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Interview

14.10.2004

Veit Schalle, Generalbevollmächtigter bei Rewe Austria, nimmt im Gespräch mit LK-Handelszeitung Stellung zu den Vorwürfen gegen Österreichs größten Lebensmittelhändler und spricht über Arbeitsbedingungen, den Wettbewerb und Zukunftsperspektiven.

Jahrelang hatte Rewe Austria gegenüber den Medien eine totale Informationssperre aufrecht erhalten. Die Vorfälle der jüngsten Vergangenheit, die massiven Anschuldigungen von Lieferanten, Mitarbeitern, der Bundeswettbewerbsbehörde, Arbeiterkammer und Gewerkschaft, und nicht zuletzt die negative Berichterstattung veranlassten Österreichs größtes Lebensmittelhandels-unternehmen nun aber doch zu einer Kursänderung in der Öffentlichkeitsarbeit. Veit Schalle, Generalbevollmächtigter bei Rewe Austria, gewährte LK-Handelszeitung als erster Fachzeitung ein ausführliches Interview.

LK-Handelszeitung: Herr Generaldirektor Schalle, was hat Sie zur Kursänderung im Umgang mit den Medien bewogen?
Veit Schalle: Auch wir lernen immer dazu – aus den aktuellen Vorkommnissen haben wir gelernt, dass wir uns mehr mit Medien, Institutionen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auseinander setzen müssen.

In Ihrer Ansprache an die Führungskräfte haben Sie sehr offen zu den Problemen Stellung genommen. Glauben Sie, dass mit der „Task Force Arbeitsrecht“ die Thematik Arbeitsrecht im Handel langfristig für alle Seiten zufrieden stellend gelöst werden kann?
Unsere „Task Force Arbeitsrecht“ verfolgt primär das Ziel, alle Vorwürfe möglichst schnell und lückenlos aufzuklären. Dabei arbeiten unser Betriebsrat, die Personalabteilung und die Revision eng mit der Arbeiterkammer und der Gewerkschaft zusammen. Die Beteiligten treffen sich zweimal wöchentlich, in absehbarer Zeit werden uns die Ergebnisse vorliegen. Ich habe das Gefühl, dass sich die „Task Force Arbeitsrecht“ als hilfreiche Servicestelle für Mitarbeiter etablieren könnte.
Das Thema Arbeitsrecht im Handel allgemein betrifft jedoch die gesamte Branche, und hier sollten wir über die Rahmenbedingungen gemeinsam diskutieren und Lösungen finden.

Muss der Einzelhandel nicht grundsätzlich seine Verantwortung gegenüber den tausenden Mitarbeitern und deren Familien neu überdenken?
Wir sind uns der Verantwortung durchaus bewusst. Wir müssen aber vor allem auch unsere positiven Leistungen, die in diesem Bereich bei Rewe Austria bereits stattfinden, besser an die Öffentlichkeit transportieren.

Wird es bei Rewe Austria „Corporate Governance“-Regeln geben und wie sehen die aus?
Corporate Governance ist ein Projekt, das derzeit von Rewe allgemein diskutiert wird.

Stichwort Lieferanten: Die Bundeswettbewerbsbehörde verfolgt einen harten Kurs. Rechnen Sie mit einer Anklage vor dem Kartellgericht?
Es werden hier Anschuldigungen in die Welt gesetzt, ohne einen konkreten Fall anzusprechen. Fakt ist, dass uns bis dato kein einziger Fall von der Bundeswettbewerbsbehörde vorgelegt wurde.
Es gibt auch noch keine Einladung von der Bundeswettbewerbsbehörde, um überhaupt zu den Vorwürfen Stellung nehmen zu können.

Rewe sieht in Deutschland die Notwendigkeit, bessere Einkaufskonditionen zu verlangen, um im Wettbewerb mit dem Discount mithalten zu können. Ist diese Situation auf Rewe Austria übertragbar?
Der Wettbewerb im Handel wird sich in nächster Zeit – auch in Österreich – sicherlich noch verstärken. 2004 war erst der Anfang, für 2005 erwarte ich einen verschärften Preiskampf.

Bleiben im täglichen Kampf um die Preisführerschaft nicht Qualität und Service auf der Strecke?
Der Kunde ist bei uns König. Wir verstehen das als echten Auftrag. In unseren Augen hat jeder Kunde das Recht, leistbare Qualität zu erwerben. Der Kunde findet bei uns Service und die besten Angebote am Markt, wie das unserer Stellung als Marktführer entspricht.

Kann Kundenservice mit der derzeitigen Beschäftigungssituation – viele geringfügig Beschäftigte, hohe Personalfluktuation – überhaupt gewährleistet werden?
Dazu ist Folgendes klarzustellen: Die kolportierten Zahlen über die Personalfluktuation in unserer Gruppe sind falsch. Wenn wir uns den gesamten Konzern anschauen, so haben wir eine Fluktuation von 29 Prozent – das liegt unter dem Branchenschnitt. Bei Filialleitern – und das ist ein wesentlicher Punkt – liegt die Fluktuation bei unter 10 Prozent.

Der LEH-Monitor des Fessel-Instituts weist für Billa sinkende Imagewerte aus. Worauf führen Sie das zurück?
Man sollte das nicht überbewerten. Dieses Ergebnis wurde von namhaften Experten in Frage gestellt und das Fessel-Institut hat zugesagt, das noch einmal zu prüfen. Fakt ist, dass sich Billa 2004 über einen weiteren Kundenzuwachs und einen neuen Umsatzrekord freuen kann.

Rewe Austria hat eine Reihe erfolgreicher Eigenmarken. Wie hoch ist derzeit der Eigenmarkenanteil am Gesamtumsatz und wie sieht diesbezüglich die mittelfristige Zielvorstellung aus?
Derzeit liegt der Anteil der Eigenmarken bei Rewe Austria bei über 16 Prozent. „Ja! Natürlich“ ist die wichtigste Eigenmarke und Frequenzbringer für´s Geschäft, weil bereits jeder dritte Kunde wegen „Ja!Natürlich“ bei Billa einkauft.
Was unsere Ziele betrifft, so orientieren wir uns an westeuropäischen Märkten wie Großbitannien oder Belgien, wo der Eigennmarkenanteil bereits zwischen 40 und 50 Prozent liegt.

Wie beurteilen Sie die Ertragssituation im heimischen Lebensmitteleinzelhandel?
Für die Erträge ist schon jedes Unternehmen selbst verantwortlich. Bei uns liegen sie jedenfalls im grünen Bereich.

Ist es für Rewe Austria vorstellbar, wie bei Rewe in Deutschland, eine Schiene für selbständige Kaufleute zu installieren?
Wir sind mit unserem Marktmanager-Modell sozusagen in der Vorstufe zur Selbstständigkeit. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es auch einmal selbstständige Rewe-Austria-Kaufleute geben wird.

Sind in Österreich weitere Beteiligungsmodelle wie jenes an Sutterlüty vorstellbar?
Die Kooperation mit Sutterlüty läuft ausgezeichnet, für weitere Kooperationen dieser Art ist Rewe Austria offen.

Ist eine Aufstockung der Rewe-Austria-Anteile an Sutterlüty vorstellbar? Werden die Sutterlüty-Ergebnisse in die Rewe-Austria-Bilanzen integriert? Wenn ja, in welcher Form?
Eine Aufstockung der Anteile steht nicht zur Diskussion. Die Sutterlüty-Umsätze werden gemäß unsers Beteiligungsprozentsatzes den Rewe-Austria-Umsätzen zugerechnet – also 24,9 Prozent vom Sutterlüty-Umsatz.

Warum steigt Rewe Austria als größter Marktteilnehmer am Lebensmittelhandel nicht vermehrt ins Einkaufszentrengeschäft ein?
Wir betreiben aus rein geschichtlicher Entwicklung zwei Einkaufszentren: Die Merkur City in Wiener Neustadt und in Bad Vöslau. Derzeit sind keine weiteren geplant, das ist nicht unser Kerngeschäft. Wir forcieren die eigenen Filialen, denn wir sind Lebensmittelhändler – das können wir und dabei bleiben wir.
Welche Position vertreten Sie in der Öffnungszeiten-Debatte?
Das ist ein zentrales Thema und hier ist vor allem die Politik gefordert. Wir wünschen uns Öffnungszeiten von 7 Uhr früh bis 8 Uhr abends, das heißt Ausweitung von derzeit 66 auf mindestens 72- bzw. 78-Stundenwoche. Der Sonntag ist derzeit bei uns noch kein Thema. Aber sollte es einmal in diese Richtung gehen, wäre das schon ein großer Schritt. In Grenzregionen spüren wir es schon – wenn am Sonntag auf einem Kundenparkplatz in Ungarn 50 Österreichische Autos stehen.

Betreibt Rewe Austria ECR-Projekte mit Industriepartnern?
Wir bauen das aus. ECR-Projekte laufen mit Master Foods, Procter&Gamble und ganz aktuell mit Johnson&Johnson.

Was ist mittelfristig das vorrangigste Ziel für Rewe Austria?
Der weitere Ausbau von Rewe Austria als zentraler, innovativer Player der heimischen Handelslandschaft.

Werden Sie ihren Vertrag als Rewe-Austria-Generalbevollmächtigter verlängern? Wenn nicht, glauben Sie, dass es zu einer österreichischen oder deutschen Lösung kommen wird?
Mein Vertrag geht bis Ende 2005 und was danach kommt, steht derzeit noch nicht zur Debatte. Generell gilt, dass es für Rewe Austria eine optimale Lösung im Sinne des Unternehmens geben wird.

Was würden Sie in Ihrer Funktion als Rewe-Austria-Generalbevollmächtigter als Ihren größten Erfolg bezeichnen?
Dazu möchte ich einige Meilensteine nennen: 1990 wurde Billa die Nummer 1 im österreichischen Lebensmittelhandel und löste den Konsum ab; die Bauernhof-Garantie als Grundlage für vieles andere, zum Beispiel für das AMA Gütesiegel; die Gründung der wichtigsten Biomarke Österreichs „Ja! Natürlich“.

Danke für das Gespräch! - Interview: Max Pohl

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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