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Nicht immer wirklich ganz so „offen-kundig“

23.01.2008

Öffnungszeiten. Seit 1. Jänner dürfen Geschäfte in Österreich werktags bis 21 Uhr und samstags bis 18 Uhr offenhalten.

Insgesamt ermöglicht die neue Regelung ein Offenhalten von bis zu 72 Stunden pro Woche, wobei der Sonntag nicht angetastet wird. Trotz dieser neuerlichen Liberalisierung hat Österreich im internationalen Vergleich nach wie vor „eines der restriktivsten Ladenöffnungsgesetze“. Das ist das Ergebnis einer Studie des Beratungsunternehmens RegioPlan.
Öffnungszeiten sind von Land zu Land sehr unterschiedlich geregelt, und einheitliche Normen bestehen nicht einmal innerhalb der EU. In kaum einem anderen Land ist die Öffnungszeiten-Regelung restriktiver als in Österreich. Nur Belgien, Deutschland, Italien und die Niederlande stehen demnach mit Österreich in einer Reihe. Zu den liberalsten Ländern gehören Irland, Kanada, Polen, Slowakei, Tschechien, Ungarn und die USA, die keinerlei Beschränkungen der Ladenöffnungszeiten vorschreiben. Was allerdings noch lange nicht bedeutet, dass diese Möglichkeit in der Praxis auch von allen Marktteilnehmern genützt würde. Von Liberalisierungen der Öffnungszeiten würden in erster Linie große Handelsagglomerationen und Filialisten profitieren, heißt es in der RegioPlan-Studie. Zu den Verlierern gehören jedenfalls die kleinen Händler in Nebenlagen, die sich nicht an die veränderten Marktbedingungen und Kundenbedürfnisse anpassen können.Dr. Nils-Christian Hakert, Geschäftsführer des Wiener Donauzentrums, ist ein typischer Repräsentant der Gewinnerseite und „freut sich sehr über die Möglichkeit, länger offen zu haben, und er nützt diese von Anfang an, also gleich ab dem 2. Jänner. Als Grundlage für diese Entscheidung gibt er interne Marktforschung und die positiven Erfahrungen mit dem langen Donnerstag bis 21 Uhr an: „War dieser anfangs noch ein Geheimtipp, wo man herrlich entspannt und relativ ruhig abends shoppen konnte, ist er inzwischen schon genauso stark wie der Samstag“, so Hakert. Trotzdem: Liberale Öffnungszeiten verstärken den bereits vorhandenen, langfristigen Prozess der Marktbereinigung (RegioPlan), ein Phänomen das, Stichwort „Greißlersterben“, durchaus nachdenklich stimmen sollte.
Des einen Freud’ …
Nah & Frisch-Großhändler KR Peter Kastner von der Firmengruppe Kastner: „Aus meiner Sicht, wobei ich natürlich in erster Linie über den Lebensmittelhandel sprechen kann, besteht für die Liberalisierung keine wirkliche Notwendigkeit. Und wir wissen, dass diese Liberalisierung weder von den Kunden noch von den Kaufleuten oder deren Mitarbeitern gewünscht ist.“
Ähnliches geht übrigens auch aus einer aktuellen Marketagent online-Studie hervor: Demnach zählen für die Kunden in erster Linie das Preis-/Leistungsverhältnis sowie die Kompetenz und die Freundlichkeit des Personals. Lange Öffnungszeiten befinden sich hingegen im letzten Drittel der aus Kundensicht wichtigen Aspekte für die Auswahl eines bestimmten Händlers. Thomas Schwabl, Geschäftsführer von Marketagent.com: „Lediglich 31,5 Prozent der Befragten bewerten die Möglichkeit, auch zu späterer Stunde einkaufen zu können, als ,Sehr wichtig‘. Damit liegen die langen Öffnungszeiten auf Platz 16 von insgesamt 22 vorgelegten Kriterien.“ Bei Tankstellenshops, in der Systemgastronomie und dem LEH kommt dem Thema „Öffnungszeiten“ indessen eine höhere Priorität zu: 37% der Befragten messen diesen eine hohe Priorität bei. Davon ganz abgesehen, so räumt KR Kastner ein, habe auch die Politik vor der letzten Wahl diesbezügliche Zugeständnisse gemacht, und nun hätten wir aber eine Regelung, die niemand wirklich braucht. „Bei gleichbleibender Kaufkraft im Land kann der Umsatz nicht mehr werden, daher bringt die Liberalisierung kein betriebswirtschaftliches Plus, außerdem: Haben sich vor der Neuregelung Billa eher auf das Abendgeschäft, Adeg und Spar auf das Morgengeschäft hin positioniert, so kommt es jetzt zu einem neuerlichen Verdrängungswettbewerb und einer weiteren Ausdünnung der Nahversorger. Ein Teufelskreis, der nicht im volkswirtschaftlichen Interesse liegen kann“, so Kastner.

Differenziert sieht Dkfm. Andreas Poschner, Vorstandssprecher der Adeg Österreich Handelsaktiengesellschaft, den Umgang mit den Ladenöffnungszeiten: „Für viele unserer Kaufleute, die mit ihren Geschäften im Wesentlichen eine Nahversorgerfunktion erfüllen, sind üblicherweise 66 Öffnungsstunden ausreichend.“
Darüber hinaus gebe es Mitgliedsbetriebe, die an verkehrsorientierten Standorten liegen. Für diese ergäben sich durch die 72-Stunden-Regelung neue Umsatzpotenziale, etwa am Morgen, wenn die Kunden am Weg zur Arbeit sind. „Damit kann die aktuelle Regelung zwar Chancen eröffnen, wird aber für den Großteil der Adeg-Kaufleute keine Erleichterung darstellen“, so Poschner.
Was die Kunden wollen
Die RegioPlan-Studie vermutet übrigens, dass die Ausweitung der Öffnungszeiten eine Anpassung an veränderte Familienstrukturen und flexiblere Arbeitszeiten erlaube.
Der Markt entspreche damit den veränderten Kundenbedürfnissen, und der Handel generiere positive Auswirkungen auf Umsatz und Beschäftigung. „Wir rechnen mit einem Plus von maximal 1,5 Prozent“, schätzt RegioPlan-Geschäftsführer Wolfgang Richter. Über die mit der neuen Regelung erreichte größere Flexibilität freut sich Spar-Unternehmenssprecherin Mag. Nicole Berkmann: „Wir sind mit der 72-Stunden-Regelung absolut zufrieden. Wesentlich ist die Möglichkeit, auf der Großfläche am Samstag bis 18.00 Uhr offenzuhalten. Uns geht es in erster Linie darum, noch flexibler auf Kundenbedürfnisse einzugehen.“
Ein Standpunkt, wie er auch von Rewe-Sprecherin Corinna Tinkler formuliert wird: „Jede unserer rund 1.900 Filialen passt ihre Öffnungszeiten an die Kundenwünsche an und agiert im Interesse der Konsumenten.“ Natürlich könne sich das Kaufverhalten weiter ändern. „In diesem Fall müssten wir uns die Öffnungszeiten dann nochmals anschauen“, so Nicole Berkmann. Hinsichtlich zusätzlichen Personalbedarfs ist man sich in der Salzburger Spar-Zentrale noch nicht ganz sicher. Berkmann: „Wir befinden uns jetzt in einer Testphase und werden in den nächsten Wochen sehen, wie sich die neuen Öffnungszeiten in der Praxis einspielen.“
Ganz ähnlich sieht man dies sowohl bei Rewe als auch in der Zentrale der dm drogerie markt GmbH. Mag. Stefan Ornig, Leiter der dm-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: „Wir sind mit der neuen Regelung zufrieden, werden die Öffnungszeiten der einzelnen Filialen aber an das jeweilige Umfeld anpassen.“ Zusätzlicher Mitarbeiterbedarf zur Gewährleistung der von den Kunden erwarteten Servicequalität ergebe sich schon aus den neuen, die Verrechnung von Überstunden betreffenden gesetzlichen Regelungen. „Wieviel davon auf das Konto verlängerter Öffnungszeiten geht, wird die Zukunft zeigen“, so Ornig. Wobei der PR-Verantwortliche davon ausgeht, „dass wir mit den derzeitigen Regelungen das Auslangen finden, daher: Wir brauchen es nicht noch liberaler. Uns ist eine gute Balance zwischen den Bedürfnissen unserer Kunden und Mitarbeiter wichtig.“ Für Rewe decken die Vertriebslinien – in Abstimmung mit den Sozialpartnern und im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten – den erhöhten Bedarf mit dem bestehenden Personal ab.
Das bedeutet, dass Teilzeitmitarbeiterinnen und -mitarbeiter von Billa, Merkur, Penny und Bipa nach Wunsch ihr bestehendes Stundenkontingent ausweiten können. In jenen Filialen, wo mehr Umsatz generiert wird, werden zusätzliche Einstellungen erfolgen. „Es wird sich aber erst in den nächsten Wochen zeigen, wie hoch der zusätzliche Personalbedarf sein wird“, gibt sich Rewe-Sprecherin Corinna Tinkler flexibel.
Selbstständige Kaufleute haben in der derzeitigen Situation wieder einmal die Qual der Wahl: Halten Sie länger offen, riskieren sie damit höhere Personal- und Gemeinkosten. Dafür haben sie allerdings die Chance auf zusätzliche Kundenfrequenz und höhere Umsätze.
Daher das Fazit für Adeg: Für viele Kaufleute passt die Regelung der 66 Wochenstunden, und – auch wenn 72 Stunden Ladenöffnungszeiten einigen Kaufleuten zusätzliche Umsatzperspektiven schaffen sollten – für den Großteil der Adeg-Kaufleute wird die aktuelle Regelung keine Erleichterung darstellen. Bei Spar meint man lakonisch, dass die selbstständigen Kaufleute mit ihrem Standort wohl am besten vertraut wären, sie „kennen unsere Empfehlungen und können natürlich weiterhin selbst entscheiden, wann sie offenhalten.“
Die RegioPlan-Studie konzidiert den Kleinen jedenfalls, dass sie mangels Ressourcen nicht ausreichend auf neue Marktbedingungen reagieren könnten und weiter Marktanteile verlieren würden. Wobei das neue Gesetz diesen Prozess beschleunigen werde.
Silberstreif für Greißler?
„Wichtig ist es, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern Chancen zu finden und wahrzunehmen“, tröstet RegioPlan-Expertin Hanna Bomba-Wilhelmi. Auch kleine Händler könnten von der Liberalisierung profitieren – wenn sie nur rechtzeitig auf die Veränderungen am Markt reagieren. So könnten sich Händler durch flexiblere Öffnungszeiten vom Mitbewerb abheben.

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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