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Preisdiskussion beeinflusst Kaufverhalten kaum

03.01.2008

Das subjektive Preisempfinden und die tatsächliche Preisentwicklung im Lebensmittelbereich klaffen dramatisch auseinander. Die KonsumentInnen verfolgen die Diskussion um die Lebensmittelpreise zudem weniger intensiv, als vielleicht erwartet. Schlecht Informierte mit geringem Einkommen empfinden die Preisentwicklung am dramatischsten.

Als Profiteure von Lebensmittelpreiserhöhungen werden am ehesten die Handelsketten und die verarbeitenden Betriebe gesehen. Die Solidarität mit den Bauern hingegen wäre groß. Auswirkungen auf das Kaufverhalten aufgrund der Preissituation sind aber kaum zu erwarten, zumal auch gleichzeitig fast jeder mit weiteren Preissteigerungen rechnet. Das ergab eine RollAMA* Motivanalyse, die im Herbst 2007 unter 400 Befragten durchgeführt wurde. Analysen des Verbraucherpreisindex ergeben, dass Lebensmittel im Vergleich zum Nettolohn noch nie so günstig waren wie 2007. Lediglich 13% des Einkommens gehen in diesen Bereich.

Preisberichte: Mehrheit eher am Rande interessiert
Nur ein Drittel der Bevölkerung verfolgt die Preisberichte sehr genau. Mehr als die Hälfte ist nur am Rande interessiert und der Rest kümmert sich um das Thema überhaupt nicht. Am schlechtesten informiert ist die Altergruppe der Haushaltsführer (HHF) bis 29 Jahre, am besten informiert sind die über 50-jährigen. Interessanterweise verfolgen gerade jene mit dem höchsten Haushaltseinkommen (über 2.900 EURO) die Preisdiskussion am genauesten. Darüber hinaus bewegt die Entwicklung der Lebensmittelpreise eher die Gemüter am Land, also in den Dörfern und kleinen Städten. Die Großstädter setzen sich am wenigsten damit auseinander.

Preiseinschätzung unterschiedlich nach Info-Stand
Rund die Hälfte der KonsumentInnen (49%) empfindet die Preissteigerungen im Lebensmittelhandel als stark, darunter wesentlich mehr Frauen als Männer. Am dramatischsten sehen dies die über 50-jährigen und die Hauhalte mit dem geringsten Einkommen. Wer schlecht informiert und sozial schwach ist, empfindet die Preissteigerungen auch am stärksten. Wer sozial stark ist, schätzt die Preissteigerung auch am geringsten ein. Am deutlichsten wurden die Preissteigerungen bei Milch und Brot beobachtet, obwohl laut RollAMA die Durchschnittspreise bei Obst und Gemüse am stärksten gestiegen sind. Nur wenige (8%) betrachten die Preissteigerungen als gerechtfertigt. Die Mehrheit, rund zwei Drittel, haben grundsätzlich weniger Verständnis dafür.

Deutliche Solidarität mit den Bauern
Wer die Preissteigerungen für gerechtfertigt hält, tut dies in erster Linie aus Solidarität mit den Bauern (45%), oder ganz einfach aus dem Bewusstsein heraus, dass auch andere Preise steigen (26%). Kaum ins Gewicht fallen in dieser Beurteilung Unwetter und Ernteausfälle oder die Nivellierung durch die EU. Als Profiteure werden ganz klar die Handelsketten (51% aller Befragten) und die Lebensmittel verarbeitenden Betriebe gesehen. Lediglich 3% glauben, dass auch die Bauern etwas vom großen Preiskuchen abbekommen.

Kaum Änderungen im Kaufverhalten
Eine nachhaltige Änderung des Einkaufverhaltens der KonsumentInnen ist nicht zu erwarten. Mehr als 70% geben an, weiter so einzukaufen wie bisher. Von jenen restlichen 30%, die ihr Einkaufsverhalten überdenken, ist zu erwarten, dass sie gezielt nach Sonderangeboten suchen (76%), weniger zu teuren Produkten greifen, auf andere Marken ausweichen oder eventuell häufiger als bisher Diskonter aufsuchen. Hingegen will nur eine kleine Gruppe vermehrt auf Großpackungen zugreifen oder überhaupt weniger kaufen. Beachtliche 87% rechnen auch in den nächsten Jahren mit Preissteigerungen und sehen dieser Entwicklung scheinbar gefasst ins Auge. Eine verschwindend geringe Minderheit erwartet andere Zukunftsszenarien.

Die Realität: Lebensmittel günstig wie nie zuvor
Eine Detailanalyse der Daten des Verbraucherpreisindex (VPI) der Statistik Austria bestätigt im ersten Moment die Einschätzung der KonsumentInnen. In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres sind die Endverbraucherpreise für Lebensmittel um durchschnittlich 3,6% gestiegen, im Monat November mit + 6,6% noch deutlicher. Das ist insgesamt durchaus mehr als der allgemeine Verbraucherpreisindex in diesem Zeitraum.
In der Langzeitbetrachtung über 20 Jahre relativieren sich die Ergebnisse aber stark. Zwischen 1986 und 2006 sind die Preise allgemein um 54%, die Preise für Lebensmittel jedoch nur um 33% gestiegen. Eine noch stärkere Diskrepanz ergibt sich, wenn man die Preisentwicklung von Lebensmitteln mit dem Netto-Lohn-Index in Österreich vergleicht. Dieser ist im selben Zeitraum um mehr als 70% gestiegen. Nach realer Kaufkraft berechnet, sind Lebensmittel in den vergangenen 20 Jahren also sogar günstiger geworden. Anfang der 1950er-Jahre beispielsweise gaben die Menschen noch rund die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel aus, im Jahre 2007 waren es nicht einmal 13%.
Die "Sieger" im Bezug auf die Preisentwicklungen in den letzten 20 Jahren betrachtet, sind die Bereiche Erziehung, Gesundheitspflege, Restaurants, Wohnung/Energie, Dienstleistungen und Verkehr.

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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