Direkt zum Inhalt

Mercurius und die ungeschminkte Wahrheit

08.05.2017

Grundsätzlich hasst Mercurius überschwängliche Schönrede-Ansagen bei Verkäufern. Kürzlich, bei den neuen Passfotos, hätte er aber ein Königreich dafür gegeben, wenigstens einen kleinen Ansatz davon zu hören.

Also, die eine oder andere Mode-Verkäuferin hat Mercurius schon in den Wahnsinn getrieben – weshalb er gut und gerne auf (wenig) hilfreiche Kommentare beim Probieren von Kleidungsstücken verzichten kann. Alleine der Gedanke an einen Hinweis wie „Genau ihre Farbe“ inklusive einem überschwänglichen Lächeln bei der Anprobe eines hellgrünen Pullovers mit wandweißer Gesichtshaut lässt Mercurius einen Schauer über den Rücken laufen. Nicht viel besser sind die Reaktionen wenn Mercurius daran denkt, dass eine Verkäuferin  „Das steht Ihnen aber ausgesprochen gut, wie für sie gemacht“ zwitschert, während das Bild im wenig schmeichelnden Garderoben-Spiegel einen „Klumpen“ mit Kopf, zwei Armen und zwei Beinen in einem kunterbunten Kartoffelsack zeigt.

Unlängst hätte Mercurius aber viel dafür gegeben, wenn er auf so eine Verkäuferin gestoßen wäre. Anlass war ein neuer Pass für die Tochter und ein Personalausweis für sich selbst. Dafür braucht es aktuelle Passfotos. Also hin zum Fotogeschäft im nahegelegenen Einkaufszentrum. Zuerst kam das Töchterlein dran, dann recht schnell Mercurius. Auf die Frage, ob man die Fotos bitte vor dem Ausdruck noch sehen kann, hieß es „Kein Problem“ – was die Verkäufer-Fotografin aber nicht daran hinderte nach kurzer Zeit die fertigen Fotos zu übergeben. Die von der Kleinen waren ja wunderbar, beim Anblick der eigenen Fotos kam aber die Ernüchterung. „Ich habe ja ein fürchterliches Doppelkinn auf den Fotos, das schaut schrecklich aus! Deshalb wollte ich sie ja vorher noch sehen“, rief Mercurius entsetzt. „Ja aber Sie haben ja ein Doppelkinn“, erwiderte die Verkäuferin trocken. Gut da lässt sich, soweit ist man sich seiner selbst ja bewusst, nichts dagegen sagen. „Aber es gibt kleine Tricks um das beim Fotografieren ein bisschen zu kaschieren. Ich habe leider in der Hektik darauf vergessen“, nahm Mercurius noch einmal einen Anlauf. „Also bearbeiten können wir die Fotos nicht“, war die prompte Antwort, „so schauen Sie halt aus“. Also so genau wollte es Mercurius gar nicht wissen. „Ich weiß, das mit dem Licht geht hier nicht besser, aber wenn man den Kopf so wie ein Hendel vorstreckt, dann sieht man das Doppelkinn nicht so stark“, ließ Mercurius nicht locker und bekam dafür wieder ein trockenes „Ja aber Sie haben ja ein Doppelkinn“ zu hören. Das sind die Momente, wo man nicht weiß, ob man toben oder loslachen soll. Mercurius entschied sich kurzfristig für ein süffisantes „Schön, dass es hier so freundliche Verkäufer gibt“ und fragte sich kurz darauf, ob er vielleicht ohne es zu wissen bei „Achtung Kamera“ mitmacht. Denn die Verkäuferin lächelte ihn glücklich an und sagte: „Danke, das ist sehr lieb von Ihnen. Das freut mich.“ Blieb nur die innerliche Frage: „Wer nimmt da gerade wen auf den Arm?“. Dafür war die glückliche Verkäuferin aber bereit noch ein Foto zu machen – und diesmal reckte Mercurius den Kopf (trotz leichtem Halskrampf) wie ein Körnchen pickendes Hendl soweit wie möglich nach vorne. „Viel besser“, rief Mercurius angesichts der neuen Fotos begeistert und erntete ein „Ja wirklich besser, aber sie haben ein Doppelkinn“. Tja, auch wenn man auf die Wahrheit steht, Mercurius weiß jetzt, dass er auch dann und wann ein klein bisschen angelogen werden will. Obwohl, die Aufregung war  im Endeffekt völlig sinnlos.  Das Foto am Personalausweis ist nämlich gerade einmal so groß wie eine halbe Briefmarke. Somit hätte man das Doppelkinn bei den Ursprungsfotos nur mit einer Lupe gesehen.

Autor/in:
Mercurius
Werbung
Werbung