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Kanzler Kurz lud Lebensmittelhändler und Bauern zum Regionalitätsgipfel. Was kam heraus?

19.05.2020

Wie kann Österreichs Lebensmittelhandel unseren Bauern beim Restart tatkräftig zur Seite stehen? Darum ging es vergangene Woche beim Gipfelgespräch zwischen Bundesregierung, Lebensmittelhändlern sowie Vertretern der Wirtschaftskammer, der Landwirtschaftskammer und des Handelsverbandes. Das Ministerinnen-Duo Köstinger/Gewessler soll unter dem Arbeititel „Österreich isst regional“ ein Programm erstellen.  

Einigkeit herrschte in der großen Runde über die Hauptstoßrichtung eines LH-Supports für unsere Lebensmittel-produzierende Landwirtschaft. LEH und Gastro-GH sollen den Inlandsabsatz regionaler heimischer Lebensmittel noch massiver als bisher forcieren. „Österreich isst regional“ lautet die Parole, die somit nicht nur die Einkäufe im LEH,  sondern auch den Außer-Haus-Konsum mit einschließt. Mehr Regionalität ist der Code der Regierung für die politische Absicht, durch eine Steigerung des Konsums von Lebensmitteln aus heimischer Agrarproduktion die durch den Corona-Shutdown verursachten Ausfälle der Landwirtschaft und der Verarbeiter beim Export und im Geschäft mit der Gastronomie nach Möglichkeit auszugleichen. Besonders betroffen vom Corona-Shutdown waren laut AMA die Frischfleisch-Lieferungen an die Gastronomie, denn knapp die Hälfte des Fleisches wird außer Haus konsumiert.

Stark vertreten: Der regionale Handel

Anders als beim seinerzeitigen Fairness-Pakt, waren beim Corona -Regionalitätsgipfel seitens des Handels neben den Chefs  bzw. Medienvertretern der Konzerne Rewe, Spar, Hofer, Lidl und Metro erstmals auch mittelständische Markant-Händler mit von der Partie. Gastro-Großhändler Christof Kastner, Nah & Frisch-Manager Hannes Wuchterl, Top Team Geschäftsführer Manuel Hofer (von Transgourmet nominiert) folgten persönlich der Einladung des Kanzlers, Gastro-Großhändler Lorenz Wedl nahm via Videokonferenz am Gipfel teil. Ebenso digital zugeschaltet waren Spar Präsident Gerhard Drexel, Rewe-Konzernsprecherin Ines Schurin sowie Peter Buchmüller in Dreifach-Funktion (Adeg Kaufmann in Salzburg und Grödig, scheidender Obmann der Sparte Handel in der WKÖ und neuer Präsident der WK Salzburg). Physisch anwesend waren seitens des Handels auch Handelsverband-Vizepräsident Frank Hensel, Metro Österreich-Geschäftsführer Xavier Plotitza,  Hofer-Geschäftsführer Horst Leitner und Simon Lindenthaler, Leiter der Lidl-Unternehmenskommunikation. Mit dabei auch Mario Pulker, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der WK NÖ sowie ein Vertreter der Bundesbeschaffungs GmbH (BBG)  Neben Kanzler Sebastian Kurz nahmen seitens der Regierung Viekanzler Werner Kogler sowie die Ministerinnen Elisabeth Köstinger, Margarete Schramböck und Leonore Gewessler am Meeting teil.

Viele Teilnehmer, wenig Ergebnisse

So repräsentativ der Teilnehmerkreis, so überschaubar der konkrete Output des Regionalgipfels. Die vielleicht wichtigste, weil wegweisende Maßnahme: Die Regierungsmitglieder Köstinger und Gewessler kamen überein, in ihren Ministerien unter dem Motto: Österreich isst regional  ein Programm zur Förderung  der Produktion und des Inlandsabsatzes heimischer Lebensmittel auszuarbeiten. Die türkis-grüne Regierung setzt damit ein Signal in Richtung Ausbau der ökosozialen Land- und Marktwirtschaft als Antwort auf die Corona-Herausforderungen.

Regionalität hat Luft nach oben in der Gemeinschaftsverpflegung

Bei der Umsetzung kommt es wesentlich darauf an, in welchen Bereichen der heimischen Lebensmittel-Wertschöpfungsketten „vom Hof zum Herd“  für heimische Agrarprodukte noch Absatz-Luft nach oben besteht. Eine sehr konstruktive Initiative steuerte Ministerin Köstinger bei: Sie gab bekannt, es sei das erklärte Ziel aller Ministerien und deren vor- und nachgelagerter Stellen, bis 2025 eine 100%ige regionale, saisonale, öffentliche Lebensmittel-Beschaffung zu installieren. Ein klarer Auftrag an die BBG, die staatliche Bundesbeschaffungs GmbH. In den Lieferketten für die Gemeinschaftsverpflegung kommt dem Gastro-Großhandel eine Schlüsselfunktion zu. Christof Kastner, aber auch Bauernvertreter  regten in diesem Zusammenhang an, dass bei den Ausschreibungen der BBAG nicht der Billigst- sondern der Bestanbieter zum Zuge kommen sollte. Da gehe es um ein Preis/Leistungsverhältnis, das auf höchste Qualitätsstandards in puncto Nachhaltigkeit, Regionalität und soziale Fairness setzt. 50 % Bioanteil in den Gemeinschaftsküchen, das wäre laut Kastner eine realistische Zielvorgabe.

Nicht nur die Gemeinschaftsverpflegung, auch die im Restart-Modus befindliche Gastronomie ist gefordert, beim Einkauf der Menükomponenten und –zutaten sich ein noch deutlicheres „Ja zu Öko-A“ abzuringen und dieses Commitment auch auf den Speisekarten  zu dokumentieren. Freilandei aus der Steiermark statt Käfig-Flüssigei vom Rande Europas, das tausende Transportkilometer hinter sich hat. Jede Menge Blaupausen dafür, wie man Nachhaltigkeits- & Herkunftsmarketing professionell umsetzt, findet die Wirte-Wirtschaft in Hülle und Fülle bei den Premium-Eigenmarken von Billa, Spar, Hofer, MPreis etc., aber auch bei den Private Labels der durchwegs öko-ambitionierten Gastro-Großhändler.

Heißes Eisen Regionalitätsbonus

Freilich muss man festhalten: Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie sind nur Nebenschauplätze im Ringen unserer Bauern um wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Katastrophe. Der Ruf der Bauernvertreter nach Mindestpreisen im Lebensmitteleinzelhandel, nach einem „Regionalitätsbonus“ und nach CO2-Zöllen für Lebensmittel-Importe aus dem EU-Ausland stand im Mittelpunkt des Hearings im Bundeskanzleramt. Nach Einschätzung der meisten Handelsrepräsentanten wurden in dieser zentralen Frage keine entscheidenden Fortschritte erzielt. Den Beweis einer freiwilligen Selbstverpflichtung hat der LH ja bei den Preisverhandlungen über Fleisch bereits erbracht. Wenn Regelungen, die Letztverbraucherpreise betreffend, verhandelt werden, müsse man auch die Konsumentenseite zu Wort kommen lassen, monierte Peter Buchmüller, denn schließlich lebe man in einer Marktwirtschaft, in der die Nachfrage das letzte Wort hat habe. Ohne Berücksichtigung der auf Spezialisierung und Arbeitsteilung beruhenden Agrarprodukte-Lieferketten zwischen den EU-Ländern sei ein Alleingang Österreichs bei der Importbesteuerung ein Schuss ins eigene Export-Knie, warnen  Experten.

Dauerbrenner Herkunftskennzeichnung

Eher frustrierend verlief auch die Diskussion über verschärfte Herkunfts-Kennzeichnungs-Bestimmungen. In seiner Wortmeldung zeigte Spar Präsident Gerhard Drexel kein Verständnis dafür, dass Erdbeerjoghurt, aus österreichischem Joghurt hergestellt, nicht seine rotweißrote-Herkunft ausloben darf, wenn die qualitätsbestimmende Erdbeer-Komponente in diesem Milch- und Obstprodukt nicht in Österreich erzeugt wurde. Was unsere Agrarpolitiker oft übersehen: Damit der Konsument vor dem heimischen Supermarktregal zu Lebensmitteln regional-österreichischer Herkunft greift, bedarf es des Zusammenspiels von klarer Herkunftskennzeichnung (wie es die AMA mit ihren Siegeln tut) und vertrauter Herkunftsmarken, die glaubwürdig verdeutlichen, warum der im Vergleich zu importierten Billigartikeln höhere Preis durch geschmacklichen und ökosozialen Mehrwert gerechtfertigt ist. Wie jüngste GfK-Analysen zeigen, beweisen speziell die Bio- und Tierwohl-Handelsmarken, dass sie es verstehen, Regionalität (gesichert durch Vertragslandwirtschaft) und Öko-Mehrwert auf einen gemeinsamen, absatzfördernden Nenner zu bringen.

Herkunftskonnotierte Handelsmarken

Und es überrascht nicht, dass die Repräsentanten des Handels beim Regionalitätsgipfel am Ballhausplatz der Regierung Beweise ihres Engagements für  regionale Lebensmittel(marken)  vorlegten. Man braucht nur die Werbeaussagen der letzten Wochen Revue passieren zu lassen. Spar unterstreicht die Vorreiterrolle ihrer Fleischtochter Tann, die schon seit vielen Jahren  bei Frischfleisch zu 100% auf das AMA Gütesiegel setzt. 100% AMA-GS-Frischfleisch  gibt`s seit  kurzem auch bei Billa und bei Hofer. Die Rewe profiliert sich durch selbstauferlegte „Zurückhaltung“ bei den aktuellen  Konditionsverhandlungen mit den Molkereien. Der Handelsverband richtete die Dialogplattform Lebensmittel wertschätzen ein, als bundesweiten Schulterschluss zwischen Landwirtschaft, Industrie und Handel, um den überparteilichen Dialog zu intensivieren. Beispiel Bio: Im Bereich der Milchprodukte stammen Eigenmarken zu 95% aus österreichischer Produktion, bei den Backwaren liegt der Anteil bei 90%, bei Fleisch sind es rund 70%, bei Obst und Gemüse liegt der Lebensmittelhandel im Jahresschnitt bei rund 50 bzw. in den Sommermonaten bei über 75%.“

Im Online-Verkauf von Lebensmitteln, der langsam, aber sicher Fahrt aufnimmt, erschließt der heimische Handel den Bauern mit seinen Plattformen neue Absatzwege. Das Angebot reicht von Billas florierendem Click & Collect-Trial über die Internet-Shops der Interspar Weinwelt und des Fachhändlers Wein & Co bis zu Kastners my.product, spezialisiert auf den Internet-Verkauf  bäuerlicher und gewerblicher Regionalspezialitäten.

Regionalität ist Kernkompetenz des Mittelstandes

Ungeachtet der Wirtschaftspolitik in Corona-Zeiten gilt regionales Lebensmittel-Marketing schlichtweg als der existenzsichernde Heimvorteil einer mittelständischen KMU-Wirtschaft. Die Großbauern, die großen Schlachthöfe, die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, Großfilialisten wie Lidl oder Aldi und Fastfood-Ketten wie McDonalds, sie müssen vor allem das Massengeschäft  auf nationaler Ebene und auf dem EU-Binnenmarkt im Visier haben. Die kleinen Bio-Bauern, Gemüsegärtner und Winzer, das Lebensmittelgewerbe, Almkäsereien und  Gustino-Fleischer, regionale Großhändler, Dorfwirte und die Elite der selbstständigen (Feinkost-) Kaufleute, sie sind die glaubwürdigen Bannerträger gelebter Regionalität. Sie müssten sich enger zusammenschließen und von den Bundesländern und deren Kammern durch Strukturförder-Maßnahmen (wie z.B. das in NÖ erfolgreich praktizierte NAFES-Programm) unterstützt werden. Sutterlütys Ländle-Sortiment hat da Vorbildfunktion. Regionalität muss primär von regionalen Wertschöpfungsketten des Mittelstandes getragen sein. Gelebte Regionalität sichert die Artenvielfalt in der Lebensmittelwirtschaft und diese ist genau so wichtig wie die Artenvielfalt in Wald und Flur.   

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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