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Frank Hensel, der Vorstandvorsitzende der Rewe International AG, erklärt „Barrierefreiheit“ in den Filialen zum Chefthema.

Ohne Barrieren im Kopf

10.04.2015

DisAbility Performance Austria hilft Unternehmen beim Thema Barrierefreiheit über die gesetzlichen Vorschriften hinauszudenken und das Thema in die Unternehmensstrategie zu integrieren, sprich: zu den Menschen zu bringen. Davon profitieren Kunden wie Mitarbeiter gleichermaßen. Vorreiter auf diesem Gebiet sind Bank Austria und der Lebensmittelkonzern Rewe International AG.

Rund 15 Prozent der österreichischen Bevölkerung haben eine Behinderung, Tendenz steigend. Dazu kommt eine Überalterung der Gesellschaft, mit all ihren Einschränkungen. In Summe kann man also davon ausgehen, dass die Bedürfnisse von mindestens 1,2 Millionen Menschen von der Wirtschaft wenig bis gar nicht beachtet werden – ob als Arbeitnehmer oder als Kunde. Durch die demographische Entwicklung wird diese Gruppe noch weiter wachsen, und Unternehmen vor neue Herausforderungen stellen. Damit sind nicht die gesetzlichen Vorgaben gemeint, sondern die gesellschaftliche Verantwortung und die Chancen, die darin liegen. Dafür braucht es das nötige Wissen und die richtige Strategie. Und die hat Gregor Demblin, DisAbility Experte und Gründer von DisAbility Performance Austria – einerseits durch seiner persönlichen Erfahrungen (Demblin sitzt seit einem Unfall in der Jugend im Rollstuhl), andererseits aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit diesem Thema.

 

Barrierefreiheit als wirtschaftliche Chance

Für Demblin ist die größte Barriere in den Köpfen. Da kann die Politik, mit all ihren Vorgaben und Vorschriften, nichts ausrichten. Aber die Wirtschaft kann es, davon ist Demblin überzeugt. Sie hat die Kraft, dieses Zukunftsthema anzugehen, um ungenützte Ressourcen am Arbeitsmarkt und nicht ausgeschöpftes Konsumpotenzial zu nutzen und damit der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung entgegenzuwirken. Für ihn ist Barrierefreiheit ein Allroundbegriff, der die gesamte Geschäftstätigkeit eines Unternehmens umfassen soll – angefangen beim Recruiting, über technisch angepasste Arbeitsplätze bis hin zu flexiblen Arbeitsplatzreglungen. „Unser Ziel ist es, ein Umdenken innerhalb der Unternehmen zu erreichen, damit die Barrierefreiheit nicht mehr als Hürde, sondern als wirtschaftliche Chance gesehen wird“, so Demblin. Für diese Überzeugungsarbeit brauche es Partner aus der Wirtschaft, die sich in diesem Bereich engagieren. Mit Bank Austria und der Rewe International AG hat Demblin zwei große Partner gefunden. Beide Unternehmen haben sich, unter Einbeziehung aller Bereiche, einem DisAbility-Performance-Check unterzogen.

 

Rewe installiert eigenen DisAbility-Manager

Von den 270 möglichen Punkten, die ein Unternehmen erreichen kann, hat Rewe International 93 Punkte erreicht. Das sind rund 30 Prozent, und laut Gregor Demblin ein guter Standard. Trotzdem hat das Ergebnis die Führungsebene, allen voran Rewe Group-Vorstandsvorsitzenden Frank Hensel, nachdenklich gemacht. Immerhin beschäftigt sich Rewe bereits seit 2008 mit dem Thema DisAbility und hat durch Kooperationen mit Organisationen, wie dem Bundesverband für Menschen mit Behinderung (ÖZIV) und der Lebenshilfe, zahlreiche Projekte in den Handelsfirmen Billa, Merkur, Bipa, Penny und Adeg sowie in den Zentral- und Lagerbereichen auf Schiene gebracht, wie Hensel berichtet. Nun hat sich die Geschäftsführung dazu entschlossen das Thema auf eine breite Basis zu stellen und integriert die Ergebnisse des Checks in die Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens. Als erster Schritt werden die vielen Einzelinitiativen jetzt unter einem strategischen Dach vereint. Gleichzeitig installiert Rewe einen eigenen DisAbility-Manager und interne Arbeitsgruppen aus Menschen mit und ohne Behinderung.

 

Barrierefreie Standards für alle Rewe-Filialen

Rewe baut damit innerhalb des Unternehmens ein eigenes Netzwerk für seine DisAbility-Strategie auf. Mit einbezogen werden internationale Beispiele und vor allem Erfahrungen österreichischer Partnerunternehmen der Plattform „DisAbility Performance Austria“, wie die der Bank Austria. Das Bankinstitut ist ein Vorreiter beim Thema Barrierefreiheit – unter anderem durch SB-Geräten in geeigneten Höhen inklusive Audio-Guide, Induktionsgeräten für Menschen mit Hörbehinderungen an den Beratungsplätzen, Visitenkarten in Brailleschrift und speziell in Gebärdensprache geschulte Mitarbeiter (derzeit 6 Personen). Die Ziele der Rewe Group, die schon jetzt deutlich über 90 Prozent der Filialen ihrer Handelsfirmen baulich barrierefrei gestaltet hat, sind daher groß. „Wir sind derzeit dabei, für die restlichen Filialen individuelle Lösungen zu erarbeiten und den Anteil von Menschen mit Behinderung in der Belegschaft innerhalb der nächsten Jahre zu verdoppeln“, sagt Hensel.

Momentan haben nur 350 von rund 40.000 Mitarbeitern in Österreich einen Feststellungsbescheid. Deshalb werden nun in Jobausschreibungen Menschen mit Behinderung gezielt angesprochen. Ein ganz besonderes Projekt, das sich derzeit in der absoluten Planungsphase befindet, ist die barrierefreie Musterfiliale in Wien. Diese wird nicht nur rollstuhlgerecht sein, sondern auch über Angebote für seh- und hörbehinderte Menschen verfügen. Aus diesen Erfahrungen will die Rewe Group dann für alle Vertriebsschienen Standards entwickeln, die in Zukunft auch bindend sein sollen. (AR)

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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