Direkt zum Inhalt

Lehren aus dem Fipronil-Skandal

14.08.2017

Bloß ein Sommerloch-füllendes Skandälchen oder doch ein handfester, europäischer  Lebensmittelskandal? In Belgien und den Niederlanden, aber auch in Frankreich haben Landwirte heuer im Frühjahr zur Desinfektion ihrer Hühnerställe verbotenerweise das Insektengift Fibronil eingesetzt.

Monate später wurde bekannt, dass die Behörden Fibronil-verseuchte Eier in gekochter Form in Deutschland und, verarbeitet zu Flüssig-Eiern, im spanischen Baskenland entdeckten. Auch in Österreich, in einigen weiteren EU-Ländern, in der Schweiz und im fernen Hongkong tauchten Fipronil-kontaminierte Eier auf.  Hauptabnehmer waren in den meisten Fällen Gastronomie-Betriebe.

 

Und beim Stichwort: Gastronomie stutzt der aufmerksame Branchenbeobachter. Verantwortungslosigkeit oder schlichte moral insanity, die die Hühnerfarmer in den genannten Ländern zum Insektengift greifen ließen und die Nachlässigkeit der Behörden bei der Ahndung dieses Vergehens, das ist der eine Ursachenstrang, der den Skandal heraufbeschwor. Der andere führt uns in die Einkaufsabteilungen der  Restaurantketten, der Tourismusgastronomie und der Haubenrestaurants. Was, zum Teufel, mag einen heimischen Gastwirt veranlassen, eine Fünferpackung gekochter und geschälter Eier, die aus dem Ausland stammen, bei einem oberösterreichischen Gastro-Großhändler zu kaufen? Erraten: Es kann sich nur um einen  Preisvorteil in Verbindung mit einem Convenience-Nutzen (=Kostenersparnis)  handeln, die diese Kaufentscheidung zuungunsten heimischer Ware herbeiführte. Einer Ware, die, speziell bei Eiern, ein  Höchstmaß an Qualitäts-, Herkunftssicherheit, Nachhaltigkeit, Tierwohl und Frische zu bieten hat.

So liefert der Fipronil-Skandal ein starkes Argument für den in-home-Konsum von österreichischen Freilandeiern, die man in allen Supermarktketten wohlfeil erwerben kann und gegen den out-of-home-Verzehr von Käfigeier-Speisen in Wirts- und Rasthäusern, im Haubenlokal oder bei urbanen street food –pop up Standln. Freilich, gekochte und geschälte Eier werden nicht nur von der Gastronomie, sondern auch von gewerblichen Sandwich- und Ei-Aufstrich-Herstellern nachgefragt. Und Flüssig-Ei findet nicht nur in Restaurants und Kantinen, sondern auch bei der Produktion von Backwaren und anderer Lebensmittel Verwendung. Der Vorteil gegenüber Frischeiern, so sagen Experten, liege nicht nur im günstigeren Preis, sondern auch in den besseren Möglichkeiten der Salmonellen-Vermeidung

Allerorten wird jetzt nach dem Gesetzgeber gerufen, der schleunigst eine Herkunfts-Kennzeichnungspflicht für verarbeitete Lebensmittel verordnen soll. Die Wortmeldungen der Interessensvertreter dokumentieren, dass die hinlänglich bekannten Fronten zwischen zwei Berufsgruppen, die, wenn es um die Lebensmittelsicherheit geht, eigentlich konstruktiv zusammenarbeiten sollten, weiterhin bestehen und reflexartig einbetoniert werden.  Der  Landwirtschaft, wird, wohl nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, sie erwarte sich von der Deklarationspflicht Preisvorteile infolge einer zu erwartenden Abschottung des Inlandsabsatzmarktes. Die Funktionäre der Gastronomie hingegen wittern hinter neuen Kennzeichnungs-Auflagen  kostensteigernde Bürokratie-Auswüchse.

Die freiwillige Deklaration von Food Safety-Daten entlang der gesamten Supply & Value Chain „from stable to table“ ist seit vielen Jahren Dauerbrenner auf den Tagungen des Consumer Goods Forums. Ein klassisches ECR-Projekt der Allianz zwischen Lebensmittelproduktion und Lebensmitteldistribution, für das eine umfangreiche Toolbox an GS1-Standards zur Verfügung steht. In der Causa Fibronil hat ja auch der Tracing Mechanismus, in Gang gesetzt von einem namhaften Gastro Großhändler mit Hauptsitz in Oberösterreich, tadellos funktioniert und zu einer gezielten Rückrufaktion aufgrund der den Warenfluss begleitenden Lieferdaten geführt.

Der Lebensmittelhandel kontrolliert Qualität konsequenter als die Gastronomie

Der Fibronil-Skandal führt uns einmal mehr vor Augen, dass die Schwachstellen der Lebensmittel-Qualitätssicherung bei Frischwaren eher im bäuerlichen Produktions- und im (gast)gewerblichen Verarbeitungsbereich liegen, während die Konzerne und Verbundgruppen des Lebensmittel- Groß- und Einzelhandels das Aufgabenfeld Qualitätssicherheit viel professioneller bearbeiten. Wesentlicher Treiber dieses Engagements ist das umfangreiche Eigenmarken-Programm der Handelsriesen. Ein gebrochenes Qualitätsversprechen bei Ja!Natürlich oder Clever, bei  Spar Vital oder S-Budget, bei Milfina oder Zurück zum Ursprung würde den betreffenden Markeneigentümern allein wegen der Breite dieser Sortimente die  heftigsten Image- und damit Umsatzeinbußen zufügen. Die  relativ große Anzahl von Produkt-Rückholaktionen etwa bei Hofer sind ein deutliches Indiz dafür, dass bei kleinsten Störfällen im Produktionsbereich (wie beispielsweise Verunreinigungen) sofort Alarm geschlagen und das Problem aus der Welt geschafft wird. All das erfordert freilich eine personell und finanziell hervorragend ausgestattete Qualitätsmanagement-Abteilung. Erfreulicherweise arbeiten die QS-Experten in unseren Handelszentralen sehr konstruktiv mit den staatlichen Lebensmittel-Kontrollstellen wie der AGES zusammen.

Österreichs Wirte und insbesondere unsere hochgelobte Haubengastronomie  könnte sich am strikten Qualitätssicherungs-Management des Lebensmittelhandels ein Beispiel nehmen. Ob er die Topgastronomie zu seinen Abnehmern zähle, fragte der Autor dieser Kolumne vor ein paar Wochen den führenden deutschen Bio-Metzger Karl Schweisfurth, Chef der Herrmannsdorfer  Landwerkstätten. Die Gastronomie sei so sprunghaft und käme deshalb als Kunde kaum in Frage, erklärte dieser. Beim Studium der Flugblatt-Angebote von Gastro-C&C-Märkten stellt man fest, dass das billigste Frittieröl, die billigsten Putenbrüste, der billigste Prosecco quer durch die Gastro-Szene stark gefragt sind und daher als unverzichtbare Frequenzbringer gelten. Das AMA Gastro-Siegel, mit dem sich der Wirt verpflichtet, die Herkunft der für die Speisen verwendeten Hauptzutaten anzugeben,  kann, was die Verbreitung betrifft, mit dem AMA GS im Lebensmittelhandel keinesfalls Schritt halten. Aktuell machen beim Gastro-Siegel nur rund 1300 Gaststätten von insgesamt rund 30.600 in ganz Österreich mit. Ein Viertel der Konsumenten kennen das Siegel, drei Viertel wünschen sich, dass mehr Restaurants diesem Programm beitreten.

Wenn in Sendungen von ORF Landesstudios TV-erprobte Haubenköchinnen und -köche gezeigt werden, wie sie bei Bergbauern ihrer Region den Schafstall inspizieren, um höchstpersönlich den geeigneten Braten-Lieferanten für das nächste Promi-Festessen auszuwählen, dann vermitteln derartige Gefälligkeits-Reportagen ein äußerst schönfärberisches Bild der Rohstoff-Qualitätssicherung im heimischen Gastgewerbe.

Zum Abschluss ein kleiner Hinweis: Interspar stellt am 22. August sein Gastronomie College im neuen Interspar EKZ in Wels vor. Das wäre doch ein guter Anlass, die Gäste der Interspar-Restaurants darüber zu informieren, dass alle, insbesondere die frischen Zutaten zu den Speisen, wie Fleisch, Eier, Gemüse  etc. vom Interspar Markt stammen und damit den hohen Qualitätsstandards des Spar Einzelhandels-Sortiments entsprechen. Bevor die Merkur-Restaurants auf die Idee kommen.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

Werbung

Weiterführende Themen

Madlberger
22.01.2019

Nicht nur für Lebensmittel vom Bauern, auch für verarbeitete Agrarprodukte und Gerichte der Gemeinschaftsverpflegung soll die Herkunftskennzeichnung auf EU-Ebene gesetzlich geregelt werden. Das ...

Madlberger
29.11.2018

Bei meiner Ehr! Diese Selbstverpflichtung zur Fairness gegenüber der Landwirtschaft, die sechs Geschäftsführer von Rewe International AG, Spar AG, Hofer KG, Lidl Österreich, Metro Österreich und ...

Madlberger
14.11.2018

Andreas Haider ist der „Mister Franchising“ des österreichischen Lebensmitteleinzelhandels. Im Gegensatz zu den Managern in den großen Filialkonzernen und zu den meisten seiner Nah&Frisch- ...

Das Store-Konzept der japanischen Modekette Uniquo (Hier eine Pariser Filiale) steht für Purismus
Thema
07.11.2018

Gejagt von Amazon, Alibaba und Zalando kämpft der stationäre Gebrauchsgüter-Einzelhandel rund um den Globus in den Großstädten um die Gunst der Smart (Phone) Shopper. Retailer und Immobilien- ...

Madlberger
23.10.2018

Unter österreichischem Vorsitz sollen diese Woche in Brüssel die ab 2019 gültigen Richtlinien über das Verbot unfairer Handelspraktiken in den Geschäftsbeziehungen zwischen der Landwirtschaft und ...

Werbung