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Kölner Impressionen

04.04.2017

Zurückgekehrt von einer Stippvisite beim Rewe Hauptquartier in Köln, bin ich schwer beeindruckt von der Coolness, Unaufgeregtheit und Sachkompetenz, mit der unsere Nachbarn politische, wirtschaftliche und kulturelle Probleme angehen und pragmatisch lösen. Das Europa der Vielfalt und der Offenheit für Neues nimmt im deutschen Handel rasant Gestalt an.

Wir beginnen mit der hohen Politik. Der deutsch-französischen Freundschaft, die in Köln wie in  kaum einer anderen Stadt am Rhein präsent ist, kommt in Zeiten des Brexit und des grassierenden  Populismus-Virus elementare Bedeutung für den Fortbestand der EU und damit für das anhaltende Wohlergehen unseres Kontinents zu, dessen geographische Mitte  bekanntlich in unserem Ausseerland verortet wird. Die Exzesse der Kölner Sivesternacht  2015 bleiben gottlob ein Einzelereignis, die Betroffenheit sitzt tief, die Kölner und ihre Politiker haben die richtigen Lehren daraus gezogen. Die Messestadt am Rheinufer, einst Hochburg des Konrad Adenauer- und Heinrich Böll-Katholizismus, gibt sich heute auf relaxte Weise international. Das spürt man beim Gespräch mit dem Taxifahrer oder dem Limonadenverkäufer im Gartenrestaurant. Der umtriebige Eifer, mit dem heuer auf Kölner Karnevalsitzungen der Pegida-Gesinnung der Prozess gemacht wurde, stimmt zuversichtlich, dass Fremdenhass im Deutschland des 21. Jahrhunderts keinen Platz hat und multikulturelles Neben- und Miteinander immer öfter zur Selbstverständlichkeit wird.  Diese Hoffnung wird auch durch die wachsende Zahl türkischstämmiger Kabarettisten und Comedians gestützt, die beweisen, dass in deutschen Landen ein unverkrampftes Crossover morgen- und abendländischer Kulturen möglich ist. Gotthold Ephraim Lessing und seine Ringparabel im Gedankendrama „Nathan der Weise“ lassen grüssen.

Mit französischen Akzenten macht der Gast aus Öööstreich an diesem 28. März  2017 Bekanntschaft, wenn er die verwinkelte Domstraße in der Altstadt aufsucht und dort im Hauptquartier des Rewe Konzerns den blumigen Ausführungen des scheidenden CEO und den knappen Wortspenden seines Nachfolgers lauscht. Daran wird sich auch in den nächsten Monaten und Jahren nichts ändern, wenn Monsieur Lionel die Nachfolge von Monsieur Alain angetreten hat. Geradezu symbolhaft ist das Foto, das die FAZ tags darauf ihrem Bericht über die Hofübergabe beim Genossenschaftskonzern voranstellte. Es zeigt die Herren  Souque und Caparros im Chefbüro, dahinter die Ahnengalerie früherer Rewe-Chefs, in der Mitte das Bild von  Hans Reischl, wie er seinen beiden Nachfolgern gütig lächelnd über die Schultern blickt. Mon Dieu!

Eurelec und was dahinter steckt

Vielleicht war es doch etwas voreilig, dass sich die deutsche Rewe vor Jahren das englische Attribut „Group“ zugelegt hat. Aktuell ist jedenfalls die deutsch-französische Händlerallianz angesagt. In Brüssel etabliert sich vor einem Jahr  ein neues Einkaufskontor. Dessen, etwas gewöhnungsbedürftige Name Eurelec verrät, dass es sich dabei um einen Zusammenschluss der Handelsriesen Rewe und E. Leclerc handelt. Intensiver und  konkreter als in der breiter aufgestellten Coopernic-Gruppe, der neben Rewe und E. Leclerc auch Ahold-Delhaize (NL/B) und Coop Italia angehören, wollen Jan Kunath, der neue Vorstand für  Einkauf, Rewe International und  eCommerce und sein französischer Amtskollege mit führenden  Industriemultis über  Dach-Konditionen verhandeln und darüber hinaus auch europaweit gemeinsame Private Label Produzenten ausfindig machen. In der Industrie, insbesondere in den Verkaufsleitungen der  Multi-Landestöchter hält sich die Begeisterung über diese Brüsseler Initiative in sehr engen Grenzen. Andererseits: Eurelec ist ebenso wie Coopernic, Markant oder AMS die Händler-Antwort auf den europaweit einheitlichen Marketing- und Werbeauftritt globaler Herstellermarken. Einkaufs-Allianzen sind aber auch eine Abwehrmaßnahme der traditionellen, stationären Händler gegen die Online-Versender, die hurrikanartig die europäische Handelslandschaft heimsuchen, keine Landesgrenzen kennen und speziell im Gebrauchsgüter-Markenartikelgeschäft drauf und dran sind, eine „Digitalfahrt“ der Preisniveaus vom Zaun zu brechen.

Und so fiel in der Domstraße beim Frage-Antwortspiel zwischen Medienvertretern und Rewe-Bossen immer wieder der Name Amazon. Zumal Alain Caparros in den letzten Jahren für seine Rewe eine Pionierrolle bei der Eindämmung des Online-Giganten aus Seattle  beanspruchte. Insbesondere, was den Food-Bereich, also Amazon Fresh, betrifft, nach dem Motto „wehret den Anfängen!“  Mehr darüber in der aktuellen Print-Ausgabe der Handelszeitung.

Wie Michael Otto Jeff Bezos abblitzen ließ

Das Match „Rewe gegen Amazon“ beschäftigt  die Wirtschaftsredakteure der  deutschen Tageszeitungen. So wie Kollegen in den Sportredaktionen darüber spekulieren, ob der 1. FC Köln, gesponsert von der Rewe und trainiert vom Österreicher  Peter Stöger sich einen Platz in der Europaliga ergattert. Oder ob RB Leipzig, gesponsert von der  Brause „Rasenball“ (besser bekannt als Red Bull) kommende Saison in der Champions League reüssier wird. Zwar nicht bei den Lebensmitteln, aber in vielen anderen Warenkategorien ist Amazon bereits ein Big Player im Deutschen Handel. Wie der April-Ausgabe des „Manager Magazins“  zu entnehmen ist, setzte der Versandriese aus Seattle in Deutschland im vergangenen Jahr bereits 14,1 Milliarden $ um, das sind mehr als 10% des globalen Verkäufe in Höhe von 136 Milliarden $. Und mehr als die rund 12 Milliarden €, die der größte deutsche Versandhändler Otto 2016 schaffte. Pointe am Rande: Im  Jahr 1994, so berichtet MM, hängte ein gewisser Jeff Bezos seinen Job an der Wall Street an den Nagel, reiste nach Deutschland und wurde bei Michael Otto, dem Eigentümer des gleichnamigen Versandhandels-Unternehmens mit der Bitte vorstellig, er möge ihm einen Kredit von 100 Millionen  Dollar gewähren, den er für den Aufbau seiner Onlinehandelsfirma  benötige. Der deutsche Handelsherr erteilte damals dem jungen Amerikaner eine Absage, eine folgenreiche Fehlentscheidung.

Gibt’s außer der Rewe, der Anuga und der ISM weitere Highlights des Handels-Kulturaustausches zwischen dem Rheinland und Österreich?  Jede Menge! Da wäre das in Köln ansässig Europäische Handelsinstitut EHI zu nennen, auf dessen Datenschatz der Schreiber dieser Zeilen Woche für Woche zurückgreifen darf. Und davon besonders gerne Gebrauch macht, weil die aussagestarken EHI-Kennzahlen ein perfektes fachliches Korrektiv zu den von Eigenlob durchtränkten Jubelmeldungen darstellen, mit denen die PR-Abteilungen  mancher heimischer Handelszentralen aufwarten. Wir begeben uns von Köln über Düsseldorf (wo die Metro ihren Hauptsitz hat) nach Essen. Dort  wird fündig, wer erkunden will, welche Pläne die medienscheue Signa Holding des Tirolers René Benko zurzeit ausheckt. Denn in Essen residiert Stephan Fanderl, aus einer Edeka-Kaufmannsfamilie stammend, ehemals Rewe-Manager in Wiener Neudorf und Köln und jetzt Vorstandsvorsitzender der Karstadt-Warenhäuser, die am Ende einer langwierigen Insolvenz in Benkos Signa-Retail Imperium  eine neue wirtschaftliche Heimstatt fanden. Dieser Tage ließ die FAZ mit der Meldung aufhorchen, die Karstadt Häuser würden gerne rund 10% ihrer Flächen (das sind rund 120.000 m2) an Dritte, insbesondere an Online-, aber  auch an internationale stationäre Händler vermieten. Karstadt als bunter Multi-Channel-Marktplatz. Beim Welthandelskongress in Dubai will Fanderl für sein Konzept werben, das auch dem Goldenen Quartier in Wien neue Umsatzperspektiven eröffnen könnte. 

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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