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Recycling-Granulat ist angesichts von Dumpingpreisen für Neukunststoff derzeit unverkäuflich. Die heimischen Entsorgungsbetriebe stehen still.

Kunststoffrecycling vor dem Aus?

23.06.2020

Der massive Preisverfall und die schwindende Nachfrage nach Recyclingkunststoffen gefährden das Überleben der Kunststoffrecycler und damit auch die Erreichung der Ziele des EU-Kreislaufwirtschaftspakets. Der Verband Österreichischer Entsorgungsbetriebe fordert eine verpflichtende Mindesteinsatzquote von recyceltem Kunststoff in Industrie und Wirtschaft.

VOEB-Präsidentin Jüly warnt vor dem Ende der Entsorgungswirtschaft und damit vor dem Verfehlen der EU-Recyclingziele, wenn die verpflichtende Quote von Recycling-Granulat nicht angehoben wird.

Günstige Neuware ist der Alptraum der Kunststoffrecycler. Der derzeit niedrige Rohölpreis, kombiniert mit der sinkenden Nachfrage nach Kunststoff aufgrund der Corona-Krise, lässt diesen Alptraum Wirklichkeit werden. Die Kunststoffpreise sind um fast 50 Prozent eingebrochen. Das Ergebnis: In Österreich stehen 70 Prozent der Betriebe, die Kunststoff recyceln, derzeit still, da es momentan kaum Absatzmärkte gibt. Der Verband Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB) fordert daher einen verpflichtenden Einsatz von recyceltem Kunststoff in der industriellen Produktion. Klimaschutzministerin Leonore Gewessler hat erst vor wenigen Tagen angekündigt, den „Europäischen Plastikpakt“ unterzeichnen zu wollen. Darin haben sich bereits über 100 Länder und Organisation darauf geeinigt, dass Unternehmen mindestens 30 Prozent Recyclingplastik verwenden sollen. Derzeit werden hierzulande nur rund zehn Prozent der Kunststoffproduktion durch Rezyklate gedeckt. Das muss sich ändern. „Wenn sich die Politik die Verdoppelung des Kunststoffrecyclings zum Ziel setzt, müssen dafür auch die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wir brauchen einen Absatzmarkt für recycelten Kunststoff. Sonst wird es in Österreich bald kein Kunststoffrecycling mehr geben“, warnt Gaby Jüly, Präsidentin des VOEB.

Markt für Sekundärrohstoffe stärken

Das Problem ist nicht neu: Immer wieder war es für die Industrie günstiger, Primärrohstoffe statt Rezyklate zu verwenden. Die aktuellen Rekordtiefpreise für Neukunststoffe in Kombination mit der niedrigen Nachfrage nach Kunststoffprodukten aufgrund der Corona-Krise haben das Problem nun drastisch verschärft. Schon seit Jahren setzt sich die Abfall- und Ressourcenwirtschaft für die Schaffung eines robusten, integrierten Binnenmarktes für Sekundärrohstoffe ein. Jüly: „Dafür brauchen wir eine verpflichtende Quote für den Einsatz von Rezyklaten in der industriellen Produktion. Das kann nur eine politische Entscheidung sein. Im aktuellen Regierungsprogramm geht die Politik auch schon mit Vorbildwirkung voran und will bei der öffentlichen Beschaffung nachhaltige Produkte aus Rezyklaten priorisieren, aber das wird nicht genügen.“ Weitere Maßnahmen reichen von Informations- und Beratungskampagnen für die Bevölkerung, um die Nachfrage nach recycelten Produkten zu steigern, bis hin zu innovativem Produktdesign – all diese strukturellen Änderungen können die Schaffung eines Sekundärrohstoff-Marktes positiv beeinflussen.

Recycling muss rentabel sein

Das EU-Kreislaufwirtschaftspaket sieht vor, das Kunststoffrecycling in Österreich von derzeit 75.000 auf 150.000 Tonnen bis 2025 zu verdoppeln. „Unsere Betriebe sind auf dem technologisch neuesten Stand und könnten pro Jahr bis zu 300.000 Tonnen recycelten Kunststoff produzieren. Aber der Job muss sich lohnen. Wenn es dafür keinen Absatzmarkt gibt, ist die Produktion einfach nicht mehr rentabel. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als die Betriebe zu schließen“, erklärt Werner Kruschitz, Geschäftsführer von Kruschitz Recycling Plastics. „Unser Problem ist: Wenn wir die Abfälle nicht kostendeckend recyceln können, werden sie thermisch verwertet, also verbrannt. Dann wird Österreich aber auch nicht die EU-Quoten erfüllen. Wir fordern daher eine Zuzahlung für diese Abfälle, wie sie auch bei der thermischen Verwertung gemacht wird.“ Insgesamt sind in Österreich 10 Recyclingbetriebe mit 550 Mitarbeitern mit Kunststoffrecycling beschäftigt.

Schulterschluss aller Akteure notwendig

Um die aktuelle Notlage zu überbrücken, fordert die Branche von der Regierung Unterstützung, um nicht absetzbareSekundärrohstoffe zwischenzulagern und somit Planungssicherheit zu garantieren. Die öffentliche Beschaffung muss mit gutem Vorbild vorangehen und ökologische Aspekte wirklich ernst nehmen. Schließlich braucht es eine verpflichtende Mindesteinsatzquote von recyceltem Kunststoff in der Industrie. Jüly: „Es darf nicht sein, dass alle bisherigen Erfolge und Bemühungen, Kunststoff zu recyceln, zunichte gemacht werden. Nur ein gemeinsamer Schulterschluss zwischen allen beteiligten Akteuren kann verhindern, dass Kunststoffrecycling zum Stillstand kommt. Sonst droht ein schwerer Rückschritt für den Klima- und Umweltschutz und ein schwerer Schlag für die Kreislaufwirtschaft.“

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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