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Isst du noch oder ernährst du dich schon?

21.03.2017

„Die Formel für ein gesundes Leben“ verrät uns der „Spiegel“  in seiner  dieswöchigen  Ausgabe. Der Untertitel auf Seite 1 gibt sich noch sachlich nüchtern: “Wissenschaft. Besser essen, einfach  essen“. Aber schon das Inhaltsverzeichnis auf Seite 5 lässt die polemische Katze aus dem Sack: “Gesundheit. Wie wir uns einfach gesund ernähren können – und warum uns die Lebensmittellindustrie daran hindert“.

Was dann im  Blattinneren folgt, ist wieder einmal ein Rundumschlag gegen industriell hergestellte Lebensmittel, und jene, die dieses anscheinend so ungesunde Zeug in die Welt setzten. Aufhänger der Pauschalschelte ist diesmal der  Begriff „ultraverarbeitete Nahrung“. Man muss sich die Definition auf der Zunge zergehen lassen: „Je nach dem Grad der Manipulation lassen sich Nahrungsmittel in vier Gruppen einteilen. Während zur ersten Gruppe gering oder gar nicht verarbeitete Nahrungsmittel gehören, finden sich in der Gruppe vier ausschließlich industriell hergestellte Nahrungsmittelprodukte aus mindestens fünf, oft aber sehr vielen verschiedenen Inhaltsstoffen“. Die folgenden Sätze des „Spiegel-Artikels sind geeignet, die  CEOs von Nestlé und Unilever, von Landena und Spitz in Panik zu versetzen:“ Es fällt schwer, bei diesen Erzeugnissen noch von Lebensmitteln zu sprechen.  In Wahrheit handelt es sich um Stoffkombinationen, die aus chemischen Verbindungen zusammengesetzt werden. Für solche Hervorbringungen haben Fachleute den  Begriff „ultraverarbeitete Nahrung“ geprägt.“ Auch der Begriff „Astronautennahrung“ fällt in diesem Zusammenhang.

Was dann folgt, ist die Killerformel schlechthin: “Eine ultraverarbeitete Nahrungsportion enthält 100 Prozent mehr Zucker sowie deutlich mehr Fett und Salz, als eine Mahlzeit aus echten und gering verarbeiteten Lebensmitteln. Ultraverarbeitete Nahrung ist kein echtes Essen; sie wird hergestellt, um echte Lebensmittel zu ersetzen“.  Die „Spiegel“-Thesen gegen die Lebensmittelindustrie, sie erinnern in ihrer Radikalität an Luthers Thesenanschlag gegen die  katholische Kirche vor 500 Jahren. Und an die „make it simple“-Denke des gegenwärtigen Präsidenten der USA. Wie reagiert die Branche auf diese rüde Attacke?

Ich habe im Herbst vergangenen Jahres den scheidenden Nestlé Beiratsvorsitzenden Peter Brabeck Letmathe dazu befragt. Er meinte damals, es sei völlig falsch, sich auf einen emotional- polemischen Schlagabtausch mit Medien einzulassen, die auf Skandalisierung abzielen. Sachlichkeit bleibe oberstes Gebot für die Verantwortlichen von Markenartikelkonzernen, speziell in der Food-Branche. Ich bin mir nicht sicher, ob vornehme Zurückhaltung die angemessene Antwort auf diese undifferenzierten Angriffe ist. Sie könnte auch als Schmähstadigkeit, mehr noch, als Schuldeingeständnis ausgelegt werden.

Würden unsere  Supermarktketten  die  neuen „Spiegel“-Ernährungsformel  konsequent umsetzen, sie müssten  mehr als die Hälfte ihrer Trockensortimentsartikel aber auch viele Backwaren , Wurstsorten, Milchmischgetränke, Tiefkühl- und Frischconvenience-Produkte  aus den Regalen entfernen, von  Limos und Süßwaren ganz zu schweigen. Aber davon kann natürlich keine Rede sein. Denn mit einem solchen Radikalschnitt würden sie vielleicht zehn  Prozent ihrer Kunden, nämlich den harten Kern der LOHAS-Shopper, begeistern, aber die restlichen 90% aus ihren Geschäften verjagen.

Nein, unser Lebensmittelhandel verfolgt in der großen Auseinandersetzung um die Frage: „Isst du noch oder ernährst du dich schon?“  eine sehr pragmatische, äußerst raffinierte  Doppelstrategie (übrigens, man beachte die Ambivalenz, die im Begriff „raffiniert“  steckt).

Die jüngste Ausgabe der  Spar-Kundenzeitschrift „Mahlzeit“ - ebenso könnte man Merkurs „Friends“-Journal  als Beispiel anführen – liefert den besten Beweis dafür. Im redaktionellen Teil  wird der „Spiegel“-Doktrin von der gesunden Ernährung  und den  natürlichen Lebensmitteln, die diese garantieren, auf heftigste Weise gehuldigt. Die ernährungsbewusste Leserin erfährt, dass die Spar Natur*pur Bio-Dinkelbiskotten um 30 Prozent weniger Zucker enthalten, lässt sich von „schlanken Rezepten für  Low-Carb-Gerichte“  inspirieren und erfährt von der  jüngsten Pionierleistung niederösterreichischer Landwirte, die erstmals schwarzen Bio-Amaranth anbauen. Alles ganz nett, aber nicht besonders umsatzrelevant. Die Marken der Lebensmittelindustrie kommen in dieser Ernährungsfibel nicht vor, dafür dürfen sie die Spar „Mahlzeit“ mit ihren Inseraten würzen. Nestlé Cini Knuspermüsli, Oetker Vitalis  Knusper-Pop-Müsli, Philadelphia Luftig  & Lecker,  Milka Schokotaler & Vanillejoghurt  etc. Der Verdacht drängt sich auf, dass es sich dabei exakt um Produkte jener Kategorien handelt, die auf der Food-Watch-List der Ernährungs-Beckmesser stehen

Für die Food-Markenartikler wächst sich diese, von den Medien herbeigeschriebene  Polar­isierung zwischen „gesund –naturnahen“ und „ungesund-ultraver­arbeiteten“  Lebensmitteln zu einer Megaherausforderung aus. Wenn der Handel mit seinen Premium-Eigenmarken exzessiv auf der Welle der gesunden Ernährung surft und die Lebensmittelindustrie im öffentlichen Ernährungsdisput zur „nicht-Lebensmittel-Industrie“ degradiert wird, herrscht für die Hersteller Feuer am Dach. Pauschal-Verdächtigungen  abzuwehren, die  Formel „natürlich ist gleich gesund, verarbeitet ist gleich ungesund“ sachlich zu hinterfragen, Marken zu entwickeln, die eine glaubwürdige Antwort auf Reizthemen wie „Zucker“ und „Fett“ anbieten, all das und vieles mehr ist ein Gebot der Stunde. Denn jetzt steht das Vertrauen in die Kompetenzführerschaft der industriellen Food-Marken in Fragen der Ernährung und der Nachhaltigkeit auf der Kippe. Mit kessen Werbesprüchen á la „Red Bull verleiht Flügel“ ist es da nicht mehr getan. Und der Handel tut gut daran, seinen wichtigsten Geschäftspartnern und Ertragslieferanten in dieser heiklen Debatte nicht in den Rücken zu fallen, sondern Augenmaß und Fairness zu bewahren.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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