Direkt zum Inhalt
Ohne Einsatz von Glyphosat: Erstmals Marillen von Spar und Fairfruit aus dem Burgenland

Kooperation und Konfrontation in Sachen Nachhaltigkeit

16.07.2019

Das vertrackte Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Lebensmittelhandel: Durch eine gemeinsame Wertschöpfungskette eng miteinander verbunden - mit der Lebensmittelproduktion dazwischen - sind Bauernschaft und Händlerschaft unseres Landes aufeinander angewiesen. Ihrem Job als leistungsstarke und zugleich preisgünstige Essens-Nahversorger der heimischen Bevölkerung nachzugehen, ist ihre gemeinsame volkswirtschaftliche Aufgabe.

von Hanspeter Madlberger

Aber während, speziell in Sachen gelebter Nachhaltigkeit, die großen Handelsgruppen mit landwirtschaftlichen Betrieben in einzelnen Regionen eine erfolgreiche Marketing-Partnerschaft pflegen, herrscht auf Verbandsebene ein, gelinde gesagt, sehr raues, konfliktgeladenes Klima. Ein permanenter medialer Bauernaufstand mit dem Lebensmittelhandel als sorgsam gepflegtem Feinbild. Warum eigentlich?

Beginnen wir mit dem Sunshine-Szenario: Keine Woche vergeht, ohne dass in der Redaktion der Handelszeitung Meldungen von Handelszentralen über erfolgreiche Kooperationsprojekte  mit der Landwirtschaft einlangen. Eine kleine, aktuelle Auslese:

o Neue Schmankerl im ab-Hof-Verkauf bei Metro Vösensdorf: Thomas Rudelt, Geschäftsführer Einkauf von Metro Österreich sagt dazu: „ Wir sind im Lebensmittelbereich laufend auf der Suche nach innovativen Ansätzen und spannenden nachhaltigen Kooperationen. Es freut mich daher sehr, dass wir die Zusammenarbeit mit dem Direktvermarkter-Netzwerk AbHof  ausbauen und das AbHof-Regal erweitern“. Das Sortiment reicht von Bio-Gemüse (geliefert von Firma Meiberger) über Bio-Melanzani und Knoblauch-Pesto vom Biohof Adamah aus dem Marchfeld bis zu den aromatisierten Weinen (Gin/Lavendel/Rosmarin) vom Weingut Hauser aus Poysdorf.

Rewe sagt Pestiziden den Kampf an

o Die NGO Global 2000, deren bisherige Geschäftsführerin Leonore Gewessler  kürzlich in die Politik wechselte und bei den kommenden Nationalratswahl für die Grünen antritt, berichtet über ein erfolgreiches Pestizid-Reduktionsprogramm, das gemeinsam mit der Rewe International umgesetzt wurde. Ein aktueller Statusbericht weist nach, dass die Obst- und Gemüse-Lieferanten der Rewe seit 2016 mehr als 50% der hormonell schädigenden Pestizide eingespart haben und auf diese Weise die Giftstoff-Belastung von Verbrauchern und Umwelt deutlich reduzieren konnten. Die von Global 2000 dafür festgelegten Grenzwerte übertreffen deutlich die von der EU bislang vorgegebenen gesetzlichen Standards.

Wöchentlich werden die bei den für die Rewe untersuchten Obst- und Gemüseproben festgestellten Pestizidmengen-Belastungen auf der Billa- und der Merkur-Homepage veröffentlicht.

o Im Burgenland werden dank Spar und Fairfruit heuer erstmals 150 Tonnen Marillen geerntet. In der Gemeinde Siegendorf, westlich des Neusiedlersees, stehen 9.000 Marillenbäume, die im Jahr 2015 von der Firma Fairfruit Österreich exklusiv für die Spar angebaut wurden. Von den dortigen Bauern sorgfältig und unter Verzicht auf den Einsatz von Glyphosat gepflegt, sind die Bäume herangewachsen. Heuer werden erstmals 150 Tonnen Marillen geerntet und als burgenländische Herkunftsspezialität in den Spar Märkten verkauft. Spar Präsident Gerhard Drexel sagte, das Projekt stehe für die Sicherung von Arbeitsplätzen in der Region und die Rückholung von Wertschöpfung nach Österreich. Durch den Anbau im Burgenland reduziere sein Unternehmen  die Marillenimporte aus Spanien, Italien und Südosteuropa. Im Sinne der Umwelt würden damit tausende LKW-Transportkilometer eingespart. Für die nächsten Jahre erwarte man sich noch größere Erträge. Und: Auf das bestehenden Geschäft der Spar mit inländischen Obstlieferanten wirke sich dieses Projekt nicht negativ aus.

Tierwohl-Fleisch im Vormarsch

o Seit März dieses Jahres ist das mit dem AMA Gütesiegel „Mehr Tierwohl“ zertifizierte Tann-Frischfleisch vom Mühlenhof-Duroc-Schwein in rund 40 ausgewählten Spar-, Eurospar- und Interspar-Märkten der Steiermark erhältlich. Der Mühlenhof Wittmannsdorf in der Südsteiermark, einer der Schweinemastbetriebe, die dieses Tann-Qualitätsfleisch liefern, erhielt dieser Tage den Tierschutzpreis des Landes Steiermark verliehen. Begründung: Es handle sich um einen bäuerlichen Musterbetrieb, der sich vorbildlich in Sachen Tierwohl verhalte und die gesetzlichen Vorgaben der artgerechten Haltung übertreffe.  Die 1.850 Duroc Schweine werden in Wittmannsdorf in Gruppen gehalten, wobei das Platzangebot die gesetzlichen Vorschriften um mehr als 60% übertrifft. Die Tiere können sich frei zwischen einem überdachten Außenbereich und einem klimatisierten Stall hin und her bewegen. Sie werden mit Maisfuttermehl gefüttert, einem Nebenprodukt der Polentagries-Erzeugung der benachbarten Niederl-Mühle. Zusätzlich wird zu 50% Getreide gefüttert. Christoph Holzer, Geschäftsführer der Spar Steiermark:“ Diese Auszeichnung für unseren Lieferanten zeigt, dass wir mit unseren Kooperationen auf dem richtigen Weg sind  und nicht nur die Landwirtschaft fördern, sondern auch Umwelt und Tiere schützen“.

Mercosur: Bauernbund und Spar sind unisono dagegen

Weil gerade vom Fleisch die Rede ist, jenem Lebensmittel agrarischer Herkunft, über das in Zusammenhang mit Nachhaltigkeit und  Klimaschutz weltweit am heftigsten diskutiert wird: Die Reaktionen von  Bauernbund und Spar auf die Mercosur-Freihandelsverhandlungen der EU stimmen inhaltlich weitgehend überein. In einem offenen Brief forderte Bauernbund-Präsident Georg Strasser die zuständigen EU-Komissare auf, dem Handelspakt mit den Mercosur-Staaten nicht zuzustimmen, seien doch die Nachteile für Landwirtschaft, Umwelt und Klima gravierend. 

Klartext  sprach, wie man es von ihm gewohnt ist, Spar Chef Gerhard Drexel: „Gerade dann, wenn mit Staaten, wie zum Beispiel Brasilien, Handelsabkommen vereinbart werden, muss sichergestellt werden, dass der Erhalt der hohen europäischen Standards gewährleistet ist, besonders bei der Gentechnikfreiheit und beim Einsatz von Pestiziden. Ansonsten laufen wir Gefahr, mit billigst produzierten Lebensmitteln besorgniserregender Qualität überschwemmt zu werden, was zum Schaden der Konsumenten und der Landwirtschaft wäre.“ Die Landwirtschaft in den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) stehe für die Nutzung von gentechnisch verändertem Saatgut in Monokulturen, für hohen Pestizid-Einsatz im Landbau und für hohen Hormon- und Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung sowie für die Regenwald-Abholzung mit weltweit katastrophalen Klimafolgen.

LK-Präsident Moosbrugger gegen Veggie Burger und Golden Plating 

Umso überraschender sind die Geplänkel, die die Landwirtschaftskammer auch unter ihrem neuen Präsidenten Josef Moosbrugger, Milchbauer aus dem Ländle, offen oder verdeckt mit  den Lebensmittelhandel führt. Bei der „Klartext-kompakt“-Veranstaltung der LK vom 15.Juli die dem Motto: “Fake Meat & Schummelkäse“ gewidmet war, kam diese Animosität der Agrarkämmerer gegenüber dem Lebensmittelhandel einmal mehr zum Ausdruck. Dass Spar und Rewe hierzulande auf den Veggie-Trend setzen (der zurzeit in Deutschland von Aldi und Lidl massiv promotet wird), passt unseren Bauernvertretern offenbar nicht in den Kram. Moosbrugger wetterte gegen Produktnamen wie „Soja-Milch“ oder „Vegane Wurst“ und forderte klare verbindliche EU-Regeln für die Bezeichnung von Imitaten zum Schutz der Konsumenten vor Irreführung. Angesichts  der Tatsache, dass laut RollAMA vegane Molkereiprodukte zur Zeit  2% Marktanteil und vegetarische/vegane Fleischersatzprodukte 1% im österreichischen LEH erreichen, erscheint diese anti-Veggie-Erregung reichlich übertrieben. Auch gegen das  „Golden Plating“, die Übererfüllung von gesetzlichen Qualitäts- und Nachhaltigkeitsauflagen, typisch für Premium-Handelsmarken, spricht sich der LK-Obmann  aus. Ja, die Investitionen in Tierwohl-Schweineställe, wie sie zu den Auflagen für Premium-Handelsmarkenfleisch zählen, sind hoch. Aber im Gegenzug gibt es nicht nur höhere Abnahmepreise, sondern auch EU-Fördermittel, wie ein Vertreter von Gut Streithof, Partner der Spar St.Pölten bei Tann Tierwohl-Fleisch, der Handelszeitung bestätigte.

Im Kampf für Gentechnik-Freiheit nahmen Rewe und Spar seinerzeit zum Vorteil unserer Landwirtschaft eine Pionierrolle ein. Moosbruggers Befürchtungen, unser Handel könnte bei Zustandkommen eines Mercosur-Abkommens Billigfleisch aus Südamerika importieren, erscheinen angesichts des Öko-Wettlaufs, den sich Rewe und Spar, Hofer und :Lidl hierzulande liefern, ziemlich unbegründet. Zumal die Herkunftskennzeichnung im Einzelhandel viel besser funktioniert als in der Gastronomie. Und was das leidige Thema „Glyphosat“ betrifft, ist der Zeitgeist - sorry, Mister President – eher auf Seiten des Handels als der Landwirtschafts-Lobbyisten.          

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

Werbung

Weiterführende Themen

Madlberger
01.10.2019

Steuert Österreich nach der Nationalratswahl vom 29. September auf eine türkisgrüne Regierung zu? Eine solide Schnittmenge für eine künftige Wirtschaftspolitik der Marke „Kurz & Kogler“ bietet ...

Madlberger
17.09.2019

Ein Memo von Hanspeter Madlberger.

Das schier endlose deutsch-tschechische Tauziehen um die (Mehrheits-)Anteile am mittlerweile arg geschrumpften und ertragsmäßig abgemagerten   ...

Madlberger
27.08.2019

Großes Aufatmen in heimischen Weingärten und Weinkellern. Der Klimawandel legte heuer eine Verschnaufpause ein, der Jahrgang 2019 löst, was die zu erwartende Menge und vor allem die Qualität ...

Setzen sich gemeinsam für die Artenvielfalt ein: Konrad Steiner (wissenschaftlicher Berater von Woerle), Gerrit Woerle (Geschäftsbereichsleiter Strategie) und Heumilchbauer Wolfgang Eibl aus Henndorf.
Thema
26.08.2019

Der Henndorfer Familienbetrieb Woerle nimmt schon seit jeher seine Verantwortung im Sinne von nachhaltigem Wirtschaften ernst. Dazu gehört auch ein sensibler Umgang mit den Ressourcen und der ...

Madlberger
06.08.2019

Aktuelle Bilanzdaten und jüngst veröffentliche Studien von Handelsforschungsinstituten  zeichnen ein bunt schillerndes Bild der Vermögens- und Ertragslage der Retail Branche in Deutschland und in ...

Werbung