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Integration statt Ausgrenzung

13.11.2009
ECR

Beim ECR-Kongress am 11. November 2009 in Wien stand das Thema "Sozialmärkte" auf der Tagesordnung. Unter dem Motto "Verwerten statt Entsorgen" sollen nicht mehr verkaufsfähige, falsch etikettierte und fast abgelaufene Produkte (pro Jahr sind das bis zu 166.000 Tonnen Lebensmittel und große Mengen an Non-Food-Artikeln) bedürftigen Menschen zukommen. Zunächst soll die ECR-Arbeitsgruppe "Soziale Nachhaltigkeit" bereits bestehende Systeme analysieren und in der Folge Optimierungsstrategien erarbeiten.

"ECR - Efficient Consumer Response - ist eine Initiative von Handel, Industrie und Logistikunternehmen zur effizienten Gestaltung der Wertschöpfungskette mit Fokus auf den Verbrauchernutzen." Das ist sozusagen die Präambel der im Mai 1996 gegründeten ECR-Österreich-Initiative. Als man dies damals so formulierte, wurde niemand ausgeschlossen - als Verbraucher galten und gelten schließlich alle rund 8 Millionen Österreicherinnen und Österreicher, vom Baby bis zur Urgroßmutter. Allerdings: Während die Lebensmittelbranche (wie alle anderen Branchen auch) schon immer zwischen den verschiedenen Zielgruppen zu unterscheiden wusste und jede einzelne immer exakter fokussieren konnte, wurde eine außer Acht gelassen - nämlich jene, der aufgrund fehlender Kaufkraft keine Bedeutung als umwerbenswerte Konsumenten zukam.
Weil aber in der Stadt mit der angeblich weltweit höchsten Lebensqualität (das ist Wien; siehe Mercer Studie 2009) Obdachlose und Bettler zum gewohnten Straßenbild gehören und die Anzahl der an oder unter der Armutsgrenze lebenden Menschen (mit einem Einkommen von monatlich weniger als 900 Euro) österreichweit etwa eine Million erreicht hat, macht sich langsam ein Umdenken breit.

Wirtschaft entdeckt soziale Ader

Zahlreiche Unternehmen haben mittlerweile ihre soziale Ader entdeckt, neudeutsch wird das Corporate Social Responsibility (CSR) genannt. Neben Interessenvertretungen und anderen Institutionen unterstützen bereits viele privatwirtschaftliche Unternehmen soziale Einrichtungen mit Geld- und/oder Warenspenden. Und jetzt widmet sich auch ECR Austria diesem Thema. Vorige Woche hat die ECR-Arbeitsgruppe "Soziale Nachhaltigkeit" ihre konstituierende Sitzung einberufen. Mit an Bord: Vertreter von Handel, Industrie, Logistik, Abfallwirtschaft, karitativen Organisationen und Sozialmärkten sowie Wissenschafter.

ECR sieht Koordinationsbedarf

Unter dem Motto "Verwerten statt Entsorgen" sollen nicht mehr verkaufsfähige, falsch etikettierte und fast abgelaufene Produkte (pro Jahr sind das bis zu 166.000 Tonnen Lebensmittel und große Mengen an Non-Food-Artikeln) bedürftigen Menschen zukommen.
Zunächst soll die ECR-Arbeitsgruppe bereits bestehende Systeme analysieren und in der Folge Optimierungsstrategien erarbeiten. Beim ECR-Tag am 11. 11. 2009 in Wien stand dieses Thema auf der Tagesordnung.
ECR-Austria-Manager Dr. Nikolaus Hartig ortet einen "großen Informationsbedarf in der Branche". Es gebe viele offene Fragen: Wer sind die Ansprechpartner? Wohin kann ich liefern? Wer übernimmt die Produkthaftung?
Die Antworten darauf und viele andere Informationen soll die ECR-Arbeitsgruppe "Soziale Nachhaltigkeit" nun zusammentragen und schließlich eine "Best Practise"-Empfehlung für die Zusammenarbeit mit den Sozialmärkten erstellen.

Aufklärungsarbeit ist wichtig

In Österreich entstand der erste Sozialmarkt 1999, innerhalb der vergangenen zehn Jahre ist diese Zahl auf über 40 Sozialmärkte angestiegen, die sich in allen Bundesländern, außer dem Burgenland und Vorarlberg, etabliert haben. Die Märkte sind aus regionalen Einzelinitiativen entstanden und haben sich zum Teil zusammengeschlossen (z. B. SOMA-Märkte, Vinzi-Märkte), um Synergien im Bereich des Angebots oder der Logistik zu nützen. Bis dato gibt es in Österreich jedoch keinen zentralen Dachverband, der alle Aktivitäten mit Herstellern, dem Handel oder unter den Sozialmärkten koordiniert.
Gerhard Lassnig, Geschäftsführer beim Top-Team Zentraleinkauf (Pfeiffer Holding) und Obmann von SOMA Linz: "Durch die ECR-Initiative erwarte ich mir mehr Verständnis darüber, was SOMA ist und dass wir von Industrie und Handel als Problemlöser gesehen werden und nicht als Spendenempfänger."

WU-Studien als Entscheidungshilfen

Beim jüngsten ECR-Tag in Wien referierte Dr. Christina Holweg, Universitätsassistentin an der Wirtschaftsuniversität Wien, über die Potenziale und Herausforderungen der Sozialmärkte. Sie berief sich dabei auf zwei Studien des Instituts für Handel & Marketing: Die Ergebnisse der Konsumentenstudie (524 Interviews im Herbst 2008) verdeutlichen, dass Sozialmärkte durchaus positiv gesehen werden. Aus Sicht der Konsumenten tragen Sozialmärkte zur Vermeidung von Abfall bei, sie werden nicht als falsche Vertriebsschiene für Marken angesehen bzw. als Image schädigend für die Marke. Sozialmärkte werden weiters nicht als Konkurrenz zum klassischen Lebensmittelhandel erachtet. Wichtig hingegen ist den Befragten, dass die soziale Treffsicherheit von Sozialmärkten gegeben ist, d. h. dass die darin einkaufenden Kunden auch wirklich sozial bedürftig sind.
Im Frühjahr 2009 wurden in Kooperation mit ECR Austria 20 Herstellerunternehmen befragt, die bereits Sozialmärkte unterstützt haben. Die Hersteller sehen die Kooperation mit Sozialmärkten als prinzipiell erfolgreich und planen weitgehend diese auch in Zukunft zu unterstützen. Eine Verbesserungsmöglichkeit wird in der Logistik gesehen, wichtig wäre die Koordination der einzelnen Märkte und die Abholung der Ware. Für Hersteller stellen Sozialmärkte außerdem eine Möglichkeit zur Abfallvermeidung dar (Einsparungen bei Entsorgungskosten). Eine Konkurrenz zum klassischen Lebensmittelhandel wird kaum wahrgenommen. Die soziale Treffsicherheit wird von Herstellern als gegeben erachtet.
Holweg warnt aber vor Trittbrettfahrern, etwa Sozialmärkten, die Waren zukaufen, zu Mitbewerbern des konventionellen Handels werden, und damit der SOMA-Idee zuwiderlaufen.

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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