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Herder kaufte Mitte Juli die Thalia-Anteile des US-Investors Advent

Neuer Eigentümer Herder setzt bei Thalia auf Buchhandel 4.0

15.12.2016

Der Brain-Food-Nahversorger Thalia ist mit seiner durchgängigen Digitalisierung der Geschäftsprozesse ein Bollwerk gegen die Amazon-Flut.

Tradition und Fortschritt werden allzu oft als plakative Schlagworte zur Charakterisierung der  Firmenkultur von Familienunternehmen  verwendet. Bei Österreichs führender Buchhandelsfilialkette Thalia verbinden sich diese beiden Begriffe neuerdings glaubwürdig  zu einer Erfolgsformel, die geeignet ist, einiges im Markt zu bewegen.  Für Tradition im besten Sinn steht der neue Thalia-Mehrheitseigentümer Manuel Herder, Chef des gleichnamigen über 200 Jahre alten, renommierten Verlagshauses aus Freiburg im Breisgau. Herder hat Mitte Juli dem US-Investor Advent dessen Thalia-Anteile für einen, wie kolportiert wurde, niedrig dreistelligen Millionen €-Betrag abgekauft und hält nun die Mehrheit an einer Thalia-Obergesellschaft, die laut Zeitschrift „Bilanz“ ihrerseits 65%  der Thalia-Anteile kontrolliert.

Fortschritt bei Thalia Neu manifestiert sich in der durchgängigen Digitalisierung  der Geschäftsprozesse, für die, ebenfalls als neuer Gesellschafter, Leif Göritz, Chef der App Agentur Smart Mobile Factory, Expertise und Input liefern soll. Zwei Buchhandels-Profis komplettieren das Thalia-Eigentümerquartett: Thalia-Geschäftsführer Michael Busch, der das Unternehmen 2015/16 in die schwarzen Zahlen zurückführte und Henning Kreke, Vorstandvorsitzender der Douglas Holding. Dessen Vater, Jörn Kreke hat das, von seinem leiblichen Vater Herbert Eklöh gegründete Familienunternehmen mit den Filialketten Douglas (Parfümerien), Hussel (Süsswarenfachgeschäfte) und Thalia (Buchhandel) in den 80er und 90er Jahren zu einem  bedeutenden Einzelhandels-Imperium ausgebaut. Vor drei Jahren verkaufte Kreke die Thalia-Aktienmehrheit an den US-Finanzinvestor Advent, behielt aber einen Minderheitsanteil. Und als Herder diesen Sommer die Amerikaner als Hauptaktionär von Thalia ablöste, verdoppelte die Thalia-Gründerfamilie ihren  Firmenanteil.

Manuel Herder: „Industrie 4.0, das haben wir bereits hinter uns“

Hintergrund der zweifachen Eigentümer-Rochade in der jüngsten Vergangenheit ist der radikalste Strukturwandel, den der Buchhandel im deutschsprachigen Raum je erlebte. Der rasant wachsende Onlinehandel, getrieben vom Branchen-Weltmarktführer Amazon, die Einführung der E-Books und die erlahmende Leselust einer den Computerspielen und dem Facebook –Geplauder verfallenen Jugend erschütterten den stationären Buchhandel in seinen Grundfesten. „Vor zehn Jahren war die Zukunft des Buchhandels höchst ungewiss“, sagte Manuel Herder kürzlich  beim Pressegespräch in der Thalia Buchhandlung Wien Landstraße:“ Wir waren die erste Branche, in der die Digitalisierung alle Geschäftsbereiche veränderte.“ Herder zählt auf: „Da ist einmal das E-Book, die Emanzipation des gedruckten Wortes vom Papier. Dann der Vertrieb in Form der Online-Bestellung. Und, last but not least, die Digitalisierung der Abläufe, von den Texten der Autoren bis zur Administration“. Und er fügt hinzu: “Industrie 4.0, das haben wir bereits hinter uns“.

Beim  Marsch durch das (Amazonas-) Tal der Tränen agierte Thalia Österreich (35 Filialen, 850 Mitarbeiter, fast 100 Lehrlinge, ca. 25% Marktanteil) unter der umsichtigen Leitung des ex-Maximarkt-Managers  Josef Pretzl als pionierhafte Vorhut der Neuorientierung. Die Fundamente der  rotweißroten Thalia-Erfolgsstory:

Thalia Österreich ist frühzeitig ins Omni-Channel Retailing eingestiegen, wobei man nach dem Trial & Error-Prinzip viele digitale Tools erprobte und damit die Innovation in Augenhöhe mit den Bedürfnissen der Kunden und deren wachsender Affinität zum digitalen Shopping vorantrieb. Um den Paradigmenwechsel nach außen hin zu signalisieren wurde der  Firmenname auf Thalia.at erweitert. Wie eng Laden- und Onlinehandel ineinander verwoben sind („Das Beste aus beiden Welten“) ist daran erkennbar, dass rund 20 % der  Online-Besteller das Buch in den Filialen abholen. Den Amazon Claim: „heute bestellt, morgen geliefert“ übertrifft Thalia  mit dem Versprechen, bei Online-Bestellung eines Buchtitels dem Kunden umgehend mitzuteilen, in welcher nächstgelegenen Filiale dieses Buch erhältlich ist. Innerhalb einer Stunde ist der Band für den Käufer reserviert und damit abholbereit.

Thalia führt ein Riesensortiment mit weit mehr als einer Million verfügbare Titel im Programm, die online lieferbar und offline abholbar sind. Das Buchangebot in den Filialen wird durch ein reichhaltiges „Nonbook“-Sortiment (Geschenkartikel, Zeitschriften, CD-Rom, DVD, Bastelmaterial, Künstlerbedarf etc.) ergänzt, das für rund 1/3 des Gesamtumsatzes aufkommt und damit ein nicht zu unterschätzender Deckungsbeitragsbringer ist.

Lesekultur im digitalen Zeitalter

Zwei Drittel aller Bücher werden von Frauen gekauft und 50% aller Kunden betrachten den Besuch einer Buchhandlung nicht als Einkaufsakt sondern als Freizeitbeschäftigung. Man schlendert herum, informiert sich über Neuheiten, schmöckert sich durch die Belletristik, die Sachbücher, Zeitschriften und Bildbände, lässt sich vom Verkaufsteam  beraten und trifft sich mit Freundinnen beim Kaffee. Ausstattung und Design der Filialen schaffen eine Wohlfühlatmosphäre und stehen, wie Herder es formuliert,  für „Lesekultur im digitalen Zeitalter.“

Als Brain-Food- Nah- und Rundumversorger trotzt Thalia solcherart der Amazon-Flut. Der stationäre Buchhandel ist 2016 um 4% zurückgegangen, während der Onlinebuchmarkt um rund 7% gewachsen ist. Dabei hat sich Thalia in Österreich sowohl im Stationär- als auch im Online-Handel besser als der Markt entwickelt. Mit mehr als 280 Filialen in der  D-A-CH- Region wächst Thalia in beiden Kanälen. Aktuell steigt das stationäre Geschäft länderübergreifend um 1%, der Online-Verkauf um11% jährlich.

In der Doppelfunktion als Begegnungsstätte und digitaler „Touchpoint“  für ein lesefreudiges Publikum setzt Thalia in seiner Standortpolitik auf Hochfrequenzlagen  in Groß- und Mittelstädten. Kein anderer Buchhandelsfilialist ist in Österreichs Einkaufszentren so prominent vertreten wie Thalia. Ob im Wiener Donauzentrum, im Salzburger Europark; in der Paschinger Plus City: An 1A-Strandorten wie diesen verhelfen Mieter und Vermieter einander wechselseitig zu höherer Besucherfrequenz und längerer Aufenthaltsdauer. Neidvoll blicken Buchhändler der Wiener Wollzeile  auf die nahe gelegene Thalia Buchhandlung im ehemaligen AEZ auf der Landstraße. Als Bahnhofsbuchhandlung des Bahn-Knotens Wien Mitte darf diese Filiale das Jahr hindurch auch am Sonntag aufsperren. Zwei Millionen Besucherinnen  pro Jahr zeigen, wie sehr dieser Kulturtempel als Alternative zum Kaffeehaus von den Wienerinnen geschätzt wird.

Thalia als Plattform für KMU-Buchhändler?

In Zukunft will Thalia in Österreich maßvoll expandieren  und so die für den Unternehmenserfolg entscheidende Balance zwischen Bricks- und Clicks-Business wahren. Auf Anfrage der Handelszeitung, ob auch Franchise-Partnerschaften mit selbstständigen  Buchhändlern angedacht seien, gab Pretzl eine durchaus sphinxhafte Antwort: Schon jetzt  stehe Thalia als Plattform für firmenübergreifende Kooperationen zur Verfügung, als Beispiel nannte er die Partnerschaft  beim  E-Book Reader Tolino. Gemeinsam mit anderen großen  Buchhandelsketten hat Thalia dieses Gerät entwickelt und auf den Markt gebracht. Quer durch alle  Handelsbranchen haben sich neben den Online-Händlern  auch Online Plattformen (Marktplätze) etabliert, die von kleineren Händlern als Vertriebshelfer genutzt werden.

Die Zeit ist reif, dass sich die paar hundert  KMU Buchhändler in den Bezirksstädten überlegen, ob nicht eine Kooperation mit einem Omnichannel-Spezialisten wie Thalia als Überlebenshilfe gegen „die Masters of the Universe“ aus Seattle  angezeigt  wäre. Mit dem Herder Verlag als neuem Hauptgesellschafter hat Thalia ein weiteres Wettbewerbs-Atout im Ärmel. Zahlreiche Fachbücher werden heutzutage vom Verlag bei Autoren in Auftrag gegeben. Diese vertikale Integration von Verlag und Buchhandlung fördert im Sinne von „Efficient Consumer Response“ die nachfragegerechte  Lancierung von Best- und Longsellern. Amazon akquiriert Verlage, Verlage wie Herder legen sich wieder verstärkt Buchhandlungen zu. Eine neue Runde im Geschäft mit dem  geistigen Nahrungsmittel „Buch“ bahnt sich an.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger
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