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Plastikgipfel: Sackerlverbot alleine ist zu wenig

08.01.2019

Das Verbot von Einwegtragtaschen aus Plastik wird nicht ausreichen, die EU-Recyclingziele 2025 zu erreichen - die ARA fordert einen weiter gehenden Aktionsplan. Die WKÖ widerspricht der Argumentation.

Beim Runden Tisch „Kunststoffverpackungen“ im Bundeskanzleramt vom 8. Jänner 2019 fordert die Altstoff Recycling Austria AG (ARA) einen raschen Handlungsplan von Politik und Wirtschaft für den Umgang mit Kunststoff und Kunststoffverpackungen. „Wir freuen uns über den offenen und sachlichen Dialog der Bundesregierung mit den Stakeholdern zu diesem wichtigen Thema. Die geplanten Vorhaben wie das Plastiksackerlverbot betreffen allerdings weniger als 2 % aller Kunststoffverpackungen. Damit allein werden wir die hohen EU-Recyclingziele 2025 nicht erreichen, für die wir das Recycling von heute 100.000 t pro Jahr auf 150.000 t pro Jahr steigern müssen“, so ARA Vorstand Christoph Scharff.

Wie kann es funktionieren?

„Für die EU-Recyclingziele 2025 brauchen wir in den nächsten Jahren massive Innovation und Investition. Wir wollen Primärrohstoffe schonen und den Einsatz von Recyclingmaterial massiv steigern. Dafür benötigen die Unternehmen Planbarkeit, Klarheit über die Ziele und Vertrauen in die Umweltpolitik. Dies soll eine Kunststoff Roadmap 2030 evidenzbasiert liefern“, so Scharff.Kunststoffwirtschaft ist eine Querschnittsmaterie von Energiepolitik, Industrie- und Rohstoffpolitik, Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft: Alle diese Bereiche beschäftigen sich mit dem Management von Kohlenstoff. Als Baustein in einer sektorübergreifende Carbon Strategy soll die Kunststoff Roadmap 2030 auf wissenschaftlicher Basis drei Fragen beantworten:

1. Woraus wird Kunststoff zukünftig hergestellt?

2. Wo wird Kunststoff in Zukunft sinnvoll in kurz- und langlebigen Anwendungen ressourcenschonend zum Einsatz kommen?

3. Wie wird Kunststoff möglichst lange und sinnvoll im Ressourcenkreislauf gehalten, hochwertiges Recycling erreicht und Verluste in die Umwelt minimiert?

„Damit schaffen wir einen Innovationsschub in der Kreislaufwirtschaft, wir schaffen Wettbewerbsvorteile für österreichische Unternehmen im internationalen Wettbewerb und erreichen jene volkswirtschaftliche Dimension, die wir für den heimischen Wirtschaftsstandort brauchen“, unterstreicht Scharff die Notwendigkeit der Initiative.

Widerspruch aus der Wirtschaft

„Die Wirtschaft sieht Verbote von Verpackungen und Tragetaschen kritisch“, sagt Peter Buchmüller, Obmann der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Der Handelsobmann verweist auf die Fakten: „Beim Thema Einwegsackerl hat Österreich im europäischen und internationalen Vergleich eine exzellente Performance vorzuweisen: Der Verbrauch von Einweg-Plastiksackerln ist dank der Initiative der Wirtschaft spürbar zurückgegangen. Für alle Wertstoffe, auch Kunststoffe, steht ein flächendeckendes Sammelsystem zur Verfügung. Und mehr als 90 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten machen bei der Wertstofftrennung mit.“ Wie gut Österreich seine Hausaufgaben erfüllt hat, zeigt sich darin, dass es seine Jahresmenge pro Einwohner in den letzten Jahren um 40 Prozent von 50 auf 30 Stück gesenkt hat, während andere Länder mit einem Pro-Kopf-Jahresverbrauch von 100 Sackerln und mehr gestartet sind. Damit unterschreitet Österreich laut einem Bericht des Nachhaltigkeitsministeriums schon jetzt die Vorgabe der EU für 2025 von 40 Stück pro Einwohner und Jahr.

Kunststoffverpackungen sind ökologisch sinnvoll

„Ein Bashing von Kunststoffverpackungen ist nicht angebracht“, so Buchmüller. „Verpackungen müssen viele Anforderungen erfüllen: Besonders wichtig ist der Schutz der Ware vor Beschädigung beim Transport und vor Verderb. Adäquate Verpackungen verhindern, dass Produkte - insbesondere Lebensmittel - zu Abfall werden. Wer bei der Verpackung am falschen Platz spart, riskiert große Ressourcenvergeudungen.“ Durch ihr geringes Gewicht verbrauchen Kunstsoffverpackungen beim Transport zudem weniger Energie.

Handelsverband: Gleiche Pflichten für alle!

„Das Verbot von Plastiksackerln ab 2020 sehen wir als Chance für einen größeren Wurf. Dazu müssen aber auch Internet-Händler und Marktplätze regulatorisch miteinbezogen werden, um ein faires Level Playing Field für alle Marktteilnehmer sicherzustellen. Es wäre unverständlich, wenn das Verbot nur jene belastet, die Wertschöpfung und Beschäftigung in Österreich sicherstellen, aber jene digitalen Player außen vor lässt, die unser Land mit einer Plastikmüll-Lawine überrollen", empfiehlt Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will. Viele Online-Händler aus Drittstaaten zahlen überdies kein Entpflichtungsentgelt für ihre nach Österreich gelieferten Verpackungen, obwohl sie dazu gesetzlich verpflichtet wären. Eine strengere Ahndung wäre wichtig, um Marktverzerrungen zu vermeiden. „Entscheidend ist darüber hinaus, dass das Verbot branchenübergreifend gilt, also auch für Gastro-Lieferservices, Bäckereien, Würstelbuden und Apotheken", sagt Will.

Ausnahmen vom Verbot wären allerdings in jenen Bereichen wichtig, wo keine ökologisch und ökonomisch sinnvollen Alternativen bestehen, insbesondere hinsichtlich Hygiene (z. B. Frischfleisch, Fisch), Sicherheit (z. B. scharfkantige Artikel wie Schrauben; aber auch bei Duty Free Shops/Flughafen-Kontrollen) und Wasserdichtheit (z. B. Wasserpflanzen, Lebendfische).

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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