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ORF schau, wo deine Weisheiten übers Essen herkommen!

29.05.2018

Schade! „Schau, wo dein Essen herkommt“, die diesjährige „Mutter Erde“ -Kampagne  des ORF wäre ein guter Anlass gewesen, die Gesamtverantwortung der Lebensmittel-Wertschöpfungskette - vom Bauern über die Agrarindustrie bis zum  Supermarkt - für nachhaltige Landwirtschaft und gesundes Essen aufzuzeigen. Stattdessen serviert uns die Wrabetz-Truppe  ein Info-Ragout aus Öko-Fundamentalismus und Regionalitäts-Verklärung, aufgepeppt mit  esoterischen Halbweisheiten.

So stellte in der Sendung „Am Schauplatz“ (ORF 2 Freitag, 25. Mai) der spätberufene oststeirische  Bio-Bauer Josef Zotter den Prototyp einer aus Deutschland stammenden, in Österreich noch nicht zugelassenen, mobilen Schlachtbox für die Hofschlachtung auf der Weide vor. Ein, wie es scheint, weder veterinärbehördlich noch ökonomisch ausgereifter Beitrag zur Enttabuisierung des Schlachtvorgangs bei Nutztieren.  Dafür aber ein todsicherer Beitrag zur Vegan-Bewußtseinsbildung, die bekanntlich auch den Verzicht auf Milchschokolade mit einschließt. Düstere Aussichten für die Milka-Kuh.

Ebenfalls am Freitag den 25. Mai interviewte die Philosophie-Auskennerin und evangelische Theologin Renata Schmidtkunz im Kultursender ORF 1 unser aller Bio-Pionier Werner Lampert. Ihre Fragen zielten darauf ab, die Hörerinnen und Hörer zurück zum Ursprung der Lampert’schen Vorstellungswelt von nachhaltiger Landwirtschaft und gesunder Ernährung zu führen. Da war viel von Rudolf Steiners Anthroposophie (der auch dm-Gründer Götz Werner anhängt), Lamperts Orientalistik-Studium und der römischen Göttin Ceres die Rede, die als  „Mutter Erde“ für den spirituellen Überbau der ORF-Serie sorgt. Ceres hieß in der griechischen Götterwelt Demeter und so kann sich auch die gleichnamige Bio-Organisation auf heidnischen Götterkult berufen. Natürlich durfte der berühmte, aber wissenschaftlich bislang  nicht verifizierte Paracelsus-Sager: „Der Mensch ist, was er isst“ nicht fehlen. Lamperts Expertise: “Diesem Satz kann ich vollinhaltlich zustimmen“. Wow!

Aber auch Gschmackiges wurde bei diesem Es(s)oterik-Grundkurs aufgetischt, Befragt, warum er ausgerechnet dem Discounter Hofer, einem Händler, der für besonders billige Lebensmittel bekannt ist, bei der Beschaffung  der naturgemäß teureren Bio-Produkte behilflich sei, gab Lampert Verblüffendes von sich: Während die Supermarktketten aufgrund ihrer hohen Kosten bei Bio-Produkten Aufschläge von 40 bis 60% kalkulieren müssten, könne Hofer es sich wegen seiner deutlich geringeren Kosten leisten, den Bio-Lieferanten höhere Preise zu bezahlen. Stimmt das? Von Expertenseite wurde bestätigt, dass Hofer, beispielsweise bei der Zurück zum Ursprung-Milch seinen Vertragsbauern Zuschläge bezahlt, die über dem Branchenschnitt für Bio-Milch liegen, allerdings ist dieser Aufpreis an zusätzliche Auflagen geknüpft, was die regionale Herkunft betrifft. Eine Praxis, die der landesweiten Solidarität innerhalb der Bauernschaft einem permanenten Härtetest unterzieht. Übrigens war Hofer früher schon Sponsor der „Mutter Erde“ –Kampagne, heuer ist Lidl an der Reihe. Also jenes Filialunternehmen, das seit ein paar Jahren zur Aufholjagd gegenüber Spar, Rewe und Hofer bläst, was die Reduzierung von Frischwaren-Importen zugunsten eines verstärkten Einkaufs bei österreichischen Produzenten betrifft.

Rettung der Artenvielfalt steht auch auf der Agenda der  Mutter Erde-Programmleiste. Lampert argumentiert da recht geschmeidig. Er findet es sehr beklagenswert, dass viele alte Obstsorten, die sein Leben als Kind bereichert hatten, mittlerweile fast ausgestorben sind. Anderseits aber sei beim Gemüse eine gegenteilige Entwicklung zu beobachten. Heutzutage könnten die Konsumenten, beispielsweise bei den Paradeisern, zwischen viel mehr Sorten wählen als früher. Mutiert der Bio-Apostel am Ende zum kreativen Food Stylisten?

Tomaten 4.0 gibt’s nicht in Bio

Gerade das Beispiel der Tomaten zeigt, dass  das Begriffspaar „regional & saisonal“, einer der Aufhänger der ORF-Kampagne, einige Brisanz birgt. „Eine Tomate hat 2.500 km hinter sich. Die andere kommt vom Bauern ums Eck“  heißt es im betreffenden Werbesujet mit der Titel „Regional. Saisonal. Mir egal?“  Der Paradeiser-Bauer um Ecks für die Konsumenten, die östlich von Wien daheim sind, ist der Gärtner Christian Zeiler mit seinem, vor gut zwei Jahren in Betrieb genommenen Riesenglashaus in Enzersdorf a/d Fischa. Das Thema „Saisonalität“, mit dem die  Freiland-Bauern argumentieren, ist bei Zeiler gegessen, denn seine Tomaten gibt es erntefrisch das ganze Jahr hindurch. Und sie tragen solcherart dazu bei, dass die Umweltbelastung durch das Herbeikarren ausländischer Paradeiser reduziert wird und mehr Wertschöpfung im Lande bleibt. Die Öko-Bilanz der heimischen  Glashausproduktion hat freilich auch ihre Passivseite. Auch wenn Biogas-Heizung und Ökostrom in die Nachhaltigkeit einzahlen, und Nützlinge gegen schädliche Insekten antreten, mit  naturnaher Landwirtschaft hat das Projekt wenig zu tun. Nicht Mutter Erde, sondern eine Nährlösung lässt die Pflanzen gedeihen, nix ist es also mit Bio-Paradeisern aus dem Bauernhof 4.0.   

Öko-Landwirtschaft als alleiniges Universalheilmittel gegen Klimawandel, Welthungerkrise  und ernährungsbedingte Krankheiten, diese Rechnung kann nicht aufgehen. Aber sie wird nichtsdestotrotz immer wieder angestellt. So kommt die jüngst veröffentlichte Biostudie der Boku Wien, verfasst von Thomas Lindenthal, interimistischer Leiter des „Zentrums für Globalen Wandel“ zum Schluss, dass eine flächendeckende Umstellung auf biologische Landwirtschaft (genauer gesagt, auf biologischen Landbau) die Nahrungsmittelversorgung der gegenwärtigen österreichischen Bevölkerung sicherstellen kann. Vorausgesetzt, dass die vermeidbaren Lebensmittelabfälle um 25% oder (!) der Fleischkonsum um 10% reduziert wird. Letzteres wäre auch für die Gesundheit der Bevölkerung von großer Bedeutung. Aber das ist wieder eine andere Geschichte, wie überhaupt die dogmenhafte Gleichsetzung von Bio-Lebensmitteln und gesundem Essen keine gmahte Wiesn ist. In der Pressemitteilung des ORF zum Start der Kampagne erfährt man, dass laut FAO Mutter Erde  bereits heute 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Ohne radikale Umstellungen, sondern nur durch eine nachhaltigere  Produktion, Verteilung und Nutzung von Nahrungsmitteln. Aber wer sagt denn, dass Nachhaltigkeit mit Bio-Landwirtschaft gleichzusetzen ist?  Da wird ein Teil als das Ganze ausgegeben. Gerade in der Öko-Szene tummelt sich der Typ des schrecklichen Vereinfachers (simplificateur terrible), vor dem der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt, dessen 200. Geburtstag dieser Tage begangen wird, eindringlich warnt.      

Denn wenn alles so einfach wäre, warum dreht dann sich in Österreich, in Europa, auf der ganzen Welt die Diskussion über Landwirtschaft, gesunde Ernährung und klimaschonende Nachhaltigkeit seit Jahren im Kreis? Warum geht konkret so wenig weiter? Und was kann der ORF mit seiner Kampagne zur Problemlösung in unserem Land beitragen?  Immerhin geht die Kampagne heuer bereits in die fünfte Runde. Bisherige Themen waren Wasser (2014), Bienen (2015), Lebensmittelverschwendung (2016) und Klimaschutz (2017). Das Publikum aufzurütteln, für die vielen Facetten der Nachhaltigkeit und der gesunden Ernährung  zu sensibilisieren, dieser Aufgabe kommt die größte Medienorgel des Landes gewiss nach. Aber es reicht nicht, mit dramaturgischem Geschick Horrorszenarien über das Heute und Heile-Ökowelt-Szenarien für das Morgen über den Äther zu verbreiten.  

Warum bleibt die Food Value Chain ausgeklammert?

Ein erster Schritt zu mehr Realitätsnähe und ausgewogener Öko-Berichterstattung wäre, die Tricks zu entlarven, mit denen NGOs, Gurus und Skandalisierungs-Profis unter den Buchautoren und Filmregisseuren arbeiten, wenn sie ihre platt-plakativen Botschaften verkünden. Wir preisen unser Österreich als Bio-Musterland Europas mit dem Argument, in keinem anderen Land sei der Anteil der Bio-Bauern so hoch wie bei uns. Von einer Rekordquote in Höhe von  20% ist da die Rede. Aber was sagt dieser Prozentsatz aus? Dass wir in den westlichen Gebirgsregionen viele kleinbäuerliche Betriebe haben, wo das Vieh auf den Almen weidet und deshalb günstige Rahmenbedingungen für eine EU-geförderte  Biomilch-Produktion gegeben sind. Aber die ultimative Bio-Erfolgsformel für die Schweine- und Geflügelmast in Ober- und Niederösterreich, den Obstbau in der Steiermark, den Gemüse- und den Weinbau im Burgenland ist nicht in Sicht. Vogelgrippe und Schweinepest stellen die Bio-Freilandhaltung vor große Herausforderungen. Bio und Hygiene sind nicht immer kompatibel. Es ist wohl kein Zufall, dass kürzlich eine Handelskette bei einem Laufhuhn-Fleisch eine Rückruf-Aktion wegen Salmonellen-Verdacht starten musste. Weil die Getreidebranche sich weigert, sich an den Kosten für die RollAMA zu beteiligen, bleibt der Marktanteil von Bio-Brot und -Gebäck eine Dunkelziffer. Tierwohl-Schweinefleischqualität aus konventioneller Mast ist drauf und dran, dem Bio-Schweinernen den Rang abzulaufen. Und vor allem: Der Wettlauf um EU-Subventionen schürt die Animositäten zwischen Bio-Kleinbauern und den konventionell wirtschaftenden Mittel- und Großbauern, die aus dem ÖPUL-Fond Fördergelder beziehen.

Mangelnde Ausgewogenheit ist der ORF-Kampagne auch beim Blick auf die „Mutter Erde“ - Vereinsmitglieder und den Experten-Beirat vorzuwerfen. Da finden sich jede Menge NGOs, von WWF  und Greenpeace bis zum Alpenverein und den Naturfreunden. Die Lebensmittelwirtschaft hingegen darf sich nur als Sponsor betätigen. Würde sie  ihre Expertise einbringen, widerspräche das wohl dem Objektivitätsgebot des ORF. Ob die NGOs mit  ihrem Öko-Populismus immer objektiv und sachbezogen argumentieren, wird nicht hinterfragt.

Ein Schönheitsfehler?  Mehr als das. Denn, wenn die vertikale Kooperation entlang der Food Supply & Value Chain „from stable to table“  ausgeklammert bleibt, dann bleibt auch der Kernansatz zu praktikablen Lösungen des Problems außer Betracht. Es sind die großen Handelsketten, die im Wettbewerb untereinander den größten Betrag dazu leisten, dass der Esstisch von Familie Österreicher mit nachhaltigen, regionalen und gesunden Lebensmitteln reich gedeckt ist. Vorschlag an den ORF: Vielleicht könnte man die nächste "Mutter Erde"-Kampagne unter das Motto. „Effizientes und verantwortungsvolles Nachhaltigkeits-Marketing in der Lebensmittelwirtschaft“ stellen?         

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