigt sich jede weitere Diskussion.

Wer die Überkapazitäten im heimischen Einzelhandel beklagt, sollte nicht vergessen: Ein Zuviel an Verkaufsfläche mit allen negativen Begleiterscheinungen wie Firmenpleiten und Handelsruinen entsteht immer dann, wenn die Pläne expansionswütiger Händler und renditesüchtiger Immobilienentwickler eine gemeinsame Schnittmenge ergeben. Kastner hat ausgerechnet: Damit sich die Investition für den Kamptal-Investor rechnet, müsste er 15 Jahre hindurch eine monatliche Quadrametermiete von 24,5 € lukrieren. Ob Merkur und dm auf einen solchen Deal einsteigen werden?

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger
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