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Die Wettbewerbshüter legten sich in Deutschland gegen eine Komplettübernahme der 451 Kaiser’s Tengelmann Supermärkte durch Edeka quer, ohne jedoch gleichzeitig grünes Licht für die Übernahme eines größeren Filialpakets durch die Rewe Group zu signalisieren.

Rewe ringt um Wachstum

20.04.2015

Rewe Deutschland rangelt mit Edeka um die Übernahme eines großen Pakets von Kaisers Tengelmann-Märkten. In Österreich wachsen Billa und Merkur minimal.

Das deutsche Kartellamt sorgte dafür, dass die diesjährige Jahresbilanzkonferenz der Rewe Group in Köln auf großes Medieninteresse stieß. Die Wettbewerbshüter legten sich dieser Tage gegen eine Komplettübernahme der 451 Kaiser’s Tengelmann Supermärkte durch Edeka quer, ohne jedoch gleichzeitig grünes Licht für die Übernahme eines größeren Filialpakets durch die Rewe Group zu signalisieren. Edeka wollte der Behörde weismachen, die Umsätze der Edeka Kaufleute dürften nicht dem Marktanteil der Edeka Gruppe zugerechnet werden. Und diese Finte, mit der zweistufige Handelsketten den Filialisten vor den Wettbewerbsrichtern eins auswischen wollen, hat in Alain Caparros, dem Vorstandsvorsitzenden der Rewe, den Kämpfer wachgerüttelt. „Die Edeka hat 1400 Filialen mehr als die Rewe“, betonte er mehrmals. Rewe gegen Edeka, ein formidabler genossenschaftlicher Bruderzwist, den Österreichs Adeg-Kaufleute nicht ohne Amüsement verfolgen dürften. Wurden sie doch vor Jahren ausgerechnet von der Rewe aus der verlustreichen Ehe mit der Edeka (Südbayern) befreit.

„Mit fairen Mitteln alles probieren“
Jedenfalls dürfe die Behörde Edeka und Rewe, was die Marktmacht betrifft, nicht in einen Topf werfen, warnte Caparros. Und: „Wir werden mit fairen Mitteln alles probieren, damit Edeka Kaiser’s Tengelmann nicht bekommt. Es geht um jeden einzelnen Markt.“ Interessant der Hinweis des Rewe-Chefs auf die Wettbewerbssituation in Österreich und der Schweiz, wo mit Spar bzw. Coop jeweils eine starke Nummer zwei dem Marktführer hart auf den Fersen sei und damit zum Vorteil der Konsumenten für einen intensiven Preiswettbewerb sorge; ein überraschendes Kompliment, das man bei Spar in Salzburg gewiss gerne hört. Knapp zehn Prozentpunkte beträgt aktuell der Marktanteils-Abstand der Rewe zur Edeka. Selbst wenn die Rewe das zwei Milliarden-Umsatzvolumen von Kaiser’s Tengelmann komplett übernähme, würde sich dieser Rückstand nur um 1,1 Prozentpunkte verringern. Für die Kölner aber wäre der Zugewinn von einigen hundert Umsatzmillionen viel mehr als ein Prestigegewinn.

Langfristige Kooperation mit Karstadt
Denn Rewe und Penny streiten mit Lidl & Kaufland (Schwarz-Gruppe) um Platz zwei im deutschen LEH. Lidl/Kaufland hält aktuell bei 14,9%, die Rewe bei 14,8%. Erst dahinter folgt Aldi mit 12,1%. (Quelle: Handelsblatt vom 6.4. 2015). Das große Verdienst des Alain Caparros: Er hat den Dschungel der Rewe-Vertriebslinien gelichtet und den Konzern von vielen verlustreichen Geschäften im Touristik- und im Fachmarktbereich (zuletzt Heimelektronik-Märkte) befreit. Größter Schnitt war der Ausstieg aus dem GV- und C&C-Geschäft. Größtes Langzeitprojekt bleibt die Sanierung von Penny. Dazu kommen einige kleinere Baustellen. So darf man gespannt sein, ob Perfetto, die gemeinsame Tochter von Karstadt und Rewe für den Betrieb der Lebensmittelabteilungen in den Warenhäusern, mit Rene Benkos Signa als neuem Karstadt-Eigentümer den Aufschwung schafft. Die Zusammenarbeit zwischen Rewe und Karstadt ist durch langfristige Verträge abgesichert.

Marktanteil kaum zu toppen
Acht Tage nach Köln folgte die Journalistenrunde mit Frank Hensel, dem Vorstandschef der Rewe International AG, im stilvollen Ambiente des Merkur am Hohen Markt, wo Kim kocht. Man versetzt sich in die Lage des Gastgebers: Wo sitzt sich’s angenehmer? Auf einem LEH-Umsatzpolster von 27,6 Mrd. Euro bei einem Marktanteil von 14,8% wie in Deutschland, oder auf einem LEH-Umsatz von 6 Mrd. bei einem Marktanteil von gut 35%, wie in Österreich? „Lieber in Gallien die Nummer eins, als in Rom die Nummer zwei“, soll schon Julius Cäsar gesagt haben. Einen kleinen Nachteil muss man allerdings als Provinzkaiser in Kauf nehmen. 35% Marktanteil durch Wachstum noch zu toppen, ist ungleich schwieriger, als die Aufstockung eines 15%-Marktanteils. Der Vereinbarkeit von Marktführerschaft und Wachstumsführerschaft sind ab einem gewissen Level gewisse Grenzen gezogen.

In Österreich am Plafond?
Um gerade einmal 30 Millionen Euro (+ 0,32%) stiegen die Erlöse im Jahresvergleich 2013 zu. Bei Billa macht das Plus von 0,38% knapp neun Millionen aus, Merkur steigerte laut Hensel um 0,61% ergibt einen Mehrumsatz von 11 Millionen. Und auch Penny bäckt bei uns kleinere Brötchen (und das nicht nur wegen Hofers Back Box). Ein leichtes Plus bescheinigte Jan Kunath, in Köln zuständiges Vorstandmitglied für Discount National und Discount International, der Österreich-Tochter. Was übrigens hat Penny hierzulande Hofer und Lidl voraus? Das stark wachsende Nachhaltigkeitslabel „Pro Planet“ und die Frischfleisch-Zerlegung in den meisten der Filialen. Unter Europas Discountern ist dieses Modell einzigartig. In einem Punkt sind sich Caparros und Hensel einig: Deflationäre Entwicklungen in einzelnen Warengruppen haben die Umsatzentwicklung der Branche in Richtung Nullwachstum gedrückt. „Durch die Deflation, in Deutschland besonders stark im Bereich Obst und Gemüse, haben wir im Rewe-Konzern rund 400 Millionen weniger Umsatz erzielt, als geplant“, sagte der CEO in Köln, in dessen Vorstandsagenden übrigens die Rewe International AG in Wiener Neudorf (Geschäftsfeld Vollsortiment international) fällt. Sinkende Lebensmittelpreise im LEH sind freilich nicht nur den schwankenden Rohstoffmärkten sondern wohl auch der Marketingpolitik der Marktteilnehmer geschuldet.

Für TTIP gut gerüstet
Treiber dieser Entwicklung sind die Handelsmarken in der Preiseinstiegs- und in der Mittelpreislage (wie die „Ladenmarken“ Billa und Merkur) und die Promotionanteile (die in Deutschland steigen) und hierzulande durch Geburtstagspreise und Warengruppenrabatte gepowert werden. Hensel will diesen Effekt nicht ausschließen, weist aber darauf hin, dass in Österreich der Aktionsanteil über die letzten Jahre hindurch konstant war und dass Billa, Merkur und Adeg verstärkt auf Dauertiefpreise setzen. Billa ließ zwar die Bestpreisgarantie sanft entschlummern, die flächendeckende Einführung von elektronischen Regalpreisschildern bei rund 150 Werbeartikeln ist hingegen ein kongenialer Ersatz und erlaubt ein flexibles Reagieren auf Preisaktionen der Mitbewerber. Einmal mehr bewährt sich dabei die Billa-Vorteils-Card, die bereits von 85% der Billa-Kunden genutzt wird. Mit dem „Pro Planet“-Programm, das in Köln und Wiener Neudorf gleichermaßen forciert wird und im Fleischbereich höhere Tierwohl-Standards vorsieht (z. B. 20% weniger Besatzdichte bei der Hühnermast), sieht sich die Rewe Group für ein künftiges TTIP-Szenario gut aufgestellt. Hensel: „Die Politiker in Wien und in Brüssel gaben sich einsichtig und schlossen sich unseren drei Hauptforderungen, nämlich maximale Transparenz, Beibehaltung unserer hohen Standards und Ablehnung von Schlichtungsverfahren außerhalb unserer Rechtordnung weitgehend an.“

Onlinegeschäft zieht an
Keine Presserunde ohne Online-Debatte. In Köln hieß es: Die Internet-Umsätze der Rewe lagen 2014 bereits im hohen zweistelligen Millionenbereich, die 100-Millionen-Schwelle werde heuer schon überschritten. Hensel sagt: „Wir sind mit Billa, Merkur und Bipa Marktführer im Onlinehandel und wollen unsere Position auch in der Zukunft halten, egal ob der Online-Anteil im LEH in zehn Jahren fünf, zehn oder zwanzig Prozent beträgt. Senkrechtstarter im Online-Geschäft ist Bipa mit „Click & Collect“. Der Umsatz, der damit erzielt wird, entspricht aktuell den Erlösen von sechs Bipa-Filialen. Eine Bipa-Filiale setzt im Durchschnitt 1,3 Millionen um, macht für die Online-Bestellungen aus einem stark erweiterten Sortiment ein Jahresvolumen in der Größenordnung von rund 8 Millionen. Und auch im Gastronomie-Geschäft schaltet die Rewe auf den Kampf-Modus. Was Kim am Hohen Markt kocht, kann man sich von einem Fahrradboten ready to eat (oder zumindest ready to heat) binnen 90 Minuten nach Hause kommen lassen. Billa (re)aktiviert sein Home Meal Replacement für kochfaule Pensionisten. In Berlin und Heidelberg startete Rewe den Restauranttyp dem witzigen Namen „Oh Angie“; der Kosename der Bundeskanzlerin: ein unschlagbarer Frequenzmotor. Nächster Schritt könnte eine europäische Einkaufskooperation zwischen den Kölnern und der Auchan Gruppe sein. Ein Heiratsvermittler hat sich bereits gefunden: Systeme U, ist nicht nur Mitglied der nach dem Abgang von Leclerc 2014 neu gegründeten Einkaufskooperation Core, bei der neben Rewe auch Coop Schweiz, Conad (I) und Colryt (B) mitmachen, sondern knüpfte jüngst auch Kooperationsfäden zu Auchan. „Europäische Einkaufskooperation werden künftig eine bedeutende Rolle spielen“, richtet Caparros der internationalen Markenartikelindustrie aus. (HPM)

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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