Direkt zum Inhalt

Landwirtschaft am Scheideweg: Händler-Bashing oder Collaborative Value Chain?

23.04.2018

So unterschiedlich können die Strategien von Agrarpolitikern in Richtung Lebensmittelhandel sein: Während Hermann Schultes, noch-Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich (LKÖ)  vergangene Woche die vorbildliche Herkunftskennzeichnung von Agrarprodukten wie Milch und Fleisch im heimischen Lebensmittelhandel lobte, präsentierte EU-Agrarkommissär Phil Hogan am 12. April in Brüssel einen Gesetzesentwurf, der den großen Supermarktketten  strengere Verhaltensregeln im Geschäftsverkehr mit KMU-Landwirten auferlegt.

Bei näherer Betrachtung der Hogan-Attacke gegen die Großen des europäischen Lebensmittelhandels, gegen Firmen wie Edeka und Rewe, Aldi und Lidl, Tesco und Sainsbury, Carrefour und  Auchan fällt auf, dass es den EU-Behörden nicht so sehr um wettbewerbsrechtliche Belange geht. Die geforderten Wohlverhaltens-Richtlinien sind eher moderat. Da geht es um ein Zahlungsziel-Limit für bäuerliche Frischwarenlieferanten von höchstens 30 Tagen, um das Verbot der Retournierung unverkäuflicher Ware, um die Forderung nach Verzicht der Händler gegenüber KMU-Bauern  auf Werbekostenbeiträge, Listungs- und Lagerkosten-Entgelte. Österreichs Bundeswettbewerbsbehörde hat diesbezüglich schon „Sondierungsgespräche“ mit  dem Landwirtschaftsministerium und den Handelsketten geführt (siehe Memo vom 13. Februar 2018: BWB bastelt Benimm-Regeln für Rewe, Spar und Hofer).

 

Nein, was den Hogan-Vorstoß zu einem echten Aufreger, zu einem Schuss vor den Bug des europäischen Lebensmittelhandels macht, sind die Argumente, die diese Initiative begründen. Gestützt auf Eurostat-Daten stellt der Hogan-Antrag die Behauptung in den Raum, dass der Anteil am Endverkaufspreis, den ein Bauer für den von ihm gelieferten agrarischen Lebensmittel-Rohstoff erhält, seit 1995 von 31% auf 21% gesunken sei. Hingegen sei der Wertschöpfungsanteil, sprich die Spanne, die der Lebensmittelhandel einstreift,  in diesem Zeitraum von 38 auf 51%  des LVP gestiegen. Der Anteil der zwischen Landwirtschaft und Handel eingeschalteten Lebensmittelverarbeitungs-Betriebe sei demnach  seit 1995 von 31% auf 28% gesunken.   

Vorerst wäre zu klären, wie diese Zahlen (sie wurden in der Titelstory der „Presse“ vom 13. April 2018 genannt) zustande kamen, auf welche Märkte und welche Warengruppen sie sich beziehen. Bei Produkten wie Fleisch/Wurst, Backwaren oder Käse ist der niedrige Wertschöpfungsanteil der Verarbeitung einfach nicht nachvollziehbar. Und: Wie wurde der Wertschöpfungsanteil, den Vater Staat in Form der Mehrwertsteuer für sich beansprucht bei dieser Milchmädchenrechnung berücksichtigt? Die Handelsforschung liefert keinerlei Ansätze  für einen Wertschöpfungsanteil des Lebensmittelhandels innerhalb der Food Supply Chain  in Höhe von 51%. Das Handbuch EHI Handelsdaten aktuell, Ausgabe 2017 nennt für deutsche Supermärkte Gesamtkosten in Höhe von 22,3%. Zuzüglich eines branchenüblichen Gewinnes von 2 bis 2,5% ergibt sich eine LEH Gesamtspanne von maximal 25%. Ergänzt man diesen Wert um  die Großhandelsspanne von  maximal 12 %, so kommt man auf eine Gesamt-Wertschöpfung des LH von maximal 37%. 

Handelsspannen haben geringen Einfluss auf Bauerneinkommen

Aber selbst wenn die von Hogan genannten Prozentsätze durch harte Fakten belegt sein sollten:  Gestiegene Lebensmittelhandelsspannen als Hauptursache für sinkende Bauerneinkommen zu benennen, diese Hypothese hält keiner makroökonomischen Plausibilitätsprüfung stand. Gerade die Milchkrise  der Jahre 2015/2016 hat gezeigt, dass der sinkende Rohmilchpreis für österreichische  Kleinbauern in erster Linie auf die Massenproduktion in den Ställen bäuerliche Großbetriebe im flachen Norden Europas zurückzuführen ist, wo der Bestand an Turbokühen aufgestockt wurde, die mittels geeigneten Futters auf Höchst-Ausstoßmengen programmiert sind.  

Vor allem ist der prozentuelle Anteil der bäuerlichen Urproduktion an der Gesamtwertschöpfung eines Lebensmittels als Indikator für Fairness im Wettbewerb zwischen den Wirtschaftsstufen völlig ungeeignet. Die Wertschöpfungsleistung  einer Käserei oder einer Weinkellerei ist um nichts geringer  einzuschätzen  als jene eines Milchbauern oder eines Winzers. Konsumenten von heute sind bereit, für einen hohen Conveniencegrad von Lebensmitteln einen hohen Preis zu bezahlen. Convenience-Leistungen,  die von Verarbeitungsbetrieben  erbracht werden, schmälern nicht die Wertschöpfung auf  den Feldern und in den Ställen der Bauern, vielmehr bereichern sie die hohe Basisqualität um eine  hohe Verzehrqualität.

Seit Jahrzehnten steigt, gesamtwirtschaftlich betrachtet, der BIP-Anteil  des Dienstleistungssektors (tertiärer Bereich). Nicht, weil sich die Marktmacht von der Produktion zur Distribution verschiebt, sondern weil, speziell  bei Lebensmitteln, die Sortiments- und Nahversorgungsfunktion, die der LEH ausübt, den Konsumentenwünschen  in hohem Maße entgegenkommt. Die größere Nähe des LEH zu den Verbraucherbedürfnissen ist die Grundlage für dessen besonders effizientes Agrarprodukte-Marketing.  Wenn unsere Bio-Bergbauern für ihre Bio-Rohmilch heute bis zu 59 Cent pro Liter bekommen, dann sei das nicht zuletzt den Bio-Eigenmarken der großen heimischen Lebensmittelmittelhändler zu verdanken, sagte kürzlich ein ausgewiesener Value Chain-Experte der LKÖ. 

Man kann ja verstehen, wenn der Ire Phil Hogan, „seinen“ EU-Bauern, denen angesichts des bevorstehenden Brexit Subventionskürzungen ins Haus stehen, das „Melken“ von angeblich ungerechtfertigt hohen Lebensmittel-Handelsspannen als alternative Einkommensquelle empfiehlt und dafür die legistischen Weichen stellt. Den „vertikalen Futterneid“ gegenüber dem Absatzpartner Handel zu wecken, hat ja auch in der heimischen Agrarpolitik eine lange, unrühmliche Tradition.

Zu hinterfragen ist auch, wie die agrarnahe Verarbeitungsindustrie ihre Rolle als Mittler  zwischen Landwirtschaft und Lebensmittelhandel anlegt. Oft muss der Handel als Sündenbock herhalten, wenn Molkereien mit ihren Bauern über Rohmilchpreise verhandeln. Und was die Marktanteils-Relationen betrifft, wäre so mancher regionaler  Lebensmittel-Großhändler gerne in der Position von Agrana, Leibnik-Lundenburger, Vivatis oder Berglandmilch.

Wenn es aber darum geht, dass hochqualitative  Lebensmittel österreichischer Herkunft auf den Tellern der  EU-Konsumenten  ihren Platz behaupten und weiter ausbauen, ist der Weg der Value Chain Kooperation zwischen Lebensmittel-Produktion und -Distribution, wie er auf regionaler und nationaler  Ebene schon vielfach beschritten wird, einem Spannengerangel mit einseitigen Schuldzuweisungen vorzuziehen.           

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

Werbung

Weiterführende Themen

(v.l.n.r) Franz Ernstbrunner, Katharina Koßdorff, Katharina Koßdorff
Thema
15.10.2018

Exporte schaffen Wertschöpfung und sichern Arbeitsplätze. Gerade Lebensmittel erweisen sich seit den letzten Jahren immer mehr als „Hidden Champions“, denn Agrar-und Lebensmittelexporte wachsen ...

Madlberger
09.10.2018

Weil immer mehr Markenartikel-Multis über die drei deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich und Schweiz eine gemeinsame Marketing- und Verkaufsorganisation stülpen, sehen sich heimische ...

SHOPPING-CENTER LJUBLJANA-ŠIŠKA
Thema
03.10.2018

Der Wettlauf zwischen den Immobilien-Investoren, die Invasion internationaler Fachmarktketten in den kleinen österreichischen Markt und der Verdrängungsfight zwischen  Diskontern und ...

Madlberger
26.09.2018

Wie gut und wie rasch gelingt René Benkos Signa Gruppe die Sanierung der Kika/Leiner Möbelhauskette? Dieses Projekt kann  durchaus als Generalprobe für das ungleich größere und schwierigere ...

Madlberger
12.09.2018

Vordergründig wird in diesem Herbst über Digitalisierungs-Hype, Immobiliencoups, Arbeitskampf, Lebensmittel-Herkunft und Migrationsprobleme gestritten. Die größte aktuelle Baustelle im ...

Werbung