Direkt zum Inhalt

Netzwerk Kulinarik: Hoffentlich unter Einbeziehung des Lebensmittelhandels!

15.05.2019

„Österreich muss DIE Kulinarik-Destination Europas werden“, forderte unsere Nachhaltigkeits- und Tourismus-Ministerin Elisabeth Köstinger vergangenen Freitag anlässlich des Genuss Festivals im Wiener Stadtpark. Und gab den Startschuss für das neue Projekt „Netzwerk Kulinarik“. Dessen Kernelement ist ein  durchgängiges und freiwilliges Qualitäts- und Herkunftssicherungssystem für kulinarisch konnotierte Lebensmittel aus regionaler Produktion. Hoffentlich unter Einbeziehung des Lebensmittelhandels!

meint Hanspeter Madlberger

Nach den zahlreichen, mehr oder weniger gescheiterten Kulinarik-Initiativen agrarnaher Institutionen wie der „Genussregionen“, des Kuratoriums „Kulinarisches Erbe Österreich“ und nach einem missglückten Kooperations-Intermezzo mit „Zurück zum Ursprung“-Mastermind Werner Lampert unternimmt das Köstinger-Ministerium jetzt einen weiteren Versuch, der Franz-Fischler-Idee von Österreich als dem Feinkostladen Europas neues Leben einzuhauchen. Zur Leiterin des Netzwerkes, das organisatorisch bei der AMA andockt, wurde Christina Mutenthaler bestellt, die in den letzten Jahren als Verantwortliche  für die Kampagne „So schmeckt Niederösterreich“ einschlägige Erfahrungen im Lebensmittel-Regionalmarketing sammeln konnte.

Erfolgsentscheidend wird sein, ob es dem reloaded  Netzwerk Kulinarik gelingt, sich von der bisher beharrlich verfochtene Beschränkung auf die bäuerliche Direktvermarktung loszusagen. Und eine Marketing- und Wertschöpfungspartnerschaft unserer Agrarier mit den mengenrelevanten nachgelagerten Absatzstufen  einzugehen. Denn nur Agrarprodukte wie Obst, Gemüse, Eier, Blumen und Kräuter sind per se bereits Lebensmittel, alle anderen wie Milch, Getreide und Mastvieh bedürfen in der Regel der Verarbeitung, um den Status konsumreifer Lebensmittel zu erlangen. Mutenthalers Statement, sie baue „auf einer breiten Beteiligung und Vernetzung aller Sparten von der Produktion über die Verarbeitung bis hin zu Handel, Gastronomie und Tourismus“ lässt hoffen, dass es diesmal mit dem ganzheitlichen Ansatz klappt.

Kulinarik-Marketing: Da müssen die Profis aus dem Handel her

Ein Netzwerk für österreichische Kulinarik ohne Einbindung des heimischen Lebensmittel-Groß- und Einzelhandels wäre aus mehreren Gründen, vorsichtig ausgedrückt, suboptimal: Denn der LH ist, was die Mengen betrifft, der bedeutendste Absatzmittler von Deli- Lebensmitteln und Regional-Spezialitäten. Er ist in der arbeitsteiligen Marktwirtschaft DAS Bindeglied zwischen Produzenten und Konsumenten. Bedeutender als die Gastronomie, weil der in-home-Konsum trotz Tourismus weiterhin wesentlich größer ist als der out-of-home-Konsum. Die Logistik des LH, seine Einrichtung für den physischen Warenfluss ist wegen der Mengenbündelung wesentlich leistungsstärker und daher auch kostengünstiger als jeder Direktvertrieb ab Hof bzw. ab Manufaktur.

Das gilt ganz besonders für den Gastro-Zustellgroßhandel mit seiner ausgereiften Frischwaren-Kühllogistik und seinem Online-Bestellservice. Während die Gastronomie, was die Herkunfts- und Qualitätskennzeichnung ihres Angebots betrifft, erst am Anfang steht (McDonalds ist da eine löbliche Ausnahme), bietet der digital mit seinen Lieferanten eng vernetzte Lebensmittelhandel seinen Kunden dank der breiten Anwendung von GS1-Standards ein perfektes Maß an Herkunfts- und Qualitätssicherheit. Gelebte IT-Kooperation als QS-System ist zwischen den großen Handelsketten und allen nationalen sowie einer wachsenden Zahl regionaler Lebensmittelhersteller längst State of the Art und braucht deshalb für das Feinkost-Premiumsegment nicht neu erfunden zu werden. „Kulinarik meets Nachhaltigkeit“, auch dieser europaweit zu beobachtenden Food-Trend stützt sich auf die  Schrittmacher-Dienste des Handels. Ohne Bio-Handelsmarken wie Ja!Natürlich gäbe es nicht so viele Bio-Bauern in Österreich.

Premium-Handelsmarken besorgen das Branding

Das Geschäft mit Fine Food österreichischer Herkunft steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit  der Kommunikation. Während Haubenköche und Starwinzer unterstützt von einschlägigen Medien ihr Qualitätsimage über ihren Promi-Status nur bei einer kleinen, prestigesüchtigen A-Schicht pflegen, generieren Billa, Spar und Co. mit ihren Premium-Eigenmarken aber auch Hofer und Lidl mit Ihren saisonalen Feinkost-„Selections“ eine breite Nachfrage bei  Kulinarik-affinen Haushalten mittleren Einkommens. Und wenn es darum geht, auf dem EU-Binnenmarkt Lebensmittel aus Tirol, Salzburg oder Kärnten zu platzieren, sind Handelsfirmen und -gruppen wie Rewe, Aldi-Hofer, Lidl, Spar/ASPIAG oder Markant als Botschafter des rotweißroten Kulinarik-Champions mehr als gefragt.

Nachhaltige Kulinarik, die Wachstumschance für Supermärkte

Ebenso aber profitiert auch der heimische Handel von einer Teilnahme am Netzwerk Kulinarik. Der internationale Trend der Verschmelzung von Feinkosthandel und Ladengastronomie, umgesetzt von der Eataly-Kette, dem Käfer in München, den amerikanischen Grocerants und neuerdings dem Fooby Concept Store der Schweizer Coop, belegt nachdrücklich die Rolle des Handels als Wachstumstreiber in einer Value Chain für eine landestypische Kulinarik. Und so beschreibt die Coop Schweiz ihr Fooby Store-Konzept: „Hier dreht sich alles ums kulinarische Handwerk, um Regionalität und Nachhaltigkeit. Hier  beraten Fachleute interessierte Kunden. Hier zeigen regionale Produzenten exklusive Spezialitäten.“ Gibt’s ein besseres Umsetzungsprogramm für ein zeitgemäßes Netzwerk Kulinarik?

Feinkost-Kaufleute als Kulinarik-Nahversorger

Vor allem selbstständige Kaufleute sind prädestiniert, ihre Läden als kulinarische Hotspots zu inszenieren. Wie das geht können Interessierte bei Georg Reithofer in Hainfeld (NÖ) studieren. Der Adeg-Kaufmann, der einen 655 m2-Feinkostsupermarkt mit Imbiss-Stüberl und angeschlossenem Cateringservice betreibt, hat sein Kulinarik-Handwerk unter anderem beim Käfer in München erlernt. Seither weiß er sogar, wie ein Glasaal zubereitet wird. Regionale Spezialitäten bieten die Ländle Märkte des Jürgen Sutterlüty.  Für Verbrauchermarkt-Filialisten wie Interspar oder Merkur eröffnet sich die Chance, Feinkost-Bedienung und angeschlossene Laden-Restaurants zum kulinarischen Duett zu inspirieren. Und Bauernläden bereichert mittlerweile die Food Courts zahlreicher Einkaufzentren zwischen Gerasdorf und  Dornbirn. Last but not least: Dafür, dass der Handel den Bauern faire Preise für  ihre kulinarischen Schmankerln bezahlt, sorgt das Fairnessabkommen (mit Ombudsstelle), das die großen Handelsketten auf Initiative des Handelsverbands vergangenen Herbst unter den wohlwollenden Blicken von Elisabeth Köstinger im Regierungsgebäude unterzeichnet haben.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

Werbung

Weiterführende Themen

Madlberger
11.06.2019

Handel und Politik haben in bewegten und disruptiven Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, Vieles gemeinsam. Über die Looser von gestern wird der Mantel des gnädigen Schweigens gebreitet, wer die ...

Madlberger
28.05.2019

Die EU Wahl ist geschlagen und die pittoreske Vielfalt der Ergebnisse in den einzelnen Ländern legt den Schluss nahe, dass es sich bei der politischen Integration weiterhin ordentlich spießen wird ...

Madlberger
30.04.2019

Innovative Lebensmittelhändler forcieren mit ihren Premium-Eigenmarken schon seit geraumer Zeit alternative Lebensmittel, ihr besonderes Augenmerk gilt den veganen Fleischersatz-Produkten. Spar ...

Madlberger
15.04.2019

meint Hanspeter Madlberger

Von  einer „Discounter-Dämmerung“ im deutschen Lebensmittelhandel  spricht das „Handelsblatt“ in seiner Titelstory vom 11. April. „Aldi, Lidl, Penny & Co ...

Bauern gegen Lebensmittelhandel - das ist Brutalität ...
Madlberger
03.04.2019

Fairness-Pakt  hin oder her, in Sachen Glyphosat prallen die Meinungen von Bauernvertretern und Lebensmittelhändlern hart aufeinander.  Besonders gegensätzliche Standpunkte vertreten im aktuellen ...

Werbung