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Bio-Pionier Werner Lampert

„Ich habe nie Ratschläge gebraucht“

02.02.2015

Er machte Bio zur Massenware und verkauft sie mittlerweile beim Discounter. Werner Lampert im Gespräch über seinen persönlichen Ursprung und moralische Grenzen in der Wirtschaft.

Das kleinbäuerliche Umfeld seiner Heimat Vorarlberg prägte Werner Lamperts Kindheit. Als junger Erwachsener fand er bei seiner eigenen Sinnsuche zur klassischen Anthroposophie eines Rudolf Steiner. Lampert, ein Vertreter der „Birkenstockfraktion“, wurde selbst Geschäftsmann und einer der Biopioniere Europas. Für Billa holte er Bio aus der Nische und kreierte mit „Ja! Natürlich“ eine Erfolgsmarke. Heute sitzt er in feinem Zwirn im Büro seiner 20 Mitarbeiter zählenden Beratungsfirma „Prüf nach!“ in mondäner Wiener Innenstadtlage. Sein Geschäftskonzept hat er in die Mitte des Marktes platziert. Unter der Marke „zurück zum Ursprung“ bringt er Biolebensmittel mittlerweile sogar in die Regale des Discounters Hofer. Seinen Wurzeln sei er aber trotzdem treu geblieben, sagt Lampert. Wir wollen es genau wissen, stellen das Aufnahmegerät an, bitten den Biopionier zum Interview. Lampert will schnell loslegen. Zeit ist Geld, auch in der Biobranche.

 

Herr Lampert, wann waren Sie das letzte Mal bei Hofer einkaufen?
Lampert: Ich bin natürlich ein Anhänger davon, auf dem Bauernmarkt einzukaufen. Aber ja, seitdem unsere Lebensmittel in den Regalen sind, gehe ich auch zu Hofer.

Wirklich?
Ich denke, wir sind die Ersten, die wirklich authentische regionale Produkte in diesem Bereich anbieten. Unsere Lebensmittel sind sicher die besten Lebensmittel, die es gibt.

Viele Hersteller von Bionahrungsmittel klagen aber, dass der Einzug von Bio beim Discounter die Grundidee verwässert, der guten Sache also schadet. Fühlen Sie sich angegriffen?

Ich kann die Kritik sehr gut nachvollziehen. Wenn man aufhört, inhaltliche Arbeit zu machen und nur auf die Vermarktung achtet, geht das in die falsche Richtung. Aber genau das ist der Grund, warum wir diese radikale Qualitätsarbeit machen – mit Hofer gemeinsam.

Wie kam es zur Kooperation mit Hofer?
Ich habe im Nachrichtenmagazin Spiegel gelesen, dass die Deutschen mehr Vertrauen in Aldi haben als in den Papst. Dass ich mit einem Unternehmen kooperiere, dem die Menschen vertrauen, finde ich authentisch und zielführend. Qualität hat immer mit dem Preis zu tun. Wenn relativ viel Geld in Infrastrukturkosten aufgeht, bleibt für das Produkt sehr wenig über. Bei Hofer ist das optimal, ich kann sonst nirgends bedingungslose Qualitätsarbeit machen. Wir zahlen den besten Milchpreis in ganz Österreich.

Was ist der Vorteil des Diskounters?
Er hat funktionierende Infrastrukturen, und er hat die Overheadkosten vollkommen im Griff. Letztlich fährt man mit ganz anderen Aufschlägen als die anderen. Das führt dazu, dass wir den Bauern mehr Geld geben können.

Das Geld der Leute wird knapper. Was können Sie für die Konsumenten und für die Landwirtschaft erreichen?
Bio ist für mich ein sozial- bzw. gesellschaftspolitischer Ansatz, den sich jeder Mensch in Österreich leisten können soll. Mein Ansatz ist Bio mit gelebter Regionalität und mit Nachhaltigkeit zu verbinden. Für uns ist es wichtig, dass das Geld entlang der Wertschöpfungskette in der Region bleibt. Mich widert es an, wenn die Samen in einem anderen Land gekauft werden, das Produkt aber als regional gilt. Das ist für mich Kundentäuschung und Etikettenschwindel. In 20 bis 30 Jahren steuern wir einer Versorgungsknappheit entgegen. Bio ist der einzige Weg, um Ernährungssouverenität zu bewerkstelligen.

Sie gelten als einer der Biopioniere Europas. Warum haben Sie diesen Weg eingeschlagen?
Mein Hintergrund war immer ein anthroposophischer. In meiner Jugend hatte ich den Wunsch, eine gute Welt zu schaffen. Ich habe nach einem sozialen Impuls gesucht und auch nach einer Form von Religiosität. Das ist bis heute noch so.

Eine bessere Welt wollten in den 1960er-Jahren viele schaffen. Wie hat die Anthroposophie Ihr Unternehmersein geprägt?
Ich habe ganz klare Vorstellung, was Landwirtschaft erbringen muss. Das heißt: wie sie betrieben werden muss, wie die Prozesse der Verarbeitung laufen. Oder mit welcher Haltung wir an dieses Thema herangehen. Ich denke, dass ich nach wie vor geleitet bin von den Impulsen von der Anthroposophie und ihrem Begründer Rudolf Steiner.

Wo liegt bei Ihnen die moralische Grenze, wenn es um Wirtschaftlichkeit geht?
Ich würde inhaltlich nie Kompromisse machen, um an einen höheren Umsatz zu kommen. Wenn man Unternehmen und Arbeit so aufbaut, wie wir es machen, kannst du nicht Wasser predigen und Wein saufen. Das geht nicht.

Immer mehr Unternehmen befassen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit und kommunizieren dies nach außen. Ist dieser Trend authentisch, oder sehen Sie darin die Gefahr von Greenwashing?
Wichtig ist, dass es diesen Trend gibt und dass sich mehr und mehr Unternehmer dem anschließen. Nachhaltigkeit ist unsere Lebensversicherung. Sie wird diese Gesellschaft im Positiven verändern. Ich denke, um zukunftsfähig zu sein, brauchen wir eine solidarische Gesellschaft. Wichtig sind zwei Dinge: Du musst das umsetzen, was du behauptest und wofür du einstehst. Auch die Mitarbeiter des Unternehms werden Nachhaltigkeit im sozialen und im Mitarbeiterbereich fordern. Die Zukunft wird die Wirtschaft gestalten und nicht die Politik.

Wie sieht die Entwicklung bei Ihnen im Unternehmen aus? Gibt es Themenfelder, auf die Sie sich mehr fokussieren als früher?
Ich war der Meinung, was wir an Lebensmitteln machen, ist sehr nachhaltig. Nachhaltigkeit hat aber neben der ökologischen auch die soziale und ökonomische Dimension. Da habe ich selbst einige andere Aspekte übersehen. Meine Mitarbeiter gaben einige wichtige Anstöße. Inzwischen haben wir auch in unserer Firma verschiedene Nachhaltigkeitsprogramme laufen, die das Zusammengehörigkeitsgefühl steigern.

Sie haben einmal gesagt, dass Billa-Gründer Karl Wlaschek am Anfang Ihrer Zusammenarbeit wohl dachte, Sie wären ein Spinner, und nicht verstand, was Sie wollen. Er hat Sie trotzdem „Ja! Natürlich“ machen lassen. War das rückblickend Ihr größter Glücksfall?

Die Zusammenarbeit mit Karl Wlaschek war sicher für meinen weiteren Erfolg wichtig.

Welche weiteren entscheidenden Personen hat es gegeben, die Sie dort hin gebracht haben, wo Sie gerade sind?
Ich habe nie Ratschläge gebraucht. Ich habe meine Einstellung, und diese kommt ganz aus der Anthroposophie. Das reicht.

Interview: Daniel Nutz und Stephan Strzyzowski

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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