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Im Handel ist die Globalisierung...

24.01.2017

… nicht aufzuhalten. Auch wenn die von Donald Trump losgetretene Protektionismuswelle möglicherweise die weltweiten Konsumgüterströme drosseln wird. Nicht einzubremsen ist jedenfalls der globale Vormarsch der neuen digitalen Marketingtools,  nicht einzubremsen ist der Boom innovativer Cross-Channel Retail-Konzepte, die sich dynamisch wachsender Shoppertypen, wie der Smartphone- „Mobis“ gezielt annehmen.

Daher ist in wirtschaftspolitisch so bewegten Zeiten wie diesen, der Blick über den eigenen Gartenzaun dringend geboten. Eine gute Gelegenheit, das Wissen über die topaktuellen  globalen Entwicklungen im FMCG Handel  zu erweitern und zu vertiefen, bietet der jüngst von Deloitte vorgelegte Report „Global Powers of Retailing 2017“. Natürlich erfüllt uns die Spitzenmeldung, wonach „unsere“ Spar zu den hundert umsatzstärksten Retailern der Welt zählt und in diesem Ranking den ehrenvollen Rang 97 belegt, mit patriotischer Begeisterung. Diese wird ein wenig gedämpft, wenn  wir den Blick auf die beiden Platzhirsche unseres eidgenössischen Nachbarn werfen, die mit den Rängen 41 (Migros) und 45 (Coop) wesentlich mehr  Umsatzpower auf die Waage bringen. Noch profundere Erkenntnisse gewinnt, wer das Zahlengebirge  dieses Reports nach Ertragsdaten sorgfältig durchforscht. Hier einige Schätze, die unser Data Mining zutage förderte:

Eine wahre Fundgrube sind die Renditen der zehn umsatzstärksten börsennotierten Handelsriesen (Stand 2015). Der Report liefert dazu zwei Kennzahlen, nämlich die Umsatzrendite (net profit margin) und die Kapitalrendite (return on assets). Letztgenannte hat starken Einfluss auf den Börsenkurs, als Messzahl für den shareholder value bei den Finanzinvestoren und die Bonität des Unternehmens bei den Kreditbanken. Unter den Top Ten-Händlern hält Home Depot mit der Kapitalrendite  mit 7,6% den Rekord, gefolgt von Big Box-Urgestein Wal-Mart (3,5%) und  Walgreen Boots (2,7%), dem weltweit größten Apotheken- und Drugstore-Filialisten. Auch bei der Umsatzrendite belegt die US-Möbel- Fachmarktkette, die bereits in Europa Fuß gefasst hat und die Benchmarks für unseren XXX Lutz setzt,  mit 7,9%  die Spitzenposition. Es folgen Wal-Mart (3,1%) und Walgreen (4,1%).

Wie geht’s den Europäern?

Deutlich abgeschlagen folgen die Europäer, wobei anzumerken ist, das die beiden Diskont-Giganten und nicht börsennotierten Familienunternehmen  Lidl (zusammen mit Kaufland als Schwarz-Gruppe beim Umsatz auf Rang 4!) und Aldi (auf Rang 8), keine Ertragszahlen bekannt zu geben brauchen.  Von den europäischen Handelsriesen hat zurzeit Carrefour seinen Aktionären die besten Erträge zu bieten. Die Kapitalrendite lag  2015 bei 1,8%,  die Umsatzrendite bei 1,4%. Metro, beim Umsatz von Rang  acht (2014) auf Rang 13 (2015) abgerutscht,  musste sich  2014 mit einer Kapitalverzinsung von  0,6% und einer net profit margin von 0,3% begnügen. Kein Wunder, dass der weit verzweigte Haniel-Clan als Hauptaktionär das  Metro Management seit Jahren gewaltig unter Druck setzt.

Noch schlechter ist es um den krisengeschüttelten, einst so ertragsstarken Tesco-Konzern bestellt, der 2014 heftige Umsatzeinbußen hinnehmen musste, daher dicke Verluste schrieb und  2015 mit einer Umsatzrendite von 0,6% gerade noch den betriebswirtschaftlichen Turnaround schaffte. Die Börse hat das Ertragsdebakel der Briten hart abgestraft. Im Herbst 2014 hat US-Finanzinvestor Warren Buffet, bis dahin größter Tesco-Einzelaktionär, sein Tesco-Aktienpaket verkauft. Der Vertrauensverlust bei der Finanzwelt führte dazu, dass Tesco von Deloitte auch 2015 mit einer negativen Kapitalrendite  (-9,3%) ausgewiesen wird.

Online Händler mit hoher Q-Ratio

Ein weiterer hochinteressanter  Rentabilitäts- und Bonitäts-Indikator ist die Q-Ratio, das Verhältnis von Marktkapitalisierung und Sachanlagevermögen. Eine hohe Q-Ratio lässt auf ein schlankes, reaktionsschnelles Unternehmen schließen, bei dem sich das investierte Kapital rasch umschlägt, das Risiko einer Fehlentwicklung sich solcherart reduziert, was dem Investor eine sichere und hohe Rendite verspricht. Es überrascht nicht, dass der Luxusgüter-Konzern  Hermès  im Jahr 2014 (Daten aus 2015 liegen im Deloitte Report 2017 nicht vor) das Q-Ratio-Ranking mit einem Wert von 6,42 anführt und dass sich unter den Top Ten die Textil-Verticals H&M (5,81) und Inditex (5,79), der Online Riese Amazon (5,3) und der Direktvermarkter Nike (4,95) befindet. Einmal mehr bestätigt sich hier das alte Händler-Sprichwort, wonach nicht die Großen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen fressen.

Auffallend sind die Unterschiede der Q-Ratios nach einzelnen Retail-Branchen. Ganz oben rangieren die etablierten Online-Händler - in der Studie treffend  als „Non-Store“ bezeichnet - mit einem Durchschnittswert von 4,11. Kein Zweifel, der virtuelle Clicks-Laden kommt im Betrieb billiger als der reale Bricks-Laden.  Es folgen die Textil- und Schuhhändler mit einer durchschnittlichen Q-Ratio von 3,36. Häufiger Kollektionenwechsel, hoher Kapitalumschlag und  hohe Renditen bilden ein magisches Erfolgsdreieck. Erlahmt das glückliche Trendsetter-Händchen bei der Sortimentsgestaltung, kann es rasch bergab gehen. Die Lagerbestände an unverkäuflicher Ware steigen  rapid, hohe Preisabschläge zertrümmern die Spanne und das Vertrauen der Kunden in die Modemacher-Kompetenz,  die Negativspirale nimmt Fahrt auf. Im  März 2016  machte sogar der erfolgsverwöhnte H&M-Konzern mit diesem Alptraum aller Textilianer Bekanntschaft. Der Aktienkurs begann zu bröckeln, das „Manager Magazin“  nahm bereits das Wort „Krise“ in den Mund. Wurde aber von manchen Textil-Fachjournalen für diese Vorverurteilung gescholten. In welchen Redaktionsstuben sitzen nun die Besserwisser? Ein interessanter Nebenaspekt.

Das Mittelfeld  bei den  Q-Ratios belegen Discounter (1,61), Cash&Carry-Händler (1,12) und Convenience Store-Ketten (1,10). Schwächer ist die durchschnittliche Ertragslage bei den  Filialisten des Supermarkt – Sektors (0,85) . Das Schlusslicht bilden die Hypermärkte mit einer Q-Ratio von 0,08. Der Deloitte Report vermerkt dazu trocken: „Die Hypermarkt-Kategorie sieht sich in den letzten Jahren kompetitiven Herausforderungen gegenüber, einerseits durch die Diskontmärkte, andererseits durch die Online-Händler. In diesem Format ist die Differenzierung schwierig und der Preiskampf mit den Diskontern brutal.“ 

Womit wir nach diesem Rundflug über die globale Handelslandschaft wieder in Wien-Schwechat gelandet sind.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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